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Abschied von der Vergangenheit - Ecevit prägte halbes Jahrhundert mit. | Istanbul. (apa) Er schickte türkische Truppen nach Zypern und ließ den kurdischen Rebellenführer Abdullah Öcalan festnehmen. Er erlebte strahlende Wahlsiege und eine Entmachtung durch die Militärs. Er war zuerst Hoffnungsträger und dann Symbol des politischen Stillstands: Der türkische Ex-Premier Bülent Ecevit hat die Politik seines Landes ein halbes Jahrhundert lang entscheidend mitbestimmt. Mit dem Tod des 81-jährigen Sonntagnacht nimmt die Türkei Abschied von ihrer eigenen Vergangenheit.
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Die meisten Türken von heute kennen keine Türkei ohne Ecevit. Als der damals 32-jährige Sozialdemokrat 1957 zum ersten Mal ins Parlament gewählt wurde, war der heutige Premier Recep Tayyip Erdogan gerade einmal drei Jahre alt. Der für seine Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Unbestechlichkeit bekannte Politiker wurde zum Hoffnungsträger der Linken.
Nur wenige Monate nach dem Beginn seiner ersten Amtszeit als Regierungschef 1974 gab Ecevit nach einem Putsch griechischer Nationalisten auf Zypern den Befehl für die türkische Militärintervention auf der Insel. Damals wurde Ecevit zwar von seinen Landsleuten als "Eroberer von Zypern" gefeiert, für das Image der Türkei im westlichen Ausland aber bleibt der Militärschlag bis heute verheerend.
Wie sein konservativer Erzrivale Süleyman Demirel wurde Ecevit nach dem Staatsstreich der Militärs von 1980 interniert und konnte jahrelang nicht direkt in die Politik eingreifen. Sein Comeback als Premier ließ bis 1999 auf sich warten. In seine letzte Amtszeit fielen die Öcalan-Festnahme und die offizielle Ernennung der Türkei zum EU-Beitrittskandidaten. Die von ihm mit ausgelöste Wirtschaftskrise von 2001 leitete das Ende seiner Karriere ein. Bei der Parlamentswahl 2002 wurde seine Demokratische Linkspartei auf nicht einmal zwei Prozent marginalisiert.
Ein Mann der Moderne war Ecevit nicht: Er lehnte 1978 einen Antrag auf Mitgliedschaft der Türkei in der damaligen EG ab, und er wandte sich lange gegen einen Abbau des Staatsanteils in der Wirtschaft. Nur widerwillig holte er nach der Krise vor fünf Jahren den Wirtschaftsreformer Kemal Dervis in sein Kabinett, der die Grundlagen für den derzeitigen Boom am Bosporus legte. Kritiker verweisen darauf, dass die Türkei in der Ära Ecevit im Vergleich zu Ländern wie Portugal oder Griechenland in einen Rückstand geriet, den sie bis heute nicht aufholen konnte.
Ecevits letzter öffentlicher Auftritt führte ihn an jenen Ort, an dem er voraussichtlich selbst zu Grabe getragen wird. Mitte Mai erschien er bei einer Trauerfeier für einen ermordeten Richter an der Kocatepe-Moschee in Ankara. Kurz darauf erlitt er eine Hirnblutung und fiel ins Koma. Er ist nicht mehr aufgewacht.
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