PodcastChina überholt gerade die Wirtschaftsleistung Europas. Daran könnte auch die erfrischend diesseitige Spiritualität der Chinesen einen Anteil haben.
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Irgendwann in diesem Sommer könnte, trotz der momentanen ökonomischen Zores, ein wahrlich historischer ökonomischer Meilenstein erreicht sein: China wird (wenn man die unterschiedliche Kaufkraft berücksichtigt) erstmals die Wirtschaftsleistung der Eurozone übertreffen. Und auch bis das Reich der Mitte an den USA vorbeizieht, werden wohl nur mehr einige wenige Jahre vergehen.
Dass dieser enorme Erfolg nicht zuletzt einer Mischung aus ziemlich ungebändigtem Kapitalismus und ziemlich effizienter, weil pragmatischer staatlicher Planung geschuldet ist, gilt im Westen als ausgemachte Sache.
Wenig beachtet und regelmäßig unterschätzt wird hingegen eine faszinierende andere Wurzel des chinesischen Wirtschaftswunders: die traditionell ganz außerordentlich diesseitsorienterte Religiosität der Chinesen, der Konzepte wie "Himmel" oder "Hölle" völlig fremd sind. Die große Mehrheit der Chinesen verwendet eine Mischung aus uraltem Volksglauben, Wahrsagerei und Handlesen, vermischt mit Konfuzianismus und Buddhismus. Religion und Bekenntnis spielen keine Rolle, das Ganze wird hochgradig utilitaristisch gesehen: Was zählt, ist die Hilfe der Götter beim Bewältigen des irdischen Daseins, wenn geht, bitte, einschließlich Reichtum und langes Leben.
An ein Leben nach dem Tod zu glauben, gilt im Reich der Mitte hingegen als eher töricht.
Das hat natürlich erhebliche Auswirkungen auf den Erwerbstrieb der Chinesen und damit die Wirtschaftskraft Chinas. Wer nicht auf die unendlichen Freuden des christlichen Paradieses oder gar die 72 Jungfrauen im islamischen VIP-Jenseits hoffen kann, wird seine Energien in weit höherem Ausmaß auf das Diesseits fokussieren. Das geradezu erotische Verhältnis der meisten Chinesen zu Geld und Gold passt bestens in dieses Bild. Das heißt: Chinas extrem pragmatische Spiritualität nach dem Motto "Mit Gott zum Geld" kann durchaus genauso als Standortvorteil verstanden werden wie anderswo Rohstoffvorkommen oder Energiereserven.
Ein Zusammenhang, der übrigens in großen Teilen der islamischen Welt genauso sichtbar wird, wenn auch mit umgekehrten Auswirkungen. Denn die Vermutung liegt nahe, dass die ungebrochene Vitalität des Islam mit seiner besonders robust ausgeprägten Jenseits-Orientierung nicht eben zu besonderen ökonomischen Anstrengungen im Diesseits anspornt. Der renommierte pakistanische Atomphysiker (und Moslem) Pervez Hoodbhoy hat das im "Spiegel" recht drastisch formuliert: "Es gibt rund 1,5 Milliarden Muslime in der ganzen Welt - aber sie können in keinem Bereich eine substanzielle Errungenschaft vorweisen. Nicht im politischen Bereich, nicht in gesellschaftlicher Hinsicht, weder in den Naturwissenschaften noch in der Kunst oder in der Literatur. Alles, was sie mit großer Hingabe tun, ist beten und fasten."
Das mag etwas stark verkürzt sein, ist aber im Kern zutreffend, leider. So wie sie, etwa im Falle Chinas, ein Standortnachteil sein kann, vermag Religion das weltliche Vorankommen ihrer Anhänger auch vehement zu behindern.
ortner@wienerzeitung.at

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