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Seit fast 20 Jahren wird Insulin gentechnisch hergestellt, es gilt sozusagen als gentechnischer Klassiker der Arzneimittelindustrie. Das für Zuckerkranke so wichtige Hormon, das früher aufwendig aus Tierdrüsen gewonnen wurde, produzieren nun gentechnisch veränderte Bakterien. Und auch in anderen Bereichen gibt es kein Halten: In Deutschland etwa sind inzwischen 88 verschiedene Medikamente mit 66 gentechnisch hergestellten Wirkstoffen zugelassen.
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Der Markt wächst, neue Felder tun sich auf. Künftig werden Menschen wohl Organe von gentechnisch veränderten Schweinen transplantiert. Und im weltweiten Verbund mit Universitäten forschen die Pharmakonzerne weiter an der Entschlüsselung sämtlicher menschlicher Erbinformationen.
Nach Zahlen des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Berlin setzte die Industrie im vergangenen Jahr in Deutschland zwei Mrd. Euro mit gentechnisch hergestellten Medikamenten um. Das ist weit mehr als das Vierfache gegenüber 1996 und etwa sechs Prozent des Gesamtmarktes. Die Erwartungen der Patienten und Ärzte seien hoch, der Markt werde "weiter wachsen", betont der Verband. Genaue Prognosen wären aber aus der Luft gegriffen, meint VFA-Sprecher Marc Rath.
Doch immer mehr werde die Biotechnologie zur Schlüsseltechnologie: "Der VFA geht davon aus, dass es in wenigen Jahren keine neuen Wirkstoffe mehr geben wird, deren Entdeckung, Entwicklung oder Produktion ohne Biotechnologie erfolgte", so Rath.
Gemessen daran nehmen sich die Forschungsausgaben eher noch bescheiden aus: 282 Mill. Euro steckten die im VFA zusammengeschlossenen Unternehmen im vergangenen Jahr in die Gentechnologie, das sind 8,3 Prozent der gesamten Forschungsausgaben. Dennoch meldeten die Pharmakonzerne in Deutschland 208 biotechnologische Patente an, das ist nach den USA weltweit der zweite Platz.
Von den 310 neuen Wirkstoffen, die VFA-Unternehmen zur Zeit weltweit klinische erproben, ist jedes fünfte gentechnisch hergestellt. Die meisten davon sind für die Krebs-Therapie gedacht. Gleichzeitig werden vorhandene Medikamente weiter verbessert, etwa durch eine kürzere Wartezeit zwischen Spritzen und Essen beim Insulin.
Zu den neueren Forschungsfeldern gehört die Gentherapie. Ziel ist es, Krankheiten wie Krebs, Alzheimer oder auch Aids nicht durch Medikamente, sondern durch gentechnische Eingriffe direkt beim kranken Menschen behandeln zu können. Ein breiter Durchbruch sei hier noch nicht gelungen, erklärt Rath. Erste Erfolge gebe es aber bei seltenen Krankheiten, etwa der Immunschwäche ADA.
Ein weiterer Bereich ist die Xenotransplantation. Der Begriff kommt aus dem Griechischen, "xenos" bedeutet "fremd". Es geht dabei angesichts fehlender Organspenden um die Verpflanzung tierischer Organe, insbesondere von Schweinen, auf den Menschen. Durch Einpflanzung einer genetischen "Tarnkappe" versuchen die Pharmaforscher dabei zu verhindern, dass die fremden Organe vom Menschen abgestoßen werden. Theoretisch denkbar, bislang aber nur im Diskussionsstadium, ist das künstliche Klonen neuer Organe aus eigenen Körperzellen. Einfacher, aber zumindest in Europa unzulässig, wäre das Klonen aus Embryonen.
Das ethisch wohl folgenschwerste und damit problematischste Projekt läuft im weltweiten Verbund: Gemeinsam versuchen Wissenschaft und Industrie, die gesamten menschlichen Erbinformationen zu entschlüsseln. Erkenntnisse darüber, welches Gen für welche Funktion oder welche Krankheit verantwortlich ist, sollen helfen, Krankheiten früh zu erkennen, aber auch zu behandeln.
Was zur gezielten Bekämpfung bestimmter Krankheiten gedacht ist, kann aber ebenso eingesetzt werden, um Menschen mit bestimmten Eigenschaften zu züchten - eine Horrorvision, wie sie Aldous Huxley schon 1932 in seinem Roman "Schöne neue Welt" beschrieben hat. Doch diese soll es auf keinen Fall geben, entsprechend wurde die vergangene Woche vom Europäischen Patentamt vollzogene Rücknahme des Patents zur Züchtung menschlicher Stammzellen von Politik, Umweltschützern und Industrie einhellig begrüßt. AFP
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