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Radikale Tamilen wollen einen unabhängigen Staat errichten

Von Dillip S. Samarasinghe

Politik

Colombo - Kämpfe zwischen Regierungstruppen und separatistischen Rebellen unter Tamil Eelam hat Sri Lanka in den letzten Wochen wieder in die Schlagzeilen der internationalen Presse gebracht: Die Kämpfe, die bereits seit 18 Jahren wüten, entbrannten diesmal auf der nördlichen gelegenen Halbinsel Jaffna, die sich seit 1995 in der Hand von Regierungstruppen befindet.


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Die Halbinsel ist von äußerster strategischer Bedeutung für beide Kriegsparteien. Jaffna ist die größte Stadt in dem von Tamilen dominierten Norden und wurde einige Jahre von der Guerilla kontrolliert. Deren Anführer Vellupiallai Prabakharan rief schließlich die Unabhängigkeit aus, der Einfluss der Regierung beschränkte sich auf einige Stützpunkte. Diese Situation hielt bis 1995 an, als die Regierung unter Präsident Chandrika Bandaranaike Kumaratunga Streitkräfte entsandte, um die Rebellen zu vertreiben.

Die Rebellen zogen sich daraufhin in den nördlich und östlich gelegenen Dschungel zurück und nahmen ihre alte Rolle als Guerillatruppe wieder auf. Die bewaffneten Verbände der Regierung ihrerseits starteten verschiedenen Offensiven mit dem Ziel, die zurückgewonnene Halbinsel mit dem Festland zu vereinen. Diese Operationen hatten jedoch wenig Erfolg und überließen das Land in einer militärischen Pattsituation.

Versuche, Friedensverhandlungen in Gang zu bringen sind bisher gescheitert. Es existiert aber ein Vorschlag der Regierung, der eine Dezentralisierung der Macht beinhaltet und Sri Lanka in eine Union von Regionen umwandeln will. Dieser Vorschlag wird von moderateren tamilischen Politikern, die bereits einer föderale Lösung zugestimmt haben, durchaus wohlwollend aufgefasst, nicht aber von der LTTE, die den unabhängigen Staat "Eelam" errichten will.

Interessant ist, dass viele Staaten der UN in diesem Konzept einen möglichen Vorschlag für die Dezentralisation der Macht in Sri Lanka sehen. Wenn umgesetzt, würde dies zu einer intensiven Verschiebung der Kompetenzen vom Zentrum zu den Provinzen führen.

Die LTTE ihrerseits hat diese sogenannte "Paketlösung" zurückgewiesen. Sie verlangt nicht weniger als einen unabhängigen Staat mit See- und Landesgrenzen. Das Territorium "Tamil Eelam" würde zwischen ein Drittel und der Hälfte Sri Lankas umfassen und hätte etwa zwei Drittel der Küste des Landes. Das Problem verkompliziert sich noch dadurch, dass die meisten LTTE-Mitglieder der Kaste der Fischer und Seeleute angehören, die in der tamilischen Gesellschaft wenig Ansehen genießt. Die übrigen Kasten befürchten daher ihre Marginalisierung, sollten sie die Waffen niederlegen. Die LTTE hat tamilische Politiker aus höheren Kasten, wie Neelan Thiruchelvam - eine der Schlüsselfiguren bei der Vorbereitung des Regierungsprogramms zur Dezentralisation - eliminiert. Thiruchelvam führte die "Tamil United Liberation Front" (TULF) an, eine Partei die sich für tamilische Autonomie ausspricht und kurzzeitig sogar mit den Seperatisten sympathisierte und die bewaffneten Aktionen von LTTE unterstützte. Aber nachdem in den letzten Jahren viele Anführer der TULF von der LTTE ermordet wurden, wandte sich erstere dem parlamentarischen Weg zu.

Die jüngsten Kämpfe kommen daher zu einer Zeit, in der wenig Aussicht auf Verhandlungen besteht. Der letzte Vermittlungsversuch wurde von Norwegens Chefunterhändler Erik Solheim unternommen. Die Norweger wollten als Schiedsrichter zwischen der Regierung Sri Lankas und der LTTE verstanden werden. Die Kernüberlegung war, dass Norwegen dieselbe Rolle, die es bei der Beilegung des israelisch-palästinensischen Konfliktes im Nahen Osten gespielt hatte auch hier übernehmen könnte.

Diese Überlegung zog jedoch zwei wesentliche Punkte nicht in Betracht: Bei der Lösung des Nahostkonflikts spielte die USA als Vermittler eine wesentliche Rolle. Im Falle Sri Lankas hat aber weder die USA, noch sonst eine Großmacht ein Interesse an der Beendigung des Konflikts.

Zweitens wurde die Rolle Indiens bei diesem Konflikt außer Acht gelassen: Indien hat in der Vergangenheit die LTTE massiv mit Waffen unterstützt, um eine weitergehende Kontrolle über das Land ausüben zu können. Das Ergebnis war der "Indo-Lanka" Friedensvertrag, der Sri Lankas Gebietshoheit eng an indische Sicherheitsüberlegungen bindet. Aus den aktuellen Kämpfen hält sich Indien jedoch heraus und beschränkt sich auf die Kontrolle der schmalen Palk-Meerenge, die die beiden Länder voneinander trennt.

Ein Ende des derzeitigen Konflikts erscheint unter den gegebenen Umständen höchst unwahrscheinlich, zieht man die unnachgiebige Haltung der LTTE und komplexe Gesamtsituation in betracht.

Übersetzung von Michael Schmölzer

Der Autor studierte Internationale Beziehungen an der Columbia University und liest am Bandaranaike-Center für Internationale Politik in Colombo.