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Turm des Anstoßes

Von Alexandra Laubner

Politik
Im Zentrum der Diskussion steht nach wie vor der geplante - und bereits reduzierte - 66,3 Meter hohe Wohnturm.

Die Gegner des umstrittenen Bauprojektes "Heumarkt neu" wollen den 66 Meter hohen Wohnturm mit allen Mitteln verhindern.


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Wien. Buhrufe, Lachen und Einwände wie "schlechtes Argument": Die Bürgerversammlung am Montagabend im Hotel Intercontinental glich einer Kampfarena. Nur, dass keine Fäuste, sondern verbale Fausthiebe geflogen sind. Auf der einen Seite drei Projektbetreiber, ein Vertreter der Stadtteilplanung (MA 21) und der Landstraßer Bezirksvorsteher-Stellvertreter, die auf den Vorteil des Bauprojektes wie neue Durchwegungen, breitere Gehsteige, Sanierung des Eislaufvereins und die Errichtung eines neuen öffentlichen Platzes hinwiesen und mit Aussagen wie "Mehrwert" Buhrufe aus dem Publikum kassierten.

Auf der anderen Seite: 300 Bürger - überwiegend Gegner des Bauprojektes. Im Zentrum der Diskussion ist der geplante 66,3 Meter hohe Wohnturm, der seit Anfang des Projektes für Aufregung sorgt, gestanden. Jener Turm, der bei Realisierung Wien den Weltkulturerbe-Status kosten könnte - die Unesco drohte bereits, Wien auf die rote Liste zu setzen, sollte das Gebäude im historischen Zenturms Wiens, in der Kernzone des Unesco-Weltkulturerbes, errichtet werden. "Der Turm des Anstoßes" wie es eine Anrainerin bei der Bürgerversammlung spitz formuliert und dafür Applaus erntete.

"Dieser Aspekt war im Wettbewerb ein großes Thema. Die Jury hat sich sehr stark damit beschäftigt und ist zur Auffassung gekommen, dass der Blick von einer Stadtredoute aus nicht so bedeutsam ist wie der Eindruck eines Projekts aus dem direkten Umfeld", erklärt der Vertreter der MA 21. Zu den Vorwürfen am Beginn der Bürgerversammlung, dass einiges nicht mit rechten Dingen zugehe, konterte Projektkoordinator Klaus Wolfinger: "Ich bin selber Jurist, man sollte gut aufpassen, was man in den Raum stellt."

Harte Bandagen

Es wurde mit harten Bandagen gekämpft - und mit Buhrufen. "Sie wollen uns ein wunderbares Projekt verkaufen, aber merken Sie nicht, welche Ängste die Leute haben. Das sind Anrainer hier, Leute, die hier wohnen. Wie kann es sein, dass Richtlinien ausgehebelt werden?", richtet ein Bürger seine Frage an das Podium. Die Wiener Bauordnung werde nicht geändert. "Was jedoch richtig ist, ist, dass, um das Projekt realisieren zu können, der Flächenwidmungs- und Bebauungsplan geändert werden muss. Dafür bedarf es einen Gemeinderatsbeschluss. Das dafür notwendige Verfahren ist in der Wiener Bauordnung geregelt", so der Stadtplaner.

"Stehen vor dem Rechtsbruch"

"Warum spielt die Stadt Wien da mit? Will man das Prädikat Weltkulturerbe gar nicht? Es ist eine Schande!", meldet sich eine Frau. Eine weitere Anrainerin hakt ein: "Es wurden immense Fehler seitens der Stadt begangen, da diese dem Projektbetreiber nicht darauf hingewiesen hatte, dass der geplante Turm im Zentrum des Wiener Weltkulturerbes steht. Österreich hat einen Vertrag mit der Unesco abgeschlossen und wir stehen, wenn Sie so weitermachen, vor einem Rechtsbruch. Das kann doch nicht sein."

Der drohende Verlust des Weltkulturerbes zieht sich durch den Abend. "Die Unesco hat bereits die Höhe des jetzigen Hotel Interconti mit 43 Meter beanstandet. Das neue Gebäude soll noch höher werden und ist damit eine Ohrfeige für die Unesco und auch für jene Wiener, denen dies ein Anliegen ist", sagt eine Pensionistin. Zwischenrufe aus dem Publikum: "Machen Sie eine Volksbefragung! Dann werdet ihr schon sehen, dass die Mehrheit dagegen ist. Unfassbar!" Seitens des Projektbetreibers heißt es: "Wir gehen weiterhin in Dialog mit der Unesco. Es wurde Ende Jänner von der Stadt ein Bericht an die Unesco für die kommende Weltkulturerbe-Sitzung im Juli übermittelt. Dieser Bericht wurde vor wenigen Wochen erstattet und ist momentan in Prüfung. Man wird sehen, was zu dem Projekt gesagt wird."

Befürworter trauen sich

Zwei Befürworter melden sich zu Wort, die ausgebuht werden. Der Tenor ist derselbe: Das Projekt sei zukunftsweisend, eine Chance für den Eislaufverein und es sei modern. "Doch wer kümmert sich um den Eislaufverein, wenn der Investor pleitegeht?", fragt wiederum eine Anrainerin. Eine weitere Anrainerin befürchtet, dass ihre Wohnung noch schattiger sein wird, wenn der Turm errichtet wird.

Während die "Initiative Stadtbildschutz" anlässlich der Bürgerversammlung eine Petition "Für die Erhaltung des Unesco-Weltkulturerbes und des Stadtbildes von Wien" startet, mobiliseren auch die Projektentwickler. Fast zeitgleich mit Petitionsstart gegen das Projekt wurde die Initiative "Setzen Sie ein Zeichen" auf der Webseite Projektentwickler ins Leben gerufen. Die Mobilisierung auf beiden Seiten geht weiter. Das letzte Wort in der Causa Wohnturm hat jedoch der Wiener Gemeinderat.

Das Bauprojekt "Heumarkt neu" geht in die nächste Etappe. Bis zum 16. März 2017 liegen die Entwürfe zur Änderung des Flächenwidmungs- und Bebauungsplanes zur öffentlichen Einsichtnahme auf. Jeder, auch der Bezirk, kann schriftlich Stellung nehmen. Der nächste Schritt: Abstimmung im Gemeinderat, danach erst kann ein Baubescheid ausgestellt werden. 2012 wurde mit den ersten Planungen begonnen, nach dem städtebaulichen Expertenverfahren folgte von August bis Februar 2014 der internationale Architekturwettbewerb. Die Entwürfe des brasilianischen Architekten Isay Weinfeldt wurden zum Siegerprojekt gekürt. Im Zentrum des Entwurfes stand ein 76 hoher Wohnturm, der bis heute für Aufregung sorgt. Die Unesco droht Wien den Weltkulturerbe-Status zu entziehen, sollte der Wohnturm, der Luxuswohnungen beherbergen soll, errichtet werden. Nach einer von der zuständigen Stadträtin Maria Vassilakou verordneten Nachdenkpause, wurden Mitte Dezember die neuen Pläne präsentiert: Der Turm kommt, die Höhe wird um zehn Meter reduziert und das Hotel Intercontinental wird komplett abgerissen und fast an derselben Stelle neu errichtet.

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