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Schlechte Berater, verheerende Politik und die Folgen. | 5,5 Millionen HIV-Positive, täglich rund tausend Aids-Tote. | NewYork/Wien. Immer wieder haben Aids-Aktivisten in den vergangenen Jahren die Pharmakonzerne dazu gedrängt, die Preise für wirksame Medikamente gegen die Immunschwächekrankheit in den armen, von der Seuche am meisten betroffenen Ländern auf ein entsprechendes Niveau zu senken oder es diesen Ländern zu gestatten, Generika (Nachahmepräparate) selbst zu produzieren. Derzeit etwa wird diese Forderung, unterstützt auch von "Ärzte ohne Grenzen", u. a. für Indien gestellt.
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Südafrika ging indessen andere Wege - zuständige Politiker und Gesundheitsbehörden nannten Aids-Medikamente wie AZT als "so giftig, dass sie mehr schaden als nützen" und forcierten die Herstellung traditioneller afrikanischer Heilmittel. Erst war dies Virudene, das als "Hoffnung der Nation" verkauft wurde, aber ebenso keine medizinische Wirkung hatte wie Secomet V aus Rotklee. Derzeitiger Renner bei den Erkrankten ist ein Kräutersaft, "Ubejhane", den der ehemalige Lkw-Fahrer Zeblon Gwala in seiner "Klinik" in Durban herstellt - auf Anweisung seines schon lange verstorbenen Großvaters, einem traditionellen Dorfheiler, der ihm im Traum erschien.
Michael Specter beschreibt im Magazin "The New Yorker" einen typischen Tag des Herstellers: "Mehr als hundert Leute kommen zu ihm, jeder zahlt für die 30-Tage-Anwendung fast ein durchschnittliches Gehalt von zwei Wochen, das Äquivalent für an die 100 Us-Dollar." Gwala rechtfertige dies damit, dass seine Medizin nie ihre Wirkung verfehle und dass sie, auch wenn er nicht wisse wie, die Zellen vor jeglichem Virus schütze.
Gwalas Tinktur hat, wie der US-Journalist weiter berichtet, eine mächtige Fürsprecherin: Manto Tshabalala-Msimang, Südafrikas Gesundheitsministerin, die im Vorjahr die Teilnehmer der internationalen Aids-Konferenz in Toronto (Kanada) mit einem offiziellen Vorsorgeprogramm gegen Aids überraschte, in dem rote Rüben, Olivenöl, Knoblauch, Zitronen und Süßkartoffeln gepriesen wurden.
Von den 48 Millionen Südafrikanern sind 5,5 Millionen mit HIV infiziert, nirgendwo sonst ist die Seuche derart tödlich. Täglich sterben an die tausend Menschen an Aids, während sich mehr als doppelt so viele neu mit HIV infizieren. Zwischen 1997 und 2004 hat sich die Todesrate auf Grund infektiöser Erkrankungen bei den Männern verdreifacht, bei den Frauen gar verfünffacht - und das auf einem Level, das ohnehin schon katastrophal genug war.
Duesbergs Irrtum
Specters großes Verdienst ist, dass er in seinem Artikel vor allem den folgenschweren Einfluss zweier Nicht-Südafrikaner auf die Gesundheitspolitik des Landes beschreibt.
Der aus Deutschland gebürtige Peter Duesberg, 70, war ein bedeutender, mit Auszeichnungen überhäufter Molekularbiologe, ist aber heute weitgehend isoliert in Berkeley, USA, tätig. 1987 publizierte er in "Perspectives in Cancer Research" seine Überzeugung, dass Aids nicht durch das HI-Virus verursacht wird; dieses sei vielmehr völlig harmlos und Aids eine Folge des Drogenkonsums.
Alle Wissenschaftler, die mit Aids-Forschung befasst waren, standen damals vor einem völlig neuen Phänomen: Werden im Blut eines Menschen Antikörper gegen einen Krankheitserreger gefunden, ist das üblicherweise ein Zeichen dafür, dass das Immunsystem den Erreger erfolgreich abgewehrt hat - der Mensch ist also immun gegen die Krankheit und bis heute basieren die meisten Impfungen auf diesem Prinzip.
Nicht so im Fall des HI-Virus, weil es erfolgreich das gesamte Immunsystem angreift. Und so war schließlich nicht mehr zu übersehen, dass eine Infektion mit dem Virus zur Erkrankung an Aids führt: "Wo immer wir HIV fanden, war Aids entweder schon da oder kam alsbald", schrieb HIV/Aids-Mitentdecker Robert Gallo 1991. Und auch Skeptiker, die zuvor von der Lebensstil-Hypthose ausgegangen waren - Drogen, Homosexualität, Armut, schlechte Ernährung, korrespondierende Erkrankungen - mussten schließlich einsehen, dass Gallo damit Recht hatte.
Raths Geschäfte
Alle nahmen dies zu Kenntnis - außer Duesberg, der auch dann noch an seiner Theorie festhielt, als das erste Medikament gegen Aids, AZT, Wirkung zeigte, und sich öffentlich zur Aussage verstieg, jeder, bei dem im Test HI-Viren gefunden würden, könne sich glücklich schätzen, denn dies beweise nur, dass er Antikörper gegen dieses freilich harmlose Virus in sich trage. Danach sperrte die US-Regierung ihm und seiner Arbeitsgruppe die Forschungsgelder.
Seinen großen Auftritt hatte Duesberg dennoch, nämlich als er im Jahr 2000 von Südafrikas neuem Staatspräsidenten Thabo Mbeki in ein Beratergremium berufen wurde, das zum Großteil aus Vertretern der HIV/Aids-Theorie und zu einem geringeren aus "Dissidenten" mit abweichender Meinung bestand. Mbeki und seine Gesundheitsministerin waren von Duesberg derart überzeugt, dass sie hinfort nachgerade zum Boykott der "westlichen Medikamente" aufforderten - just zu einer Zeit, da diese immer wirksamer wurden.
Heute sind es laut Specter lediglich rund 200.000 Betroffene, die nach westlichen Standards behandelt werden. Das Geschäft der internationalen Pharmakonzerne haben andere übernommen, wie zum Beispiel der deutsche "Alternativheiler" Matthias Rath, der mit seinen ebenso wirkungslosen wie überteuerten Vitamincocktails gegen Krebs etc. seit Jahren immer wieder für Schlagzeilen sorgt bzw. in diese gerät - etwa als ein von ihm medial als "geheilt" verkaufter deutscher Bub seinem Krebsleiden erlag. Raths Credo: "Warum sollen Südafrikaner weiter mit AZT vergiftet werden? Stopp dem dem Aids-Genozid durch das Drogenkartell!"
Südafrikanische Wissenschaftler, internationale Hilfsorganisationen und Aids-Aktivisten stehen dem so gut wie machtlos gegenüber. Das Land ist keineswegs so arm, dass HIV/Aids nicht wirkungsvoll bekämpft werden könnte, doch dazu braucht es eine andere Politik, welche die Volksgesundheit nicht Scharlatanen und Geschäftemachern anvertraut, die Ressentiments und Chauvinismen zu nützen wissen.
"Unsere traditionelle afrikanische Medizin ist ebenso gut wie jene Chinas, die überall respektiert wird", heißt es nun oft. Übersehen wird dabei, dass auch China nach Jahren sein Aids-Problem nicht mehr leugnen kann und ebensowenig, dass auch dort kein Kraut dagegen gewachsen ist.
Ein Desaster
Unterdessen tobt die Seuche und hinterlässt, wie überall in Afrika, neben der sozialen eine wirtschaftliche Katastrophe. Nicht nur, dass die Zahl der Neuinfektionen mit jedem Tag dramatisch ansteigt, betreffen diese vor allem junge Menschen: 30 Prozent der Frauen unter 20 Jahren sind infiziert, zwischen 20 und 25 beträgt die Rate bereits 54 Prozent. "Bis 30 sind es hundert Prozent und bald danach sind sie alle tot", so die Epidemiologin Quarraisha Abdool Karim von der Nelson R. Mandela School of Medicine in Durban. Zurück bleiben unzählige Waisenkinder und die Alten.
The New Yorker, Annals of Science, March 12, 2007. Michael Specter: "The Denialists" .

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