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Kulturkampf um religiös Gesinnte. | Gouverneurskandidat im Zwielicht. | Columbus. "Gott war für das Leben, bevor es die Republikaner gab. Und er war für die Ehe, als Adam und Eva noch im Garten Eden lebten," erklärt Russell Johnson aus Ohio in einfachen Worten, warum er gegen Abtreibung und Homosexuellenehe ist. Johnson ist Pfarrer einer schnell wachsenden Kirchengemeinde in Lancaster, einer Kleinstadt im Bundesstaat Ohio. Und er gründete das "Ohio Restoration Project".
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Sein "Projekt für den Wiederaufbau" ist eine rechts-konservative christliche Organisation, die seit über einem Jahr mit Hilfe von sogenannten "patriotischen Pastoren" versucht, direkten Einfluss auf die US-Wahlen in November zu nehmen. Und dass, indem sie gewisse Politiker in Ohio offen unterstützen. Besser gesagt den republikanischen Kandidaten Kenneth Blackwell, der für den Gouverneursposten antritt.
Messlatte Gottesfurcht
"Ich will, dass jener Kandidat gewinnt, der meine christlichen Werte teilt und ein gottesfürchtiges Leben führt", erklärt der "leidenschaftliche Christ" seinen Kulturkampf in jenem Bundesstaat, der schon bei der US-Präsidentschaftswahl 2004 zu den am meisten umkämpften zählte.
Johnsons Wunschkandidat Blackwell gilt als rechter Hardliner. Selber Black-American, wettert er gegen Minderheiten, ist für das uneingeschränkte Recht auf Waffenbesitz und will Abtreibung abschaffen. Auch, wenn das Leben der Mutter auf dem Spiel steht: "Ich glaube daran, dass das Leben heilig ist. Egal wie schmerzhaft dies auch sei", meinte er einmal.
International bekannt wurde er, als er bei der Präsidentschaftswahl 2004 in seiner Funktion als oberster Wahlbeauftragte für Ohio unter Beschuss geraten war. Obwohl es unzählige Beschwerden über Wahlmanipulationen gab, verhinderte Blackwell eine neuerliche Stimmauszählung. Präsident Georg W. Bush gewann Ohio mit nur knapper Mehrheit vor dem demokratischen Herausforderer John Kerry und damit den Wiedereinzug ins Weiße Haus. Blackwell brachte sein Vorgehen über zwanzig Gerichtsverfahren ein, die ihm heute noch nachhängen.
Egal, Johnsons oberstes Ziel ist "Ohio für Jesus" zu gewinnen. Das ist sein und das Motto aller patriotischen Pastoren. Und davon gibt es nach Angaben des wortgewandten Mittfünfzigers bereits eine ansehnliche Menge. "Wir konnten in den letzten Monaten 1500 Pastoren rekrutieren und kommunizieren bereits mit 410.000 Haushalten", rühmt er sich. Und es werden immer mehr, meint er.
"Die linken Kirchen verlieren ihre Gläubigen und sind am Aussterben." Für ihn ist das nicht verwunderlich, sind diese doch die unheilige Allianz mit den Säkularen, also den "Nicht-Christen" eingegangen. "Das sind sonderbare Bettgenossen", sagt er und wirft ihnen so nebenbei "säkularen Jihad" gegen gläubige Christen vor.
"Leute, wie Johnson unterstellen uns, die Bibel nicht zu verstehen und keine richtigen Christen zu sein", beschwert sich Pfarrer John Lentz von der Forest Hills Presbyterian Kirche. "Und dass, weil wir die Bibel unterschiedlich interpretieren und manche Dinge anders bewerten."
Lentz ist Seelsorger einer 550 Menschen umfassenden Kirchengemeinde in Cleveland am Erie-See, im Nordosten des Bundesstaates Ohio. Und er ist Mitglied von "We believe Ohio".
Der Monolog ist vorbei
Diechristliche Vereinigung von Geistlichen unterschiedlicher Religionsrichtungen wurde Anfang 2006 als Antwort auf das "Restoration Project" gegründet. Sie bezeichnet sich als weder links noch progressiv, sondern lediglich "besorgt" und "verärgert".
"Als ob gleichgeschlechtliche Ehe und Abtreibung das Einzige wären, was uns US-Bürgern unter den Nägeln brennt", erklärt Lentz. Es gehe doch um vielmehr - um die "wahren moralischen Themen", wie Armut, Krieg, Bildung, Jobs und Umwelt. "Ich habe es satt, dass diese Rechten uns vorschreiben, was wir zu denken haben. Das ist Angst einjagendes, teuflisches Zeug, sowohl für Christen als auch Nicht-Christen", meint der junge Pfarrer.
"Der Monolog ist endgültig vorbei", gibt sich Tim Ahrens, Gründer der "We Believe"-Gruppe und Pfarrer in Columbus, Ohio kämpferisch. "Die religiöse Rechte ist nicht mehr die einzige, die das Megaphon in öffentlichen Debatten hochhält."
Er spricht davon, dass die linken Christen in den USA gerade dabei sind, sich neu zu organisieren, um wieder eine bedeutende Rolle in der amerikanischen Politik zu spielen. Eine Rolle, die sie seit Ende der 70er Jahren fast tatenlos den rechten Kräften überlassen hatten. Ein Fehler, meint man nun, stand doch das progressive Christentum in den USA einst an vorderster Front von sozialen Bewegungen, wie der Anti-Vietnamkriegs- oder Bürgerrechtsbewegung mit Reverend Martin Luther King als prominentestem Vertreter.
Fehler der Demokraten
Die strikte Trennung von Staat und Kirche, wie es die Demokraten stur einforderten, ging vielen Amerikanern manchmal doch zu weit. Viele fühlten sich von ihnen nicht verstanden. Bezeichnen sich doch 80 Prozent der US-Bevölkerung als Christen, mehr als ein Drittel davon geht jeden Sonntag in die Kirche und fast 75 Prozent sind der Meinung, die USA sei eine "christliche Nation". Viele von ihnen verstehen nicht, warum es in öffentlichen Schule zu Weihnachten verboten ist "Heilige Nacht" zu singen. In Ohio liegt der Anteil der Christen sogar noch ein wenig über dem US-Durchschnitt.
Die Demokraten stecken in der Zwickmühle, gibt der linke Evangelikale und prominente Autor Reverend Jim Wallis zu. In seinem vielbeachteten Buch "Gottes Politik - Warum die Rechte es falsch und die Linke es überhaupt nicht versteht" beschrieb er das Dilemma innerhalb der Demokratischen Partei. "Demokraten machen einen schweren Fehler, indem sie nicht die Sprache der traditionellen Familienwerte sprechen". Eine Fehlkalkulation, die sie in den letzten Jahren mit schwindenden Wählerzahlen bezahlen mussten.
Langsam formieren sich in den USA linkschristliche Gruppierungen und Diskussionszirkel. Faith-Community-Koordinatoren werden in die politisch umkämpften Regionen gesandt, Konferenzen organisiert. Immer mehr Websites und Bücher über Strategien zur Rückgewinnung der amerikanischen Seele sind dem interessierten Amerikaner zugänglich. An der Spitze der Bewegung stehen vor allem die Kirchen der Black-Americans, linke Evangelikale, liberale Katholiken und Juden sowie Organisationen, die sich aus Angehörigen unterschiedlicher Religionen zusammensetzen.
Der Irakkrieg, das überbordende Budgetdefizit, Sex- und Korruptionsskandale und die Ignoranz gegenüber der Umwelt von Seiten der Republikaner spielen den Progressiven wohl in die Hände. Immer mehr Evangelikale fragen sich, ob es überhaupt noch einen Platz im "großen Zelt der Republikaner" für sie gäbe. Daher könnten der Partei in den kommenden Jahren Wähler abspenstig gemacht werden. Wenn diese nicht überhaupt den Wahlen fernbleiben.
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