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Unbeschreiblich

Von István Orbán

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Wie schreibt man über eine beinahe unbeschreibliche Figur? Über eine Persönlichkeit von sicherlich großer historischer Bedeutung, die sich an kaum eine der Konventionen ihrer Zeit gehalten zu haben scheint? Grenzen anscheinend nur wahrnahm, um sie bewusst zu überschreiten? Die sich alle Freiheiten nahm, die man sich nicht einmal, oder gerade nicht (?) in Amerika nahm?

Und deren unerhörtes Tun darin gipfelte, dass sie sich um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten bewarb? Eine Frau, 1870, 50 Jahre vor Einführung des Frauenwahlrechts in den USA.

Genau das hat Victoria Woodhall getan: Eine Frau, die buchstäblich aus der Gosse kam, mit 15 in eine Ehe flüchtete, aber bald selbst für den Lebensunterhalt für sich und ihre beiden Kinder sorgen musste. Ihre Erkenntnis daraus: "Dass Frauen Geld verdienen können, ist besser gegen die Tyrannei und die Brutalität von Männern, als dass sie wählen können."

Sie lebte fortan diese Erkenntnis, kam durch eigene Arbeit und Geschick zu Vermögen, gründete die erste weibliche Broker-Firma an der Wallstreet und eine Wochenzeitung, kämpfte für die Rechte von Frauen und Arbeitern, kandidierte für die Präsidentschaft - und saß im Wahljahr 1872 im Gefängnis, intrigenhalber; sogar die "bürgerliche" Frauenbewegung wandte sich gegen sie. Sie wanderte nach England aus und wurde so gut wie vergessen. Die Ö1-"Dimensionen" haben uns diese bemerkenswerte Frau wieder in Erinnerung gebracht.