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Taipeh · Chen Shui-bian hat den Traum der demokratischen Opposition in Taiwan verwirklicht. Nach seinem Wahlsieg steht der neue Präsident aber vor der vielleicht noch schwierigeren Aufgabe,
den Frieden mit China zu wahren. "Er wird sehr vorsichtig, sehr pragmatisch vorgehen", sagt seine Sprecherin Bi Khim Hsiao. Er wolle den Dialog aufnehmen und biete die Öffnung direkter Verkehrs- und
Handelsbeziehungen an, was Peking schon lange fordert.
Als "Wahrer Sohn Taiwans" am 18. Februar 1951 in eine Familie von Analphabeten in Tainan in Südtaiwan geboren, hat sich der heute 49-Jährige aus tiefster Armut emporgearbeitet. Als Bester in den
nationalen Prüfungen für die Universitätsaufnahme und beim Rechtsexamen an der Taiwan Universität, wo er als Stipendiat studierte, zeigte Chen Shui-bian schon früh beeindruckende Leistungen.
Er wurde ein bekannter Anwalt für Seerecht, doch änderte sich sein Leben, als er 1980 die Verteidigung von acht Oppositionellen übernahm, die eine Demonstration organisiert hatten. Unter dem
Militärrecht, mit dem das Kuomintang-Regime 38 Jahre lang herrschte, konnten sie keine Gerechtigkeit erwarten. Sie wurden verurteilt. Chen Shui-bian schloss sich ihrem Kampf gegen das Regime und für
Demokratie und Unabhängigkeit Taiwans an.
Der Preis war hoch. Bei einem Anschlag 1985, der nie aufgeklärt wurde und nach Angaben der Opposition ein vorgetäuschter Unfall war, wurde seine Frau so schwer verletzt, dass sie auf den Rollstuhl
angewiesen ist. Als politischer Gefangener saß Chen Shui-bian selbst acht Monate in Haft. Doch 1989 wurde er ins Parlament gewählt, 1992 Vizevorsitzender des Verteidigungsausschusses.
Mit der Demokratisierung wurde Chen Shui-bian der aufsteigende Stern der 1986 gegründeten Demokratischen Fortschrittspartei (DPP). Als erster frei gewählter Bürgermeister der Hauptstadt Taipeh machte
sich Chen Shui-bian einen Ruf als zupackendes Stadtoberhaupt, der eine bürgerfreundliche Verwaltung schuf, die Verbrechensrate senkte und sich der Verkehrsprobleme annahm. Trotz hoher Zustimmung im
Volk verlor er 1998 die Wiederwahl, nachdem die Kuomintang und die rechte Neue Partei erfolgreich gemeinsam Front gegen ihn gemacht hatten.
Die Präsidentschaft im Blick wurde der Unabhängigkeitsbefürworter Chen Shui-bian zum Realisten in einer schwierigen geopolitischen Situation. Unter dem Druck der USA und Pekings versicherte er,
nichts am Status Taiwans ändern zu wollen · weder formell die Unabhängigkeit auszurufen, noch ein Referendum einzuleiten. "Ich werde dieses Land nicht an den Rande eines Krieges bringen", versichert
Chen Shui-bian. Wie die alte Regierung hält er Taiwan ohnehin längst für souverän und unabhängig.
Trotz aller Kompromisse wird Peking es nicht leicht mit ihm haben. "Wir sind offen, über ,Ein China' zu diskutieren", sagt Bi Khim Hsiao zur Forderung, den Ein-China-Grundsatz und damit Pekings
Anspruch auf Taiwan zu respektieren. "Wir akzeptieren es nicht als Vorbedingung. Wir erwarten Flexibilität." Kein demokratisch gewählter Präsident Taiwans könne den Willen der Wähler ignorieren. Bi
Khim Hsiao fügte hinzu: "Es wäre eine Kapitulation, wenn es nur um ,ein China oder stirb' geht."
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