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Ein Boom ohne Ende wurde zum Ende mit Schrecken.
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Oscar Goodman war zwölf Jahre lang Bürgermeister von Las Vegas. Der ehemalige Anwalt, der etliche US-Ganoven vertreten hatte, ließ sich bevorzugt mit leicht bekleideten Showgirls fotografieren, trank täglich eine Flasche Gin und war ein lebendes Symbol der Glücksspiel-Metropole im US-Bundesstaat Nevada. Er mochte fast alle, nur Präsident Barack Obama nicht, weil der so häufig gegen das Spielerparadies Stimmung gemacht hat. Mitte vorigen Jahres musste der gute Mann, mittlerweile 70 Jahre alt, den Job nach drei Amtsperioden zurücklegen. Er machte ausgerechnet seiner Ehefrau Platz, die als vierfache Mutter weitaus weniger exzentrisch auftritt: Carolyn G. Goodman, die jetzige Bürgermeisterin, erbte von ihrem Gatten einen Haufen Probleme.
Goldene Zeiten vorbei
Die goldenen Zeiten der fast 600.000 Einwohner zählenden Amüsiermetropole sind endgültig Vergangenheit: Die Wüstenstadt, die Stars wie Elvis Presley, Johnny Cash, Elton John, David Copperfield oder Siegfried & Roy jahrzehntelang als irrwitzige Kulisse diente, wo unentwegt Kugel und Milliarden rollten, kann die Flaute seit dem Horrorjahr 2008 nicht überwinden. Die meisten Casino-Hotels mussten massiv Mitarbeiter abbauen, weshalb die Arbeitslosenquote in der Stadt auf mehr als 15 Prozent empor schnellte.
Die Touristen kommen zwar allmählich wieder, müssen aber mit Schnäppchenangeboten angelockt werden. Die Auslastung der meisten Zimmerburgen ist rückläufig, die Einnahmen aus dem Glücksspiel sind deutlich eingebrochen, für Abendshows werden Tickets zum halben Preis verschleudert. Trotzdem sinken überall die Besucherzahlen, und das Geld sitzt bei den Gästen längst nicht mehr so locker wie früher.
Filmindustrie nach Las Vegas?
Die massive Krise, die den Kasino-Kapitalismus frontal getroffen hat, stellt die prunkvollen Spieltempeln ebenso vor eine riesige Herausforderung wie Mayor Goodman: Sie möchte etwa die Filmindustrie mit Steuerbegünstigungen nach Vegas holen, setzt auf Attraktionen wie ein neues Mafia-Museum, eine Schmuck-Börse sowie eine Alzheimer-Klinik und will das Schmuddelimage der Stadt erträglicher machen. Las Vegas verdankt nämlich seinen (einarmigen) Banditen, zahlreichen Nacktbars und der illegalen Prostitution den Ruf, die sündige Stadt zu sein: Sin City. In Statistiken über Gewaltdelikte liegt sie ganz oben, außerdem verzeichnet sie die höchste Selbstmordrate der USA. Dass das Glück den "Strip" genannten Las Vegas Boulevard verließ, ist deutlich zu erkennen: Die unzähligen Kräne, die für den schier endlosen Aufschwung standen, verschwinden allmählich aus dem Stadtbild. Waren bisher stets an die 300 Bauprojekte, auch für Wohnzwecke, in Arbeit, so heißt es für die Bauwirtschaft, einem der wichtigsten Wirtschaftszweige mit 40.000 Beschäftigten, nunmehr: Rien ne va plus. Die Immobilienpreise sind abgesandelt, riesige Hotelkomplexe befinden sich im halb fertigen Zustand, Pläne für kitschige Milliardenbauten wurden reihenweise gestrichen.
Legendäre Spieltempel
Der Blick zurück ist nur noch Nostalgie: Seit Anfang der Neunziger wurden die berühmten alten Glückstempel reihenweise abgerissen, um neuen Mega-Projekten Platz zu machen: Das legendäre "Sands", wo The Rat Pack - also Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. - einst ihre Triumphe gefeiert und Humphrey Bogart einmal vier Nächte durchgezecht hatte, wich dem hypermodernen "Venetian Resort" und dem "Palazzo", das bei seiner Eröffnung 2007 mit 196 Metern das höchste Hotel der Welt war. Der berühmte Betonsilo "Dunes" wiederum wurde durch das spektakuläre "Bellagio" ersetzt, und das finanziell stets angeschlagene "Aladdin" machte dem monströsen "Planet Hollywood" Platz. Reihenweise wurden protzerische Architektur-Monumente um gigantische Summen aus dem Boden gestampft, etwa das "MGM Grand", bei seiner Eröffnung im Jahr 1993 mit 6500 Zimmern das größte Hotel der Welt.
Namhafte Etablissements
Die Glücksspielbranche zelebrierte im weltweit führenden Zocker-Paradies einen schier endlosen Boom, verdiente jahrelang prächtig und eilte in jeder Hinsicht von einem Rekord zum nächsten. Nur selten war bis dahin aufgefallen, dass sich einige der namhaften Etablissements, darunter das "Aladdin" oder das "Castaways", finanziell kaum über Wasser halten konnten. Doch dann kam plötzlich die große Krise und alles war schlagartig anders: Die Reichen machten um das glitzernde Spieler-Dorado einen großen Bogen, viele Hotels standen leer und mussten ihr Personal in die Wüste schicken - und alsbald krachten die ersten Opfer zusammen: Zu allererst traf es das "Tropicana Resort", das Gläubigerschutz beantragen und seine ehrgeizigen Expansionspläne ad acta legen musste. Das war der Auftakt zu einer gruseligen Pleite-Serie: Die Aktienkurse der führenden Player fielen 2008 ins Uferlose - bei MGM Resorts International etwa von 70 auf fünf Dollar - , und kleinere wie Station Casinos waren bald reihenweise zahlungsunfähig. Die Katerstimmung verflog bis heute nicht: Im Horrorjahr 2009 hatten allein die 39 Casino-Tempel am "Strip" bei acht Prozent Umsatzminus auf 18,2 Milliarden 4,1 Milliarden Dollar verloren. Im folgenden wiesen sie rote Zahlen im Gesamtausmaß von 2,5 Milliarden aus. Im Vorjahr betrug das kumulierte Defizit immer noch 2,2 Milliarden Dollar. Alles in allem setzten die rund 256 Spielhöllen in Las Vegas laut Nevada Gaming Control Board zuletzt trotz wieder gestiegener Einnahmen von 22 Milliarden Dollar unter dem Strich fast vier in den Sand.
Rekordtief bei Einnahmen
Die Einnahmen durch Glücksspiele haben ein Rekordtief erreicht: Statt wie früher 60 Prozent an den Gesamtumsätzen stellten sie 2011 nur noch 46 Prozent - dafür gaben die Touristen mehr für Essen & Trinken aus, sodass dieser Bereich mit 34 Prozent an den Gesamteinkünften ein Rekordhoch erreichte. Diesem Trend mussten etliche Hotels, nachdem die Zimmerpreise ins Bodenlose fielen, Tribut zollen: Im Juli 2010 erwischte es das 55 Jahre Jahre alte "Riviera", im Mai vorigen Jahres sperrte das ebenso betagte, im marokkanischen Stil erbaute "Sahara" zu. Übrigens: In den genannten Hotels ist 1960 der Film-klassiker "Oceans 11" mit Dean Martin und Frank Sinatra gedreht worden.
Kostbare Ausstattung
Die Bauwut am Rande des Größenwahns - in Sin City stehen immerhin 24 der 200 teuersten Gebäude der Welt -, ist von der Rezession abrupt gestoppt worden: Manche Hotel-Paläste siechen seit Jahren in halb fertigem Zustand dahin - etwa das 63stöckige "Fontainebleau", das nach dem Konkurs vom Finanzhai Carl Icahn um einen Klacks erstanden wurde. Er müsste noch mindestens eine Milliarde aufbringen, um es zu vollenden, ließ aber lieber die gesamte kostbare Innenausstattung versteigern. Etliche Vorhaben lösten sich gar in Luft auf: Die Boyd Gaming Group etwa hat ihr vor sechs Jahren großspurig angekündigtes Vier-Milliarden-Dollar-Projekt "Echelon" kleinlaut abgeblasen. Auch der aus Israel stammende Geschäftsmann Yitzak Tshuva denkt nicht mehr daran, sich am projektierten Mega-Hotel "Las Vegas Plaza" (Kosten: 6 Milliarden Dollar) die Finger zu verbrennen.
Die größte Hoffnung ist derzeit das gläserne CityCenter am südlichen Las Vegas Boulevard, das aus 77.000 Tonnen Stahl besteht, zumindest 9,2 Milliarden Dollar kosten wird und der weltgrößte Immobilien-Komplex in privater Hand ist. Es gehört der MGM Resorts International und besteht aus drei Luxushotels, zwei Wohntürmen sowie einem riesigen Shopping- und Entertainment-Center. Die MGM wäre an dem eleganten Mega-Projekt beinahe zu Grunde gegangen, wurde allerdings von einem Partner aus Dubai gerade noch gerettet. Die führenden Casino-Giganten wenden sich allerdings zusehends von Las Vegas ab. Die vom 94-jährigen Mogul Kirk Kerkorian beherrschte MGM macht neuerdings so wie der 69-jährige Steve Wynn von Wynn Resorts Ltd. oder der 79-jährige Multimilliardäre Sheldon Adelson, Boss der Las Vegas Sands Corp., lieber woanders ihr Spiel: Die drei Platzhirsche haben sich längst im chinesischen Macao engagiert.
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