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Was ist geblieben von der Rede in Kairo?

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Barack Obama hat keine andere Wahl, als seinen Kampf gegen den Terror äußerst energisch weiterzuführen. Er sollte sich dazu stärker auf seine Rolle als Friedensstifter besinnen.


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Die Regierung von US-Präsident Barack Obama ist in Gefahr, sich immer mehr im Spinnennetz des Terrorismus zu verheddern. "Wir werden im Krieg gegen die Al-Kaida alles tun, um zu siegen", kündigte Obama bereits vorige Woche an. Und es bleibt ihm tatsächlich nichts anderes, als äußerst energisch weiterzukämpfen - in Afghanistan, in Pakistan, im Jemen und an anderen Fronten, die noch auf ihn zukommen.

Um den Kampf aber erfolgreich führen zu können, wird sich Obama stärker auf seine Rolle als Hoffnungsträger für Frieden und Wandel besinnen müssen. Sehr viel gegenwärtiger waren seine Kernbotschaften noch 2008, zum Beispiel bei seiner Rede in Kairo im Juni. "Ich bin hierher gekommen, um einen Neubeginn zwischen USA und Muslimen in aller Welt anzubieten, der von gemeinsamen Interessen und gegenseitigem Respekt getragen sein soll", sagte Obama damals. Dieser Satz brachte seine strategische Vision klar auf den Punkt.

Die Rede begeisterte viele im Nahen Osten, weil sie die muslimische Welt und ihre Anliegen mit Würde behandelte. Und sie gefiel vielen Muslimen wohl auch deswegen, weil ein Afro-Amerikaner, dessen zweiter Vorname Hussein ist, diese Worte sprach. Die Menschen hatten das Gefühl, dass Obama aus all diesen Gründen eine ganz besondere Gelegenheit bot, das so oft beschworene aggressive Aufeinanderprallen der Kulturen zu verhindern. Diese Vorstellung des unausweichlichen und auslösbaren Konflikts ist das Denken, das Al-Kaida verbreiten möchte, Obama aber bot eine Alternative dazu.

Er kündigte in Kairo auch an, sich ganz besonders für den Frieden zwischen Israel und den Palästinensern einzusetzen. "Die Lage der Palästinenser ist unerträglich", sagte Obama. Er wandte sich sogar der Hamas zu, indem er aussprach, was zwar offensichtlich ist, aber normalerweise unter den Tisch gekehrt wird: "Die Hamas hat unter den Palästinensern einige Unterstützung."

Neben all der Begeisterung musste sich Obama damals jedoch auch von vielen Seiten eine Menge Zweifel anhören. Als naiv wurde er immer wieder hingestellt: Die muslimischen Gegner der USA würden sich von schönen Worten nicht einlullen lassen, lauteten viele der Bedenken, die einzige Sprache, die sie verstünden, sei die Logik der Macht.

Seine Kritiker vom Vorjahr sehen sich mittlerweile natürlich bestätigt. Obamas Kairo-Rede ist für viele heute nichts als eine blasse Erinnerung an eine schöne Gelegenheit. Nette Worte, aber keine Ergebnisse. Die Wahrheit ist aber, dass die damals von Obama skizzierte Strategie heute wichtiger ist als jemals zuvor.

Obamas Kritiker sehen den Kampf gegen muslimische Extremisten und die Arbeit für den Frieden meist als eine Sache des Entweder-Oder. Obama beschrieb die beiden in seiner Rede aber als zusammengehörig: Am besten lassen sich extremistische Aktivitäten demnach durch Fortschritte bei muslimischen Anliegen unterhöhlen. Mit Waffen allein kann man hier sicher nichts erreichen. Könnte man das, hätte sich Israel wohl schon lange seinen Weg zum Frieden freigeschossen.

Alles, was die USA zum Beispiel im Jemen gegen Al-Kaida unternehmen, wird von starken anti-amerikanischen Gefühlen dort behindert. Ebenso in Pakistan. Entwicklungsgelder zu verteilen, löst das Problem nicht. Obama muss deutlicher zu seiner Kairo-Botschaft stehen, gerade weil er es mit einem Feind zu tun hat, der versucht, die USA in Misskredit zu bringen und zu isolieren: Der muslimischen Welt die Hand zu reichen, ist keine Alternative zum Kampf gegen den Terrorismus, es ist ein wichtiger Teil davon.

Übersetzung: Redaktion