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Höchste Zeit für einen neuen Realismus

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Robert Gates, Amerikas neuer Verteidigungsminister, hat diese Woche gleich zu Beginn seiner Amtszeit gewarnt, dass ein Scheitern der USA im Irak eine "Katastrophe" wäre, die uns noch jahrzehntelang verfolgen würde. Leider hat er damit recht. Aber was wäre im Fall Irak eine realistische Definition von Erfolg? Was wäre unter diesen Umständen ein befriedigendes Ergebnis, das tatsächlich erreichbar ist?


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Diese Fragen hätten wir schon 2003 diskutieren sollen. Wir können das aber erst jetzt, weil Präsident Bush erst jetzt nach einer neuen Strategie für den Irak sucht. Was mir dabei Sorgen bereitet ist, dass er dabei wahrscheinlich wieder der Versuchung nicht widerstehen kann, von einem unrealistischen militärischen Triumph zu träumen.

Im Sinne der eigenen Sicherheitsinteressen sollten die USA nicht unbegrenzt als Besatzungsmacht im Irak bleiben, denn das ist genau die Falle, die der Feind ausgelegt hat: Die US-Truppen in feindliches Gebiet zu locken und langsam auszubluten. Die klassische Guerillataktik also, die auch in Algerien, in Vietnam, in Afghanistan und vielen anderen Kriegen erfolgreich war.

2003 schluckte die militärische Führung im Pentagon noch ihre Zweifel, jetzt aber nicht mehr. Einem Bericht von Robin Wright und Peter Baker in der "Washington Post" zufolge gibt es Widerstand gegen die Vorschläge, bis zu 30.000 zusätzliche US-Truppen in den Irak zu schicken.

In welchem Dilemma die US-Truppen im Irak stecken, davon konnte ich mich im August selbst überzeugen. Damals führten die USA gerade eine aggressive neue Kampagne durch, um die Kontrolle über problematische Teile Bagdads zurückzuerobern. Wir rumpelten also voll Optimismus durch Doura und Amiriyah, und unsere Demonstration von Militärgewalt schien zu funktionieren - allerdings nur kurzfristig. Die Aufständischen und Todeskommandos flohen zwar tatsächlich, sobald die US-Truppen jedoch außer Sichtweite waren, um andere Gebiete zu befrieden, kamen sie zurück. Ein neuerliches Aufstocken der Truppen im Irak würde diesen Kreislauf nur wiederholen.

Was wäre also eine realistische Strategie? Mit dieser Frage beschäftigte sich die Irak-Studiengruppe, und trotz all der Kritik am Baker-Hamilton-Report glaube ich, dass die wichtigen Fragen richtig eingeschätzt wurden. Etwa, dass ein zu rascher Abzug der US-Truppen ein Fehler und eine Teilung des Iraks gefährlich wäre.

Ein neuer radikaler Ansatz im Irak wäre, sich eine amerikanische Präsenz vorzustellen, die aufrechterhalten werden kann, egal ob es nun gerade Erfolge gibt oder nicht. Das könnte so aussehen: Die US-Truppen würden umverlegt, damit sie die Verbündeten besser unterstützen können und ein weniger gutes Ziel für die Bürgerkriegsparteien abgeben. Sie würden sich etwas zurückziehen, um mehr Bewegungsfreiheit zu erlangen.

Eine vernünftige Irak-Strategie müsste die Nachbarstaaten einbeziehen, die das Interesse der USA teilen, den Irak ohne Zersplitterung zu erhalten: Syrien, zum Beispiel und den Iran. Solange der Iran allerdings damit beschäftigt ist, Konferenzen zu veranstalten, die den Holocaust leugnen, wird daraus wohl nichts werden.

Aber völlig verrückt wäre es wohl, die Ideen des syrischen Außenministers Walid Moallem nicht aufzugreifen, die er letzte Woche mir gegenüber in einem Interview erläutert hat. "Unmoralisch" wäre ein rascher Abzug der US-Truppen, sagte Moallem. Er schlug eine gemeinsame syrisch-amerikanische Initiative zur Stabilisierung des Iraks vor und bedingungslose Friedensgespräche mit Israel. Nicht diskussionswürdig? Im Weißen Haus träumt man jedenfalls weiter vom großen militärischen Sieg im Irak. Vorschläge aus der realen Welt schmecken da leicht nach faulen Kompromissen.

Übersetzung: Hilde Weiss