Zum Hauptinhalt springen

Unberechenbarkeit als System - Kims Handeln dient eigenem Machterhalt

Von Klaus Huhold

Analysen

Ein Psychopath, der gerne Cognac säuft, Actionfilme schaut und jederzeit bereit ist, auf den roten Knopf zu drücken: Im Westen wird Nordkoreas Diktator Kim Jong-il oft als verrückter, unberechenbarer und irrationaler Herrscher dargestellt. Tatsächlich überrascht Nordkorea die Welt immer wieder mit gewaltsamen Provokationen, wie der Angriff auf die südkoreanische Insel Yeongpyeong erneut bewiesen hat. | Über die Motive für Nordkoreas Handeln könne bei einer derart abgeschotteten Diktatur nur spekuliert werden, betont der Korea-Experte Rainer Dormels vom Wiener Institut für Ostasienwissenschaften. Doch keinesfalls sei Nordkoreas Agieren irrational, dahinter steckt Strategie.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 15 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Und die Unberechenbarkeit scheint dabei Teil des Systems zu sein. Die Atommacht droht jederzeit zuzuschlagen und genau damit wird sie zu einer ständigen Gefahr. Pjöngjang will sich damit in eine Position der Stärke bei internationalen Verhandlungen bringen.

Das könnte auch die Motivation für die jüngste Eskalation sein. Nordkorea ist wegen seiner atomaren Aufrüstung unter Druck und mit immer schärferen UN-Sanktionen belegt. Die Sechser-Gespräche (mit den USA, Südkorea, China, Russland und Japan) über Pjöngjangs Atomprogramm liegen auf Eis. Kim lässt die Muskeln spielen, um seinen Forderungen - etwa der Aufhebung der Sanktionen - Nachdruck zu verleihen.

Doch können die Gründe für Nordkoreas Handeln auch im innenpolitischen Bereich gesucht werden. Der gesundheitlich angeschlagene 69-jährige Staatsführer Kim Jong-il baut gerade seinen jüngsten Sohn Kim Jong-un zum Nachfolger auf, dem Diktatorenspross wurden bereits hohe Ämter verliehen. "Es wird vielleicht eine Situation geschaffen, die Kim Jong-un den Rücken stärken soll", sagt Dormels. Südkorea dient durch die militärische Eskalation verstärkt als Feind, Volk und Militär scharen sich hinter der Diktatorenfamilie.

Und auch sonst hat die Staatsführung guten Grund, durch einen äußeren Feind die Bevölkerung wieder stärker auf ihre Seite ziehen. Denn zuletzt soll es zu Unzufriedenheit in dem verarmten, abgeschotteten Land gekommen sein. Eine Währungsreform ist vollkommen missglückt. Die dünne Mittelschicht, die Ersparnisse hatte, hat diese teilweise verloren. Nun trommelt die Propaganda wieder gegen den Feind aus dem Süden, und nichts lenkt von den inneren Problemen besser ab.

So sehr man sich bei der Suche nach Motiven für Nordkoreas politischen Kurs auch auf Spekulationen einlassen muss, eines steht fest: Dem Regime geht es bei seinem Handeln immer um den eigenen Machterhalt. Deshalb ist es unwahrscheinlich, dass sich die Gefechte rund um die Insel Yeongpyeong zu einem Krieg ausweiten. Denn bei aller Zerstörung, die Nordkorea in so einem Fall anrichten kann - einen Krieg würde die Kim-Dynastie wohl nicht überstehen.