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"Toll, dass all die Leute hier sind"

Von WZ-Korrespondentin Christine Zeiner

Politik

Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz hat wieder offen. Viele Berliner zeigen, dass sie sich nicht unterkriegen lassen.


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Berlin. "So viele Menschen! Ich staune." Die Verkäuferin auf dem Weihnachtsmarkt bei der Gedächtniskirche sieht plötzlich verhältnismäßig glücklich aus. Gerade hat sie bewusst nach rechts, nach links und über den Berliner Breitscheidplatz geschaut. "Toll, dass all die Leute hier sind. Das stärkt", sagt sie. Kurz zuvor hatte sie auf die Frage, wie es ihr gehe, "nicht besonders" geantwortet. "Am liebsten wäre ich gar nicht da."

Nicht einmal drei Tage sind vergangen, seit ein Sattelschlepper in den Berliner Weihnachtsmarkt fuhr, zwölf Menschen tötete und 50 verletzte. Am Dienstag und Mittwoch blieb der Weihnachtsmarkt geschlossen. Gestern öffneten die Stände wieder.

Andacht vor der Eröffnung

"Ich habe überlegt, ob ich weitermachen soll, das alles hat mich ganz schön geschockt", sagt die Verkäuferin. Wegen der Chefs sei sie nun da, man habe keinen Ersatz gefunden. "Die Freude an der Arbeit ist mir aber genommen - und das Lächeln."

Während des Anschlags war sie an ihrem Stand. Ihre Kollegin sei so geschockt gewesen, dass sie vergessen habe, das Gas auszuschalten. "Ich habe seither viel mit meiner Familie gesprochen." Und wie viele andere Verkäuferinnen und Verkäufer des Weihnachtsmarkts war auch sie am Vormittag bei der kurzen Andacht in der neuen Kirche gleich gegenüber der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.

Kurz vor elf Uhr wurden die Glocken geläutet. "Wir denken heute an die Toten, an die, die verletzt sind an Leib und Seele", sagte Pfarrerin Dorothea Strauß. Nach einem solchen Terroranschlag könne man nicht einfach so zur Tagesordnung übergehen. Strauß zitiert das Friedensgebet, das Franz von Assisi zugeschrieben wird: "Mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich Liebe bringe, wo man hasst." Auf dem Altar stehen zwölf Kerzen zur Erinnerung an die Opfer.

Die Stimmung ist gedrückt, in der Kirche und davor. Menschen weinen, etliche halten Blumen in den Händen und legen sie an einer der vielen Gedenkstellen auf dem Breitscheidplatz ab. Die Händler stellen Gedenktafeln auf: "Wir trauern". Viele Journalisten sind gekommen. Und alle paar Meter sieht man Polizisten in Schutzwesten und mit Maschinenpistolen. Am Rand des Marktes wurden in der Früh Betonbarrieren montiert.

Es riecht nach Glühwein. Die Stände verkaufen Currywurst, Rostbratwurst, Schmalzstullen, gebratene Mandeln und "Omas Eierpunsch". Langsam kommen Menschen.

Vor einer der Hütten stehen der 30-jährige Samuel und seine Mutter. Sie hätten "gemischte Gefühle", sagt Samuel. "Vor ein paar Tagen sind hier Menschen gestorben und wir trinken heute Glühwein. Auf der anderen Seite will man ja auch, dass das Leben weitergeht und die Leute, die hier arbeiten, unterstützen - und außerdem zeigen, dass man keine Angst hat." Mutter und Sohn sind eigentlich gekommen, um Blumen niederzulegen. Dann entschlossen sie sich dazu, auch einen Glühwein zu kaufen.

Ein paar Meter entfernt steht ein Markthändler vor seiner Hütte; sein Mitarbeiter richtet gerade noch die Ware ordentlich her. Ob er Angst habe? "Selbstverständlich", antwortet er leise - und sein Blick sagt das Gleiche. Er müsse aber den Stand aufmachen, das sei so gewünscht, andernfalls wäre er nicht hier. "Nicht mit der Presse sprechen", ruft ihm ein Mann im Vorbeigehen zu, und zu einer Verkäuferin: "Hallo, macht ihr bitte mal die Musik aus, das ist heute nicht so angebracht."

Sie habe gern Musik bei der Arbeit, erklärt die Frau. "Natürlich berührt mich das alles persönlich, ich kenne die Leute ja auch. Aber ich finde es wichtig, dass man positiv bleibt. Es bringt ja nichts, in Angst zu leben." Ihr Kollege sieht das ein bisschen anders: Er finde es "deplatziert", heute den Markt aufzumachen. "Aber man muss doch auch nach außen hin das Positive zeigen", widerspricht die Verkäuferin.

"Euch zeigen wir es"

Eine ihrer Kolleginnen stimmt ihr nickend zu und sagt: "Ich dachte, ich stehe heute alleine hier, ich dachte, keiner will hier ’nen Fuß drauf haben. Aber nein. Man sieht und spürt Zusammenhalt, auch vorhin in der Kirche, als wir Hand in Hand standen." Die für sie überraschend vielen Besucher des Weihnachtsmarkts würden auch eine klare Botschaft an den oder die Täter senden: "Euch zeigen wir es."

"Mulmig" sei das Gefühl aber schon, sagt der Mann einer Verkäuferin. Seine Frau habe den Anschlag aus unmittelbarer Nähe miterlebt. "Erst am nächsten Tag hat sie realisiert, was da passiert ist. Am Montag ging es nur darum, schnell, schnell alles zumachen und nach Hause." Nun sei es aber wichtig, "Zusammenhalt zu demonstrieren". Einen Anschlag könne man ohnehin nicht verhindern: "Weiß man, wer was in seinem Rucksack hat?"

Gefragt nach seinen Gefühlen, zischt ein Besucher des Weihnachtsmarkts aufgebracht: "Alles wegmachen, die Ausländer", und fügt hinzu: Das sage er, obwohl er selbst einer sei. Seine Frau schaut entschuldigend und läuft ihm hinterher.

Auch der Fair-Trade-Laden, der im neuen Kirchenturm untergebracht ist, hat heute nach zwei Tagen wieder geöffnet. "Frohe Weihnachten in unruhigen Zeiten", wünscht die Verkäuferin zur Verabschiedung.