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Bilanzierungsregeln der Banken verschärfen Finanzkrise. | "Wiener Zeitung": Anlässlich des Frühjahrsmeetings von Weltbank und IWF wurde die Schätzung der Höhe der Verluste, die Finanzinstitute aufgrund der Kapitalmarktkrise verkraften müssen, auf bis zu 1000 Milliarden Dollar gehoben. Sehen Sie einen zeitlichen Horizont, wann die Krise bewältigt sein könnte? | Wilfried Stadler: Ich würde den Horizont gerne benennen können. Vor einem halben Jahr habe ich zu jenen Optimisten gehört, die meinten, dass mit Vorliegen der Bilanzzahlen für 2007 das Thema ausgestanden sein würde. Die nun veröffentlichten Quartalsverluste vieler Finanzinstitutionen zeigen, dass dies offensichtlich nicht der Fall ist und dass es sich um mehr handelt als um eine Bereinigung schlechter US-Immobilienkredite, nämlich wohl um eine systemische Krise der internationalen Finanzmärkte.
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Das derzeit gravierendste Problem ist eine Liquiditätskrise. Banken borgen einander kaum noch Geld, was das Finanzsystem zeitweise nahezu zum Stillstand bringt.
Sie borgen es lieber Unternehmen als Banken.
Auch das nur noch sehr zurückhaltend, da sie nicht wissen, ob sie neue Kredite refinanzieren können.
Was sich jetzt als Liquiditätskrise herausstellt, hat seine Kernursache in Sonderfinanzierungsformen. Dazu gehören auch Asset-backed-securities, in denen bestehende Risiken gebündelt wurden, um sie nach dem Verleih eines Qualitätssiegels durch Ratingagenturen handelbar zu machen.
Und um sie aus ihren Büchern zu schaffen, um mit dem solcherart frei gewordenen Eigenkapital wieder neue Ausleihungen tätigen zu können.
Genau so ist es. Und es hat jenen Banken, welche diese Papiere gekauft haben, der Theorie nach ermöglicht, ihr Portfolio zu streuen und in Märkte zu investieren, in denen sie nicht mit eigenen Niederlassungen präsent waren. Der blinde Fleck der Notenbanken und Aufsichtsbehörden, aber auch der Finanzmarktteilnehmer selber war dabei allerdings, dass zwar das klassische Banksystem strenger und verschärft reguliert wurde.
Die parallel entstandenen außerbanklichen Finanzierungswege, die sogenannten strukturierten Investmentvehikel, die ihren Sitz oft in Steueroasen haben, wurden allerdings, wie sich im Nachhinein zeigt, vielfach nicht nach wasserdichten Prinzipien gemanagt, sodass paradoxerweise in dieser nebenbanklichen Finanzierungswelt die Liquiditätskrise entstanden ist.
Man war der Ansicht, dass man diese Spezialvehikel, in die verbriefte Forderungen verlagert wurden, nicht zu regulieren braucht, weil es sich nicht um Banken handelt. Man hat anscheinend das systemische Risiko der gestiegenen Vernetzung im Finanzsystem unterschätzt.
Jetzt, da viele dieser Vehikel sich nicht mehr refinanzieren können und viele dieser Papiere auf den Markt kommen, reiben wir uns in der Finanzwelt die Augen angesichts des offensichtlich extrem pro-zyklischen Effekts der Spielregeln. Die auf tagesaktuelle Markbewertung abgestellten Bilanzierungsprinzipien zwingen die Banken zum Teil zu Verlustausweisen, die über die realen Verluste weit hinausgehen, weil es bei vielen dieser Produkte und Papiere derzeit keine geordnete Preisbildung mehr gibt.
Eine Chance für Hedgefonds, unterbewertete Papiere günstig zu kaufen.
Eine Chance für manche Fonds, aber doch eine Instabilität, die in dieser Form nicht berücksichtigt war. Es zeigt sich, dass die Übertreibungen in beide Richtungen durch diese kapitalmarktorientierten Spielregeln gefördert werden. In der Phase, in der alle an die Aufwärtsentwicklung glauben, führte das zu einer offensichtlichen Überbewertung der Qualität der Veranlagungsinstrumente. Und in einer Phase der Kaufzurückhaltung führt das zu Wertkorrekturerfordernissen, welche die Banken nur schwer verkraften können, was wiederum zur Bewertungsunsicherheit im Zwischenbankenkontakt führt.
Was die Liquiditätskrise verschärft, weil die Banken einander nur noch sehr zurückhaltend Geld leihen.
Das ist, wie wenn im Theater einer aufsteht, um besser zu sehen, und alle anderen machen es ihm nach. Dann stehen alle, aber keiner sieht besser. Deshalb ist zu erwarten, dass innerhalb des nächsten Halbjahres ernsthafte internationale regulatorische Pakete geschnürt werden. Es ist wohl auch ein Verschulden der Finanzbranche, dass es nicht bei Selbstregulierungen bleiben wird. Die Finanzbranche hat zu lange zu offensiv die These vertreten, dass der Markt selber weiß, wie seine Rahmenbedingungen ausschauen müssen. Offensichtlich braucht es aber doch Dritte, die mitwirken.
Die Erkenntnis, dass die Selbstregulierung der Finanzmärkte irgendwann ihre Grenzen erreicht hat, ist ja nicht neu. Deshalb wurde etwa Basel II beschlossen, um die Eigenkapitalvorschriften für Banken präziser und risikogerechter zu gestalten.
Es hat sich aber gezeigt, dass es anscheinend nicht genügt, bloß das Bankensystem zu regulieren, sondern dass es notwendig ist, auch alle außerbanklichen Investitionswege genauer ins Visier zu nehmen. Und man wird sich sehr genau anschauen, ob die reine Kapitalmarktorientierung der Bilanzierungssysteme gewisser Adaptionen bedarf.
Sie haben schon in der Vergangenheit Kritik an den aus dem angelsächsischen Raum übernommenen, stark kapitalmarktorientierten Bilanzierungsregeln geübt, die auf eine möglichst getreue Darstellung des während eines Jahres oder Quartals erwirtschafteten Gewinns abstellen und die Bildung beziehungsweise Auflösung stiller Reserven, wie sie die Bilanzierungsregeln des alten Handelsgesetzbuches (HGB) kannten, kaum noch ermöglichen. Fühlen Sie sich nun bestätigt?
Ein wenig. Das traditionelle Vorsichtsprinzip der HGB-Bilanzen war sinnvoll, weil frei von dem Zwang, dem Kapitalmarkt jederzeit alles zum Tageswert zeigen zu müssen. Umso mehr, als ja die Illusion, dass der jeweilige Marktpreis bestimmter Aktiva immer der richtige Maßstab ist, gerade geplatzt ist. Ich bin ein in der Wolle gefärbter Marktwirtschafter, meine aber, dass die reine Kapitalmarktorientierung zu sehr an die Spitze getrieben wurde.
Ein logischer Schritt wäre, größere Sicherheitspölster einzubauen, indem man die Eigenkapitalerfordernisse von Finanzinstituten erhöht, was aber naturgemäß die Profitabilität und Renditen reduzieren würde.
Eine Nachjustierung bei Eigenmittelpölstern kann ein Ansatz sein. Ich gehöre aber nicht zu jenen, die glauben, dass jegliche Grundannahme über die wirtschaftliche Entwicklung, die sich später als unzutreffend herausstellt, durch Regulatorien eingefangen werden kann. Aber wir müssen aus der jetzigen Krise lernen und jene Effekte dämpfen, die in einer globalisierten Finanzwelt zu Überreaktionen führen.
Es wird immer spekulative Krisen geben, und es wird Auf- und Abschwünge in den Märkten geben. Weil sich aber die Schwungmasse dieser Entwicklungen über die globalisierten, liberalisierten Finanzmärkte deutlich erhöht hat, ist es notwendig, die Ausschläge, besonders, wenn es nach unten geht, nicht noch größer werden zu lassen als es sein müsste. Die gegenwärtige Liquiditätskrise ist nicht nur eine marktbedingte, sie wurde durch die geltenden Spielregeln verstärkt.
Österreichische Banken sind von der Finanzkrise nur in einem vergleichsweise überschaubaren Ausmaß betroffen, während mehrere deutsche Banken in ernsthafte Kalamitäten geraten sind und massive Kapitalspritzen ihrer - oftmals staatlichen - Eigentümer brauchen. Sind die österreichischen Banker schlauer als ihre deutschen Kollegen oder hatten die heimischen Banken einfach Glück?
Im Unterschied zu manchen deutschen Banken, insbesondere zu den Landesbanken, die auf ein sehr begrenztes regionales Gebiet orientiert waren, hatten die österreichischen Banken in ihren Nachbarländern so viele reale Investitionsmöglichkeiten, dass sie ihre knappen Eigenmittel gar nicht in einem nennenswerten Maß in diese nun problembehafteten Finanzvehikel investieren mussten, um ein ordentliches Bilanzwachstum zustande zu bringen.
Viele der deutschen Landesbanken - es ist kein Zufall, dass es diese besonders stark trifft - konnten durch den Sonderfaktor der Landeshaftungen und ihre daraus resultierenden überproportional guten Bonitätsbewertungen Geld am Kapitalmarkt zu extrem günstigen Konditionen aufnehmen. Mangels regionaler Investitionsmöglichkeiten haben sie dieses Geld eben in strukturierte Finanzvehikel investiert.
Österreichische Banken sahen hingegen ihre Chancen in der Entwicklung der Staaten Osteuropas und haben ihre begrenzten Eigenmittel dorthin gelenkt, was sich als überaus vorteilhaft herausgestellt hat.
Wilfried Stadler wurde 1951 in Salzburg geboren, studierte Volkswirtschaftslehre in Wien, arbeitete von 1977 bis 1983 im familieneigenen Sägewerk und war in den folgenden drei Jahren Referent im ÖVP-Wirtschaftsbund. 1987 trat Stadler in die Investkredit ein, wurde 1990 Vorstand in der Tochterbank Kommunalkredit und 1995 in den Vorstand der Investkredit berufen.
Seit 2002 leitet Stadler die Bank als Vorstandsvorsitzender. In dieser Funktion begleitete er 2005 auch die Übernahme des Instituts durch die Volksbanken AG, deren Vorstand Stadler nun ebenfalls angehört.

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