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Rotes Strampeln im schwarzen Kernland

Von Karl Ettinger

Politik

SPÖ-Chefin Rendi-Wagner ist auf ihrer Wahltour oft Zuhörerin. Es ist auch eine Motivationsreise mit schwieriger Ausgangsposition. Eine Reportage.


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Orth an der Donau. Sie sitzt Seite an Seite mit ihrer ehemaligen SPÖ-Regierungskollegin Sonja Hammerschmid und lauscht den Ausführungen des IST-Austria-Präsidenten Tom Henzinger, dem Institut für Science and Technology. SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner ist als Spitzenkandidatin auf Österreich-Tour für die Nationalratswahl auf dem Campus des Spitzenforschungsinstituts in Gugging bei Klosterneuburg eingeladen. Mit Ex-Bildungsministerin Hammerschmid hört sie, wie Henzinger aufzählt, dass mehr als 120 Millionen Euro aus Drittmitteln hereinkommen. Sie hakt ein, als davon die Rede ist, dass es mit Spenden wie in den USA oder Israel hapere. "Das gibt’s gar nicht", betont sie.

So richtig in ihrem Element ist die gelernte Medizinerin und frühere Gesundheitsministerin bei dem Campus-Rundgang, als es im Medizin-Labor um das Immunsystem geht. Sie hört interessiert zu, als geklagt wird, dass die Österreicher zwar stolz auf die Erfolge ihrer Skifahrer seien, der zweite Platz für die Forschungsstätte im internationalen Vergleich aber nicht so gewürdigt werde. "Die Gesellschaft muss das als wichtigen Bereich für die Zukunft sehen", sagt die SPÖ-Vorsitzende. Das gehe, indem etwa auf die Onkologie verwiesen werde.

Zu Mittag hört Rendi-Wagner wieder zu. Diesmal bei Gulaschsuppe und Natursäften auf dem Biohof Adamah in Glinzendorf im Marchfeld wenige Kilometer von der Wiener Stadtgrenze entfernt. Hier erzählt Bio-Altbauer Gerhard Zoubek von der Landwirtschaft, die von der Familie weitergeführt wird, über den tieferen Sinn von biologischer Produktion. Zwischen Obstpaletten, Strohballen und spielenden Kindern macht sich ein Arche-Noah-Gefühl breit. Tiefgrünes politisches Terrain gleichsam. Urbanität trifft Land in Person von Rendi-Wagner, die aus einem Gemeindebau in Wien-Favoriten im Berufsleben aufgestiegen ist und im Herbst 2018 überraschend zur ersten Parteichefin der einstigen Arbeiterpartei SPÖ geworden ist.

Auf grünem Terrain kommt das Glyphosat-Verbot an

Auch Biobauern mit großem Vertrieb sind Unternehmer. 130 Mitarbeiter sind im Einsatz. Daher klagt der Bio-Vorkämpfer, er würde sich eine Senkung der Lohnnebenkosten wünschen. "Glyphosat verbieten, find i genial", setzt er fort. Das geht bei der roten Wahlkämpferin runter wie der Bioapfelsaft am Hof. Denn ihre Partei hat mit FPÖ-Hilfe ein Totalverbot beschlossen. Sie kämpfe schon seit ihrer Zeit als Gesundheitsministerin dagegen, sagt Rendi-Wagner. Die ÖVP, die gebremst habe, kriegt noch ihr Fett ab. "Unkrautvernichtungsmittel" nennt sie Glyphosat.

Rendi-Wagner spricht auch den Umstand an, dass der Biohof in der kleinen Ortschaft mit öffentlichen Verkehrsmitteln wie auch die Gemeinden in der Umgebung nur schwer erreichbar sind. Die SPÖ und ihre Spitzenkandidatin haben in diesen Tagen das Österreich-Ticket um drei Euro pro Tag als Wahlkampfschlager entdeckt. Eine Tafel mit Sprüchen zur Aufmunterung, die wie beiläufig im Durchgang hängt, könnte wie bestellt für die SPÖ-Wahlkämpferin sein. Schließlich liegt die ÖVP mit Ex-Bundeskanzler Sebastian Kurz in Umfragen für die Nationalratswahl klar voran.

Die SPÖ-Zentrale hat erst vor kurzem Daten, wonach die SPÖ nach matten Umfragewerten zulegt, als Signal für eine Trendwende gedeutet. "Hör’ nie auf zu träumen", "Gib niemals auf", ist auf der Tafel in Glinzendorf zu lesen. Im pechschwarzen bäuerlichen Marchfeld sind Rote schon beinahe ähnlich exotisch wie Zucchini hier im Verkaufsladen.

SPÖ-Ortschefin ist mit Rendi-Wagner zufrieden

Aber es gibt die eingefleischten Roten auch in Niederösterreich, das von der ÖVP selbstbewusst immer wieder als schwarzes Kernland bezeichnet wird. In Orth an der Donau haben sich zwei Dutzend rote Funktionäre von den Kinderfreunden bis zu den SPÖ-Frauen im Klubhaus beim Meierhof eingefunden.

Die frühere Postbeamtin, die SPÖ-Bürgermeisterin aus dem neuen Großenzersdorf, der Chef der SPÖ-Gemeinderatsfraktion mit fünf Mandataren, die einer Mehrheit von 13 ÖVP-Gemeinderäten gegenübersteht. Angeführt von der jungen SPÖ-Ortsparteichefin Sabrina Sackl-Bressler empfangen sie an diesem Nachmittag die Bundesparteivorsitzende zur Radtour. "Wir sind zufrieden", sagt die rote Ortsparteichefin über Rendi-Wagner.

"Wir san am miesesten Ergebnis und san immer no Zweite", springt ein SPÖ-Funktionär bei. Mit "Yes we Pam"-Plaketten und großteils in knallroten Leibchen werden die Räder bestiegen. Dass einer mit "Yes we Pam"-Plakette ausgerechnet im einem türkisen Leibchen gekommen ist, gilt als Fauxpas.

Nur wenige Wähler getroffen

Bei der Mariensäule stoppt der Tross nach ein paar hundert Metern. Rendi-Wagner, in weißem Baumwoll-Leibchen und enger schwarzer Jeans, trifft auf eine pensionierte Ärztin. Sie ist freundlich, beredt, macht aber nicht den Eindruck einer um Stimmen heischenden Politikerin, auch wenn sie für einige Selfies und Fotos zur Verfügung steht. Zwei Polizisten machen ihr danach ihre Aufwartung. SPÖ-Nationalratsmandatar Rudolf Plessl bringt das Gespräch mit dem Hinweis, die SPÖ-Forderung nach mehr Personal für die Exekutive komme sehr gut an, in Gang. Monatlich müsse ein Kontingent für den Flughafen Schwechat abgestellt werden, erfährt die SPÖ-Chefin. "Ihr helft’s da aus", antwortet sie. Dann geht das rote Strampeln im schwarzen Kernland nicht nur im übertragenen Sinn zum Uferhaus, einem Gasthaus direkt an der Donau.

Eine SPÖ-Mitstreiterin aus Rudersdorf im Burgenland strampelt ebenfalls mit, hat zufällig via Facebook von der Radtour erfahren. Während die Tour von Kurz seit Wochen von den schwarzen Strategen inszeniert wird, hat Rendi-Wagner an diesem Tag nur wenige Wähler, abgesehen von jenen Roten, deren Stimmen sie sicher hat, getroffen. Dabei ist der stundenlange Zeitaufwand für eine Spitzenpolitikerin doch groß. Ihr Team setzt da auf die Welle der Verbreitung durch die roten Mitstreiter in den sozialen Medien. Bleibt abzuwarten, wie sehr sich das am 29. September niederschlägt.