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Siri Hustvedt

Von Bernadette Conrad

Reflexionen

Die amerikanische Schriftstellerin Siri Hustvedt über Happy Ends, Traumata und das Arbeiten an der Seite ihres Ehemanns Paul Auster - und schließlich darüber, was das alles mit ihrem neuen Roman zu tun hat.


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Wiener Zeitung: Siri Hustvedt, was sind die "Leiden eines Amerikaners", von denen Ihr neuer Roman handelt? Siri Hustvedt: Die Geschichte wird aus der Sicht eines Psychotherapeuten namens Erik Davidsen erzählt. Er lebt allein in seinem Haus in Brooklyn, seine Frau hat ihn verlassen, und jetzt zieht eine junge Künstlerin namens Miranda mit ihrer kleinen Tochter Eggy bei ihm zur Untermiete ein, von der er bald fasziniert ist. Vor kurzem ist sein Vater gestorben, und dessen schriftliche Erinnerungen, vor allem an seine Zeit als Soldat im Zweiten Weltkrieg, werden für Erik und seine Schwester Inga zum Ort der Erinnerung und Auseinandersetzung mit dem Vater. Inga, die ihm sehr nahe steht, hat immer noch mit dem schon ein paar Jahre zurückliegenden Krebstod ihres eigenen Mannes zu kämpfen. Für Sonia, Ingas Tochter, kommen zum Verlust des Vaters noch die Schreckensbilder des 11. September hinzu, die sie verfolgen. Von diesen unterschiedlichen Leiden, Verletzungen, Verunsicherungen erzählt mein Roman.

Der Originaltitel "The Sorrows of an American" lässt mich an die im Deutschen gebräuchliche ironische Wendung denken: na, du hast Sorgen. Liegt denn Ironie in diesem Titel?

Nein, gar nicht... Für mich ist der Titel eine Art prägnanter Zusammenfassung des Ganzen. Wahrscheinlich lässt sich sagen, dass der Roman von verschiedenen Formen traumatischen Erlebens erzählt.

Oder dass die Zerbrechlichkeit des Menschen selbst das Thema ist? Das Buch zeigt, wie erschütterbar letztlich die Stabilität jedes einzelnen ist; der Tod geliebter Menschen, Kriege, unfassbare Ereignisse wie der 11. September...

Ich glaube, dass jeder Mensch von sich selbst die Vorstellung eines kohärenten Selbst braucht, um leben zu können. Aber das Material, aus dem ein Leben gemacht ist, ist alles andere als kohärent, sondern eher fragmentarisch. Denken Sie nur an das kleine Mädchen Eggy, das mit dem Wollknäuel spielt: sie versucht, alle Gegenstände im Zimmer zusammenzubinden. Das ist eine Metapher für das, worum es mir geht. Leben ist immer fragmentiert; es ist schwierig und manchmal unmöglich, alles zusammenzuhalten. Erik hat ja von Berufs wegen mit diesen Fragmentierungen zu tun. Das hilft ihm vielleicht, die Fragmente seines eigenen Lebens mit einem gewissen Abstand zu betrachten.

In einer deutschen Zeitung wurde Ihnen vorgeworfen, Sie würden gleichsam von Luxussorgen erzählen. Hat dieser Amerikaner Erik, dem es doch eigentlich ganz gut geht, wirklich schwere existenzielle Sorgen?

Was wären denn wirkliche Sorgen? Hunger? Krieg? Sicher. Aber dies ist ein Buch, das in Brooklyn spielt, nicht im Irak, und ich würde mir niemals anmaßen, etwa über die Erfahrungen eines Irakers im Krieg zu schreiben - was weiß ich davon?

Wovon ich hingegen etwas weiß, ist, wie es in New York nach dem 11. September zuging. Und wovon ich durch die Tagebücher meines Vaters - aus denen ich mit seinem Einverständnis Auszüge verwendet habe - auch etwas weiß, ist, wie ein junger amerikanischer Soldat den Zweiten Weltkrieg in Asien, speziell auf den Philippinen, erlebte.

Ich weiß, wie es Kindern nach dem 11. September gegangen ist. Vielleicht ist das in den Augen mancher Leute kein echtes Leiden. Für mich schon. Oder das, womit ein Psychotherapeut zu tun hat: Man muss nicht mal bis zu Folteropfern gehen. Jemand, der seine ganze Kindheit hindurch vernachlässigt worden ist, wird leidend daraus hervorgehen. Kann man so etwas wirklich in Frage stellen?

Wie verläuft Ihr Schreiben? Schnell? Langsam? Wie viel wissen Sie schon am Anfang über das Buch, das entsteht?

Ich musste lernen, dass bei mir der Schreibprozess sehr langsam ist. Manchmal bleibt von dem Kern, aus dem ein Buch entstanden ist, am Schluss nichts mehr übrig. Am Anfang dieses Romans hatte ich das innere Bild eines kleinen Mädchens, das in einem Sarg liegt und sich plötzlich aufsetzt. Davon ist nichts übriggeblieben - außer vielleicht eine Art Bedeutungskern, der mit den vielen Toden zu tun hat, die in dem Buch vorkommen.

Ich hatte vielleicht einen Bogen in mir, eine Ahnung von den Figuren, und eine Art Musik: Das Schreiben selbst vollzog sich in einem Rhythmus, "beat by beat". Manchmal, wenn ich einen neuen Abschnitt begann, merkte ich, dass sich die Musik des Ganzen falsch anhört - und dann habe ich alles gelöscht und wieder von vorn angefangen.

Was meinen Sie, wenn Sie sagen, etwas höre sich falsch an?

Ich las neulich bei einer französischen Wissenschafterin über jenes Gefühl von Richtigkeit, das man in Bezug auf Dinge hat, die man tut oder schreibt. Sie sagt, dieses Gefühl entspringe einer kognitiven Bewusstheit, etwas, das zwischen Unbewusstem und Bewusstem liegt: Eine emotionale Wahrheit. Ich finde diese "richtigen Worte" aus einem Zustand von Offenheit und Entspanntheit heraus. Wenn ich merke, dass ich beginne, angespannt zu sein, höre ich auf zu schreiben.

Dazu ein Beispiel: Ich erzähle das Buch ja aus der Perspektive von Erik, dem männlichen Protagonisten; bin also mehr mit der männlichen als mit der weiblichen Figur identifiziert. Erik wünscht sich so sehr eine erotische Beziehung zu Miranda. Warum lasse ich dies nicht geschehen? Weil ein Roman, sein Beziehungsgeflecht, etwas wie eine Eigendynamik hat, die man gar nicht nach Wunsch lenken kann. Aufgrund dieser hätte ein Happy End zwischen den beiden einfach nicht gestimmt - so gern ich selbst eines gehabt hätte! (lacht) Wie stehen Sie überhaupt zu Happy Ends?

Nun ja, ich bin mit den klassischen Romanen groß geworden, von Jane Austen etwa, wo am Schluss geheiratet wird, oder mit Charles Dickens, einem meiner literarischen Überväter. Vielleicht wünscht man sich als Autor einfach, ein Buch zustandezubringen, das zu einem stimmigen und richtigen Happy End kommt. Aber die Hauptsache ist, es muss stimmen! Meine Tochter sagte einmal: Weißt du, Mama, große Bücher sind manchmal wahnsinnig traurig, und trotzdem machen sie einen nicht depressiv. Das fand ich treffend. Gute Bücher haben die Fähigkeit, einen anderswohin zu befördern; an einen Ort, an dem man vorher nicht war - und das liegt dann jenseits der Frage, Happy End oder nicht.

Wieviel hat denn bei Ihnen die Literatur mit dem Leben zu tun?

In meinem Alltag, das muss ich zugeben, liebe ich Ruhe und Ordnung, und brauche sie auch. Ich habe gar nicht das Gefühl, dass ich ein abenteuerliches Leben führen müsste, um Stoff zum Schreiben zu haben. Mein tägliches Leben - zu dem auch gehört, gern zu kochen, Dinnerparties zu geben, im Garten zu arbeiten - ist mir genug. Ohne dieses relativ regelmäßige Leben könnte ich vielleicht gar nicht schreiben. Aber im Schreiben will ich die Zonen von Zwielicht, von absoluter Ambivalenz ausleuchten. Das hat mit dem Gefühl zu tun, dass es so unglaublich viel gibt, was ich wissen möchte, aber von dem ich nichts weiß.

Gehört dazu auch das Spiel mit einer anderen Geschlechtsidentität? Schon Ihr Roman "Was ich liebte" ist aus der Sicht eines männlichen Ich erzählt.

Natürlich macht man Anleihen bei den Männern, die man kennt, aber vor allem bei männlichen Anteilen in sich selbst. Ich gab diesen Roman einem befreundeten Psychiater gleichsam zur Überprüfung, und sein bestes Kompliment danach war für mich: Man kann sich als Mann voll mit Erik identifizieren. Dieses Forschen auf fremdem Terrain war spannend und hat mir großen Spaß gemacht. Aber jetzt merke ich, es wird wieder Zeit, zu mir zurückzukehren, meinen nächsten Roman wird eine Frau erzählen.

Steht hinter dieser Identifikation mit einem männlichen Ich auch ein Bedürfnis, die eigene Haut, also die eigene Geschlechterrolle zu verlassen?

Ja, auf jeden Fall, darin liegt etwas Befreiendes. Ich hatte eine merkwürdige, sehr erhellende Erfahrung, als ich eine Dramatisierung meines ersten Romans "Die unsichtbare Frau" auf einer kleinen Bühne in Buenos Aires sah. Da ging mir plötzlich auf, in welchem Maße Iris, die Heldin, von Männern verfolgt und zum Objekt gemacht wird. Als ich auf der Bühne sah, wie sie an ihr zogen und zerrten, war ich erschrocken, musste jedoch auch lächeln darüber, dass mir selbst diese eigentlich sehr vordergründige Seite des Romans bis dahin nicht bewusst gewesen war.

Wann spürten Sie den Wunsch, Schriftstellerin zu werden?

Ungefähr als ich 12, 13 war. Vorher hatte ich Malerin werden wollen. Dann verschlang ich die ganze englische klassische Literatur, Dickens, die Brontës, und schrieb Gedichte. Als ich 25 war, begann ich Prosa zu schreiben, noch sehr stark imitierend. Irgendwann ging es dann vor allem darum, Grenzen zu überschreiten, an die Grenzen der Sprache zu stoßen, zu experimentieren. Und je älter man wird, desto häufiger stellt man dann auch schreibend Verbindungen zu seinen früheren Ichs her.

Damit bin ich wieder beim letzten Roman angelangt und der Sehnsucht nach der Geschichte von sich selbst, die Sinn macht. Ich glaube nicht, dass unser Gedächtnis ein völlig verlässliches Medium ist. Und beim Schreiben interessiert es mich, die Löcher zu zeigen, die es gibt. Aber vielleicht gibt es eine Grenze: Wenn man die Geschichte seines eigenen Lebens als zu fragmentiert erlebt, kann daraus vermutlich eine Krankheit werden. Trauma - das ist immer das, was außerhalb der Geschichte steht. Außerhalb der Sprache. Diese plötzlichen Flashbacks, die Trauma-Überlebende manchmal haben, finden ja nicht in der Sprache, sondern im Körper statt. Worte sind dann das Material, mit dem jemand sich wieder zusammenzusetzen und einen Sinnzusammenhang herzustellen versucht.

Ist das der Gedanke, mit dem Sie in einem psychiatrischen Krankenhaus Schreibunterricht geben?

Ja, vielleicht. Ich gehe einmal wöchentlich in die Klinik, und nehme einen Text als Denkanstoß mit, sagen wir: ein Keats-Gedicht. Zuerst sprechen wir darüber und irgendwann schreibt jeder etwas auf und liest es den anderen vor, wenn er mag. Einer anderen Gruppe, in der nur Jugendliche sind, bringe ich ein Wort als Anstoß mit: "Angst" zum Beispiel. Oder "Langeweile". Doch über kein Wort schreiben sie so gern wie über "Liebe".

Ich höre dann oft fürchterliche Geschichten - von Gewalt, Dissoziation, Erfahrungen, die Menschen verstummen lassen. Das Trauma holt den Tod schockhaft ins Leben. Wir sind nun mal als Überlebende konstruiert (lacht) . Der eigene Organismus lehnt das Trauma ab, weist es zurück, nimmt es nicht in sich auf. Das hört man von Leuten, die lange im Krieg waren - mit der Zeit verliert der Körper seine Fähigkeit, zu kompensieren, von den Schrecken irgendwie zu genesen. Wenn so jemand ins Erzählen kommt, kann das - egal, was dabei herauskommt - nur gut sein.

Warum sind Sie selbst so bewegt vom dem Thema Trauma?

Das habe ich mich natürlich auch schon gefragt. Es gibt in mir so etwas wie einen Grundschmerz, immer schon, seit ich denken kann. Aus irgendwelchen Gründen war ich immer sehr empathisch, hatte eine starke Einfühlungsgabe. Am Anfang meines Lebens ging es mir schlecht, ich wäre fast gestorben, und das war für meine Mutter furchtbar. Zwischen Mutter und Kind gibt es ja diese physisch enge Verbindung, die ich auch heute noch zu meiner Mutter habe. Oder vielleicht spielen auch die traumatischen Kriegserfahrungen meines Vater, über die er nie gesprochen hat, eine Rolle. Ich bin die älteste von vier Mädchen, und hatte es immer sehr gut bei meinen Eltern. Meiner Mutter gegenüber trat, je älter ich wurde, der Aspekt von Freundschaft immer mehr in den Vordergrund. Das erlebe ich jetzt auch mit meiner Tochter Sophie, die jetzt zwanzig ist.

Was für eine Mutter sind Sie denn: eine ängstliche oder eine, die viel Selbständigkeit gibt?

Nun ja, das Drama der Elternschaft ist ja, dass wir immer hin und her pendeln zwischen Halten und Raum geben; das verändert sich zwar mit dem Älterwerden, aber ob es je ganz aufhört? Ich hatte das frühe Babyalter sehr gern. Jetzt, wo meine Tochter älter ist, finde ich es extrem hilfreich, mich meiner eigenen Jugend zu erinnern; meine Tochter ist jetzt erwachsen, und trotzdem noch lange nicht fertig.

Sie leben seit 25 Jahren mit einem ebenfalls intensiv Schreibenden zusammen, mit Ihrem Mann Paul Auster. Wie ist das, wenn man im selben Haus und im selben Beruf arbeitet, sich so gut kennt, ein gemeinsames Kind hat - ist der geistige Kosmos, in dem man seine Romane entwickelt, von der Welt des Anderen überhaupt zu trennen?

Natürlich nicht völlig. Es gibt ja nicht nur den bewussten Gedankenaustausch zwischen uns, sondern auch einen unbewussten. Ich trage Pauls Bücher in mir wie sein Denken - und er vice versa. Es ist nicht zu vermeiden, dass man gleichsam Anleihen in der Gedankenwelt des Anderen macht. Das ist aber keinem von uns unangenehm. Im übrigen sitzt jeder an seinem Arbeitsplatz, schreibt in seinem Rhythmus. Was wir teilen, und was uns auch verbindet, ist das Erleben, dass es nicht das Wichtigste ist, Bücher fertigzuschreiben - obwohl das jeder möchte -, sondern das Schreiben selbst zu erleben. Mitten drin zu sein in diesem Strom von Lebendigkeit und Intensität. Die Freude am Schreibprozess macht den Beruf aus. Ohne sie wäre die schriftstellerische Arbeit wohl viel zu hart und zu einsam.

Siri Hustvedt

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, als erste von vier Töchtern einer norwegischen Einwandererfamilie geboren. Während ihre Mutter noch in Norwegen groß geworden war, lebte die Familie ihres Vaters bereits in dritter Generation in Amerika. Nach ihrer Highschool-Zeit ging Siri Hustvedt nach New York, wo sie an der Columbia University Literatur studierte und ihre Studien 1986 mit einen Doktortitel (PhD) abschloss. 1984 heiratete sie den acht Jahre älteren Schriftsteller Paul Auster, mit dem sie eine Tochter, Sophie, hat. Die Familie lebt in Park Slope, Brooklyn.

Bereits mit ihrem ersten Roman, "Die unsichtbare Frau" (englisch "The Blindfold" 1992, deutsch 1993), machte Siri Hustvedt auf sich aufmerksam. Hier wie auch im vier Jahre später folgenden Roman "Die Verzauberung der Lily Dahl" ("The Enchantment of Lily Dahl") steht jeweils eine junge Frau im Zentrum des Geschehens, die in ihrer Identitätssuche an gefährliche Grenzen stößt.

Den größten internationalen Erfolg erzielte Siri Hustvedt mit dem Roman "Was ich liebte" ("What I loved" 2003), der von den künstlerischen und psychologischen Prozessen handelt, die zwei Ehepaare im gehobenen New Yorker Künstlermilieu durchmachen. Da Siri Hustvedt auch als Kunstkritikerin und -theoretikerin tätig ist, spielt die Auseinandersetzung mit bildender Kunst in all ihren Romanen eine bedeutende Rolle.

Ihr bisher letzter Roman, "Sorrows of an American", ist vor kurzem unter dem Titel "Die Leiden eines Amerikaners" auf Deutsch erschienen. Wie alle früheren Bücher Siri Hustvedts ist auch dieses von Uli Aumüller übersetzt worden und im Rowohlt-Verlag herausgekommen.