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Bankier Tihipko könnte vor Premierministerin landen. | Oppositionschef Janukowitsch ist die Stichwahl sicher. | Kiew/Moskau/Wien. Julia Timoschenko kann auch kratzen und beißen: "Tigrjulja", ein adretter rot-weiß-gestreifter Tiger mit dem blondem Haarkranz der ukrainischen Premierministerin, soll den Kampfeswillen der einstigen Ikone der Orangen Revolution verkörpern. Wahlhelfer geben die Fotomontage aus Tiger und Haarkranz im Schneetreiben des ukrainischen Wahlkampfs Passanten mit auf den Weg.
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Doch es sieht nicht gut aus für die 49-jährige Regierungschefin: Traut man russischen Umfragen - ukrainische Institute dürfen seit Jahresbeginn keine Daten mehr veröffentlichen - könnte die stimmungsbewusste Politikerin trotz ihres Talents, sich zu vermarkten, am 17. Jänner eine herbe Enttäuschung erleben: Serhij Tihipko, ein Bankier, der wie Timoschenko aus der Stadt Dnipropetrowsk stammt, soll in den letzten Wochen stark zugelegt haben und bereits knapp vor der Premierministerin, deren Amt in Krisenzeiten immer mehr zu einem Mühlstein wird, auf Platz zwei rangieren. Bewahrheitet sich der Trend, über den auch ukrainische Politikbeobachter sprechen, wäre es Tihipko, der am 7. Februar in der Stichwahl gegen Oppositionschef Wiktor Janukowitsch, der in Umfragen weit vorne liegt, um das höchste Amt im Staat kämpft. Damit wären beide Symbolfiguren der Orangen Revolution von 2004 aus dem Rennen: Die Zustimmung zu Präsident Wiktor Juschtschenko liegt seit langem im einstelligen Bereich.
Kein Unbekannter
Tihipko (russisch Tigipko) könnte zugute kommen, dass er sich im endlosen ukrainischen Politstreit als relativ unverbraucht präsentieren kann. Dabei ist der Ex-Notenbankchef in der ukrainischen Politik kein Unbekannter: Tihipko, der sich als "starker Präsident" affichieren lässt und damit eine weit verbreitete Sehnsucht anspricht, war bereits Chef von Janukowitschs Wahlstab und auch Berater Timoschenkos. Bislang ist es ihm zudem gelungen, sich in der ganzen Ukraine als wählbar zu präsentieren und potenzielle Wähler im Westen und Osten des Landes nicht zu vergraulen: Er will die Beziehungen zu Russland, die unter Juschtscheko stark gelitten haben, wieder verbessern: So soll etwa der Pachtvertrag für die russische Schwarzmeerflotte in Sewastopol auf der Krim verlängert werden. Langfristig soll auch eine EU-Integration des Landes angestrebt werden. Vor allem aber will der Bankier, der rund 7,5 Millionen Euro seines Privatvermögens in den Wahlkampf gesteckt hat, die Wirtschaft ankurbeln.
Schwierige Prognosen
Freilich sind in der Ukraine derzeit alle Prognosen mit Vorsicht zu genießen: Mehr als ein Drittel der Wähler soll sich immer noch nicht festgelegt haben, etliche könnten zudem überhaupt auf den Urnengang verzichten. Besonders die Frage, wen die früheren Juschtschenko-Anhänger im Westen und Zentrum des Landes wählen, ist mehr als unklar. Im März hatte in der Westukraine die Enttäuschung über die arrivierten Politiker bei einer Regionalwahl gar eine extremistische Nationalistenpartei auf Platz eins gespült: Deren Führer Oleh Tjahnybok wirbt dort auch bei der Präsidentenwahl intensiv um Stimmen. In der gesamten Ukraine werden dem Chef der "Allukrainischen Vereinigung Freiheit" freilich kaum Chancen zugebilligt.
Ob aber nun der Favorit Janukowitsch, Timoschenko, Tihipko oder gar Ex-Außenminister Arseni Jazenjuk das Rennen machen: Alle chancenreichen Kandidaten wollen die Beziehungen zu Russland verbessern. Besonders die Idee eines Nato-Beitritts der Ukraine, wie sie Präsident Juschtschenko vertritt, scheint der Vergangenheit anzugehören: Etwa 60 Prozent der Bevölkerung sprechen sich in Umfragen in der gemischtethnischen Ukraine gegen eine solche Option aus.
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