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Mindestens zwei Tote bei neuen Demonstrationen. | Tochter von Rafsanjani kurzfristig verhaftet. | Teheran/Wien. Im Iran ist wieder zu heftigen Protesten gegen die Regierung rund um Präsident Mahmoud Ahmadinejad gekommen. Rauchgaswolken, "Nieder mit dem Diktator"- Rufe und ein Katz und Maus Spiel der Demonstranten mit den Milizen prägten am Sonntag viele Straßen Teherans. Der sechsspurige Vali-e-Asr- Boulevard, eine der wichtigsten Nord-Südverbindungen der Millionenmetropole, war laut Augenzeugenberichten stundenlang in den Händen der "Grünen", wie sich die Opposition rund um Mir Hossein Moussavi und Mehdi Karroubi nennt.
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Während letztere sich immer noch unter Hausarrest stehen und daran gehindert wurden, an den Kundgebungen teilzu-nehmen, ließen ihre Anhänger nicht locker. Journalisten durften auch diesmal wieder nicht über die Vorfälle berichten.
Die Polizei und die paramilitärischen Bassijmilizen gingen auch diesmal rigoros mit Knüppeln, Peitschen und Tränengas gegen die Zivilisten vor. Angaben nicht-amtlicher iranischer Medien zufolge wurde ein Mann am Hafte-Tir-Platz erschossen, eine andere Frau soll ihren Verletzungen erlegen sein. Zudem berichten Oppositions-Websites von etlichen Verletzten und Festnahmen. "Wir sind keine tausend oder zweitausend Menschen gewesen, die man ignorieren könnte. Es war wie in einem Wild-West-Film, schildert einer der Demonstranten der "Wiener Zeitung" die Vorfälle. "Wir rannten immer wieder um unser Leben", bogen in Seitengassen in offene Einfahrten, kletterten über die Dächer und flohen. Es ist ein fatales Gefühl. Dauernd rechnen wir damit, erschossen zu werden".
Teherans Polizeichef Hossein Rahimi spielte die Vorfälle herunter und meinte, dass es "wegen der Präsenz der Ordnungs- und Spezialkräfte dichten Verkehr" gegeben habe, das sei aber auch schon alles.
Tatkräftige Schützenhilfe bekam die Opposition von Faezeh Hashemi, der Tochter des regierungskritischen Ex-Präsidenten Ali Rafsanjani. Sie ermutigte die überwiegend jungen Leute, zu bleiben, bis ihre Forderungen erfüllt würden. Regimetreue Sicherheitskräfte verhafteten sie kurzfristig, ließen sie dann aber nach Interventionen ihres Vaters, des Vorsitzenden des mächtigen Schlichtungsrates, wieder frei. Ali Akbar Hashemi Rafsanjani selbst kommt mittlerweile zunehmend unter Druck, weil er sich geweigert hat, sich deutlich von der Opposition zu distanzieren. Letzte Woche schließlich ließ er sich dazu hinreißen, die neuerlichen Aufstände als "Haram" (Sünde) zu bezeichnen und sie zu verurteilen. Gleichzeitig bleibt er bei seiner ablehnenden Haltung gegenüber Ahmadinejad. Genau deshalb wollen ihn viele Erzkonservative von seinem Posten als Chef des Experten -bzw. Schlichtungsrates entheben.
Deutsche Reporterwieder in ihrer Heimat
Indes sind die beiden "Bild am Sonntag" Reporter Jens Koch und Marcus Hellwig nach mehr als vier Monaten in iranischer Haft wieder seit Sonntag früh wohlauf in Deutschland gelandet. Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle jettete am Samstag höchstpersönlich zu einem Blitzbesuch nach Teheran, um die beiden nach einer Bußzahlung von je 35.700 Euro in einem Regierungsflugzeug nach Hause zu bringen. Die beiden Journalisten waren am 10. Oktober 2010 beim Versuch verhaftet worden, den Sohn und den Anwalt von der wegen Ehebruchs zu Tode verurteilten Sakineh Mohammadi-Ashtiani zu interviewen. Der Iran nutzte den seltenen Aufenthalt eines europäischen Spitzendiplomaten, um in einer Nacht und Nebel Aktion bilaterale Gespräche mit Außenminister Ali Akbar Salehi und Präsident Mahmoud Ahmadinejad zu organisieren. Salehi beharrte vor Journalisten darauf, dass Westerwelle keinesfalls nur wegen der beiden Journalisten nach Teheran gekommen sei, sondern auch zum Zweck bilateraler Gespräche.
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