)
Boxen gilt als Sport der harten Kerle. Doch mittlerweile streifen sich immer mehr Frauen die Boxhandschuhe über, um Aggressionen und Stress abzubauen oder ihre Fitness zu verbessern.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 14 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
"Links, links, rechts, links, links, rechts" - im ersten Moment hört es sich an wie in einer Tanzschule. Nur die satt schmatzenden Geräusche, die die kurzen Kommandos begleiten, irritieren. Kraftvoll schlagen neun Männer und fünf Frauen im etwa 50 Quadratmeter großen, weiß ausgemalten Kellerraum in die Boxhandschuhe ihres Gegenübers oder bearbeiten die an der Wand montierten Schlagpolster, darunter auch Natascha. Die 24-jährige Büroangestellte ist eine von 20 Boxerinnen, die regelmäßig im Kampfsportcenter DAN trainieren. "Ein unüblicher Sport für Frauen", nickt sie. "Aber das ist auch der Reiz."
Boxen gefällt Natascha, Corinna, Marisa, Stephania und Lena, die an diesem Donnerstagabend am Training teilnehmen, aus denselben Gründen, die auch die Männer angeben, die im Verein trainieren: sich auspowern, Kondition und Kraft aufbauen sowie die taktischen Fähigkeiten verbessern. Mit dem Kampfsport hatten sie vorher nichts am Hut. "Ehe ich anfing, konnte ich mir keinen Profi-Kampf im Fernsehen angucken. Ich fand es grauenhaft. Mittlerweile ist das anders", erzählt Stephania. Seit dreieinhalb Jahren schlüpft die Mitarbeiterin der Wirtschaftskammer einmal pro Woche nach Arbeitsschluss in ihre Boxhandschuhe. Marisa suchte eine spannendere Alternative zum öden Gerätetraining im Fitnesscenter. "Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, den richtigen Sport zu finden, als mich ein Freund überredet, ihn zum Boxtraining zu begleiten", erinnert sich die 31-jährige Juristin. Das war vor einem Jahr. Seither lässt sie regelmäßig ihre Fäuste fliegen.
Während boxende Frauen im Club kein ungewöhnlicher Anblick sind, haben sie im Alltag andere Erfahrungen gemacht, wenn ihr Hobby zur Sprache kam. Vor allem von älteren Männern werde man belächelt, weiß Marisa. "Manche zeigen auch Bewunderung, aber das ist eher selten." Dabei reichen die Wurzeln des Frauenboxsports bis ins 18. Jahrhundert zurück. In Großbritannien boxten damals Frauen bei Schaukämpfen. In Berlin wurden in den 1920er Jahren Wettbewerbe im Damenboxen veranstaltet. Auch Filmlegende Marlene Dietrich nahm regelmäßig Boxunterricht. Mit dem Nationalsozialismus kam in Deutschland und in Österreich das vorläufige Ende des Frauenboxsports. Während in den 1970er Jahren boxende Frauen mit der Emanzipationsbewegung wieder aus der Deckung kamen, sperrte sich im Leistungssport die Boxwelt weiter gegen sie. Erst Mitte der 90er Jahre wurde Frauenboxen sowohl im Amateur- als auch im Profibereich international genehmigt. Bei den Olympischen Spielen 2012 in London dürfen Amateurboxerinnen erstmals seit den Spielen 1904 in St. Louis (USA) wieder um eine Medaille kämpfen.
Eine professionelle Boxkarriere strebten die fünf Freizeitboxerinnen allerdings nie an. Es soll ein Hobby bleiben. Wenigstens einmal in der Woche kommen die Frauen zum Boxtraining in die Kampfschule in Rudolfsheim Fünfhaus gegenüber der Wiener Hauptbibliothek am Urban-Loritz-Platz. Angesichts ihrer Lage - eingequetscht zwischen zwei Gürteletablissements, im Hinterhof eines mehrstöckigen Wohnhauses - lassen sich die Vorurteile über das Boxen und seine Verbindung zur Halbwelt nicht ausblenden. Stephania hat gerade dieser Standort überzeugt: "Wo sonst, außer am Gürtel, sollte ich diesen Sport lernen?", scherzt sie über die gern strapazierte Paarung Rotlichtmilieu und Boxsport, ehe sie die familiäre Atmosphäre im Verein als weiteren Pluspunkt nachschiebt.
Den Trainingsräumen fehlt allerdings die verruchte Aura. Kein Schweißgeruch, keine mit dickem Klebeband geflickten Sandsäcke, kein von eingetrocknetem Blut übersäter Holzboden. Im hellen Eingangsbereich führt eine knallblaue, enge Wendeltreppe aus Eisen hinunter in den ersten Trainingsraum, der fast zur Gänze von einem Boxring eingenommen wird. Ein schwacher Geruch nach Leder hängt in der Luft. An zwei Seiten des Raumes baumeln jeweils drei schwere Sandsäcke träge an dicken Ketten von der niedrigen Decke. Im nächsten Raum suchen sich die ersten Kondenswasserperlen an den hohen Spiegeln bereits ihren Weg nach unten. Die Springseile zischen durch die Luft, dazwischen feuert Trainer Kurt seine knappen Befehle ab: "Liegestütze!", "Rudern!", "Sit-Ups!", "Strecksprünge!", "Schnurspringen!" Das anstrengende Aufwärmtraining hat die kalte Abendluft erhitzt, die durch die bis vor kurzem noch geöffneten Fenster strömte. Die T-Shirts kleben am Körper, Schweißperlen tropfen von Nasenspitzen, die Wangen sind gerötet. Die Hälfte des Boxunterrichts besteht aus hartem Fitnesstraining. Fünfundvierzig Minuten peinigt der drahtige, ehemalige Amateurboxer mit den weißen, kurzen Haaren und dem kantigen Gesicht seine Schülerinnen und Schüler. Erst danach werden die Hände bandagiert, der Mundschutz eingesetzt und die Boxhandschuhe übergestreift. "Das ist in Ordnung", kommentieren die Frauen ungerührt den harschen Umgangston. Außerdem sei das harte Training ein Grund gewesen, sich für einen richtigen Boxclub und gegen einen Aerobic-Boxkurs in einem Fitness-Studio zu entscheiden. "Ich wollte den Sport richtig lernen", so Stephania.
Linke Gerade, rechte Gerade, Rückschritt, rechte Gerade - paarweise haben sich die Frauen und Männer zusammengefunden und schlagen in fließenden Bewegungen die vorgegebene Schlagkombination in die Handschuhe des Gegenübers. Die Hobbyboxerinnen und -boxer keuchen vor Anstrengung, während Trainer Kurt kontrollierend die Reihe abgeht und seine verknappten Korrekturen anmerkt: "Eine Faust berührt immer das Kinn!" - "Ellbogen dicht am Körper!" - "Dreh deine Hüfte mit!" - "Die Ferse berührt nie den Boden!" Schnell kontrolliert Lena ihre Haltung in den bodentiefen Spiegeln und tänzelt wieder um ihren Trainingspartner.
"Anfangs war es schwierig, in den Schlag hineinzusehen und Schläge auszuteilen", erzählt die Wienerin in einer kurzen Pause. "Den Kopf wegdrehen, diesen Reflex zu überwinden, das dauerte. Die Schlaghemmung ist schneller verschwunden - nämlich nachdem ich meinen ersten Treffer kassierte", erzählt sie lachend. Die 36-Jährige wurde von einer Freundin vor etwa vier Jahren zum Boxen mitgenommen. "Ich habe gemerkt, wie ich nach jedem Training ruhiger wurde. Die innere Anspannung, die sich selbst durch regelmäßiges Laufen nicht legte, verschwand von Woche zu Woche." Es sei ein wunderbarer Ausgleich nach der Arbeit, schwärmt Lena und die anderen geben ihr recht. Die Schrittfolgen und Schlagtechniken fordern vollste Konzentration, da rücke der Arbeitsalltag ganz schnell in weite Ferne. Corinna ergänzt: "Was gibt es Schöneres, als nach einem anstrengenden Tag seinen Ballast in den Sandsack zu dreschen?"
Trotz des weitverbreiteten Klischees ist Boxen kein monotones Drauflosschlagen auf sein Gegenüber, sondern ein technischer Sport. Zu seinem Hau-Drauf-Image hat das Profiboxen beigetragen. Anders als beim Amateurboxen, wo die Kampfdauer auf vier Runden begrenzt ist und nur mit Kopfschutz geboxt wird, gehen Profi-Kämpfe in der Regel über zwölf Runden. Wenn dann Konzentration und Reaktion nachlassen, ist ein bewusstlos geschlagener Kontrahent nicht selten die brutale Konsequenz. "Beim Boxen musst du den Gegner lesen und wissen, wie du reagierst", erklärt Bettina. Die ehemalige Staatsmeisterin in Taekwondo hat vor kurzem die Ausbildung zum Boxlehrwart absolviert. "Wichtiger als Körperkraft sind Improvisationstalent, die Fähigkeit, Treffer einstecken zu können, und eine gute Reaktion."
Gelegenheit, die lange eingeübten Schlagkombinationen im Ring anzuwenden, haben Natascha, Corinna, Stephania, Lena und Marisa jeden Mittwochabend beim Sparren. Unter Aufsicht des Trainers steigen sie paarweise ins Seilgeviert. Obwohl dann richtig zugeschlagen wird, fehlt den Hobbyboxerinnen die Angst vor einem blauen Auge oder einer gebrochenen Nase. "Der Spaß an der Sache steht im Vordergrund und für aggressive Schlägertypen ist hier im Club sowieso kein Platz."
www.amateurboxen.at

)
)
)
)