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Nach Konflikten siegte die Vernunft. | Geduld tut Not, man sollte sie aber nicht überstrapazieren. | Wien. Am Anfang stand eine Idee: Österreich braucht eine Einrichtung der Spitzenforschung, eine "University of Excellence". Der Gedanke, erstmals 2002 in Alpbach vom als "Vater des Beamens" bekannten Wiener Experimentalphysiker Anton Zeilinger formuliert, geisterte bald als "Elite-Uni" durch die Lande und ließ nicht nur Freude aufkommen. Universitäten und andere Forschungseinrichtungen fürchteten, das neue Projekt werde ihre Budgets schmälern, Studentenvertreter sprachen von "Geldverschwendung" und forderten, alle Unis müssten Elite-Unis sein, Politiker nahmen je nach Regierungsnähe positiv oder distanziert dazu Stellung.
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Das Jahr 2006 begann in Sachen "Elite-Uni" mit einem Knalleffekt. Als sich die Bundesregierung Anfang Februar offiziell für das niederösterreichische Angebot und damit für die ehemalige Landesnervenklinik in Maria Gugging bei Klosterneuburg als Standort entschied, zogen sich Anton Zeilinger und zwei andere renommierte Vertreter der Wissenschaft aus dem Projektteam zurück: der bald darauf zum Präsidenten der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gewählte Chemiker Peter Schuster und der früher an der Spitze des Wissenschaftsfonds FWF tätige Physiker Arnold Schmidt.
Proteste gegen Standort
Seitens etlicher prominenter im In- und Ausland tätiger österreichischer Wissenschafter, der Stadt Wien und der politischen Opposition hagelte es Proteste gegen die Standortwahl. Denn Gugging sei vom Wiener Zentrum aus mühsamer zu erreichen als andere mögliche Standorte wie St. Marx oder Aspern. Der Ort liege zwar schön im Wiener Wald, biete aber kaum Chancen für die Ansiedlung neuer Betriebe ("spin-offs") in der näheren Umgebung der geplanten Exzellenz-Einrichtung.
Hier habe die ÖVP-geführte Bundesregierung dem niederösterreichischen ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll einen Gefallen getan, lautete ein Vorwurf. SPÖ-Wissenschaftssprecher Josef Broukal kündigte an, seine Partei werde nach einem Wahlsieg nach einem neuen Standort Ausschau halten. Die Grünen brachten im Nationalrat 28 Anfragen zum Thema Gugging ein. Bundespräsident Heinz Fischer empfahl, Entscheidungen im Konsens mit den Wissenschaftern zu treffen.
Die Konflikte gingen weiter, als man für das "Aiast" (Austrian Institute of Advanced Science and Technology), wie das Projekt damals genannt wurde, eine neue Bezeichnung suchte. Es nach dem Philosophen Ludwig Wittgenstein zu benennen, lehnten Nachkommen Wittgensteins ab. Im Wissenschaftsministerium entschied man sich für "Institute of Technology - Austria" (Ista), doch in der medialen Öffentlichkeit blieb es bei "Elite-Uni", einem fragwürdigen Begriff, denn an dieser Einrichtung wird man kein Vollstudium absolvieren, sondern nur als Doktorand oder Post-Doc tätig sein können.
Regierung machte Tempo
Die Regierung stellte indessen im Eiltempo die Weichen für die Verwirklichung des Ista und legte Ziele und Grundsätze, Finanzierung und Organe fest. Für die ersten zehn Jahre wurden Kosten von 571,5 Millionen Euro veranschlagt, davon 455 Millionen für den laufenden Betrieb, die aus Bundes-, Landes- und Drittmitteln aufgebracht werden sollen.
An der zunächst beschlossenen Zusammensetzung des Kuratoriums erhitzten sich die Gemüter. Für dieses Gremium sollten von acht stimmberechtigten Mitgliedern sieben von der Politik, vier von der Regierung und drei vom Land Niederösterreich, bestellt werden.
Vorerst wurden aber zwei Komitees gegründet. Das nationale Komitee unter Leitung von Jürgen Mittelstraß, dem Chef des österreichischen Wissenschaftsrates, bekam die Aufgabe, das Projekt mit der nationalen und gesamteuropäischen Exzellenz-Strategie abzustimmen. Auch die EU bastelt ja an einem Elite-Uni-Modell.
Als Glücksfall erwies sich das von der österreichischen Industriellen-Vereinigung finanzierte "International Committee" unter der Leitung von Haim Harari aus Israel, dem langjährigen Leiter des dortigen Weizmann-Instituts. Harari und seine Kollegen in diesem "Weisenrat", Olaf Kübler (ehemaliger Präsident der ETH Zürich) und Hubert Markl (früher Chef der deutschen Max-Planck-Gesellschaft), sorgten sich nicht um die Standortfrage, wohl aber intensiv um die Mitsprache der Wissenschafter im Kuratorium.
"Man kann ein solches Institut nicht betreiben, ohne dass die Hälfte der Mitglieder eines solchen Gremiums Wissenschafter sind, einige davon aus dem Ausland", betonte Harari. Sollte die Hälfte der Kuratoriumssitze an Wissenschafter gehen und überdies das Budget des FWF um 30 Millionen Euro aufgebessert werden, signalisierte plötzlich auch die SPÖ Zustimmung zum Ista. Es siegte die Vernunft beziehungsweise die Einsicht, dass in der Wissenschaft mit Streitereien wenig politisches Kleingeld zu gewinnen, aber viel Budgetgeld zu verspielen ist.
Somit konnte das Gesetz zur Errichtung des Ista, das nun mindestens 14 Kuratoriumsmitglieder, davon zumindest die Hälfte Wissenschafter, vorsieht, am 29. März mit breiter Mehrheit beschlossen werden. Auch der ursprünglich gegenüber einer "Elite-Uni" skeptische Verband der Universitätsprofessoren (UPV) gab seinen Widerstand auf. Und im Juni stand fest, dass sich auch Anton Zeilinger wieder ins Boot holen ließ und der Wissenschafterfraktion im Kuratorium hinzugesellt. Er begründete das damit, dass sich die Politik zurückgezogen haben. "Der Wagen fährt in die richtige Richtung."
Derjenige, der den Wagen wieder flott machte, Haim Harari, erhielt im Herbst mit vollem Recht von Österreich das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse.
Als Hauptforderung nannte Haim Harari im Abschlussbericht des internationalen Komitees im Juni Unabhängigkeit der Wissenschafter. Er riet dazu, noch einen anderen Namen als "Ista" zu suchen und bei der Auswahl der Forscher nichts zu überstürzen. Es gehe um die besten Köpfe, und die finde man nicht von heute auf morgen. Man dürfe auch nicht bereits nach fünf Jahren nach den ersten Nobelpreisen oder nach High-tech-Jobs aufgrund der Einrichtung des Ista fragen. Es gehe um langfristige Erfolge, und das erfordere Geduld.
Betrieb frühestens 2008
Geduld ist nötig, aber man darf sie auch nicht überstrapazieren. Was in Maria Gugging geforscht wird, ist nach wie vor offen. Es hängt davon ab, welche der besten Köpfe man wann nach Österreich zu holen vermag. Vor 2008 ist mit echtem Betrieb nicht zu rechnen. Fixiert wurden im Herbst die Köpfe an der Spitze der Ista-Gremien: Böhler-Uddeholm-Generaldirektor Claus Raidl leitet das Kuratorium, Haim Harari das Exekutivkomitee, das einen Institutspräsidenten sucht und vorläufig dessen Agenden wahrnimmt, und Olaf Kübler den mit der inhaltlichen Ausrichtung des Ista befassten wissenschaftlichen Rat.
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