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Ein Dammbau hat eine nordmexikanische Stadt komplett unter Wasser gesetzt. Jeder ist weggezogen - bis auf drei Familien, die hartnäckig weiterhin in ihren Häuser wohnen, zu ihrem Vieh rudern und ihre Häuser streichen, wenn das Wasser sich kurz zurückzieht.
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Wien/Mexiko Stadt. San Marcos ist eine feuchte Geisterstadt. Vor sechs Jahren ist der Picachos Damm in Betrieb gegangen und hat die Siedlung geflutet. Je nach Witterung steht das Dorf nun zum Teil mehr als die Hälfte des Jahres unter Wasser. Man kann sich nur mit Booten fortbewegen. Unbewohnbar, würden die meisten sagen, 300 Familien sind weggezogen. Drei Familien sind geblieben.
Die junge Mexikanerin Betzabé Garcia, die selbst aus einer Stadt in der Nähe von San Marcos stammt, hat ihren ersten abendfüllenden Dokumentarfilm über diesen bemerkenswerten Ort gedreht, "Los Reyes del Pueblo Que No Existe" - "Die Könige des Dorfs, das nicht existiert".
Garcia, die über fünf Jahre lang an dem Film gearbeitet hat, zeigt rührende Bilder, in denen etwa ein Dorfbewohner täglich zu seinem Rind paddelt, das auf einer kleinen Anhöhe steht, und mit Futter versorgt - die Kuh kann erst wieder in den Stall kommen, wenn das Wasser wieder nachgelassen hat.
"Es hat keinen Sinn, hier noch etwas zu reparieren", sagt ein weiterer Bewohner in die Kamera, während sein Nachbar ihn Lügen straft, und an seinem Haus herumzimmert. Anlässlich der Uraufführung des Filmes haben die Handvoll Bewohner auch ihren ehemaligen Dorfplatz festlich bunt lackiert, wohl wissend, dass in wenigen Monaten wieder alles wegsein wird.
"Mich hat überrascht, dass die Menschen in San Marcos eigentlich glücklich sind", erzählt Betzabé Garcia im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Ihr Leben ist allerdings ein ständiger Kampf mit den Elementen, jeder Millimeter, den sie dem Wasser abgerungen haben, wird wieder vom Wasser eingenommen werden. Der Vergleich mit Sisyphos dränge sich auf, erzählt Garcia.
Die Menschen in San Marcos haben allerdings nicht nur mit dem nassen Element zu kämpfen. Der Stausee, der die Stadt von dem Rest Mexikos trennt, von "drüben", wie es eine Frau in dem Film formuliert, hält zwar einiges draußen, aber nicht alles: Nachdem hunderte Häuser leer stehen und zum Teil zumindest im oberen Stockwerk bewohnbar sind, ist der Ort ein beliebter Platz für Verbrecher, die sich in den zahlreichen Ruinen verstecken oder auch ihre Waren bunkern.
Gegen die Kriminalität sind die Bewohner machtlos, da die Stadt offiziell gar nicht mehr existiert und keine Polizisten vorbeikommen. Man versucht, nicht anzustreifen. Garcia hat auch diesen Aspekt ihres mehrfach preisgekrönten Dokumentarfilms eingefangen und die neuen Anwohner nur versteckt gefilmt.
Neben der Absurdität des Ortes an sich besticht der Dokumentarfilm durch eine ruhige Kameraführung, und lässt die Bilder, sowie den Charme der Bewohner, für sich sprechen.
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