PodcastTrotz intensiver Bemühungen um ein Ende der jüngsten Gewaltwelle im Irak sind bei Anschlägen am Wochenende erneut Dutzende Menschen getötet worden. Sunnitische und schiitische Geistliche verständigten sich auf ein Verbot von Tötungen und Angriffen auf Moscheen der jeweils anderen Seite und machten die internationalen Truppen im Land für die Gewalt verantwortlich.
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Die sunnitischen und schiitischen Geistlichen verurteilten in einer gemeinsamen Erklärung am Samstag die Angriffe auf heilige Stätten, die vom Anschlag auf die Goldene Moschee in Samarra am Mittwoch ausgelöst wurden und bisher fast 200 Menschen das Leben gekostet haben. Zugleich forderten sie die Besatzungstruppen zum Abzug auf.
Der radikale Schiitenführer Moktada al-Sadr ermahnte die Iraker am Sonntag zu Einigkeit. Es gebe keine sunnitischen oder schiitischen Moscheen, sondern sie seien "für alle Iraker und für alle Muslime" da, erklärte er in Basra. Die Bevölkerung rief er zur Teilnahme an einer Demonstration in Bagdad gegen die Stationierung ausländischer Truppen im Irak und gegen die Anschläge von Extremisten auf.
Sunniten und Schiiten, Muslime und Nicht-Muslime sollten an der Kundgebung teilnehmen. Die Demonstration richte sich gegen Al-Kaida-Leute und die Mitglieder von Saddam Husseins Baath-Partei. Diese seien "das Messer, mit dem der Besatzer zusticht". Vor jubelnden Anhängern in der südirakischen Stadt sagte Sadr, nicht nur der US-Botschafter, auch alle Besatzungstruppen müssten den Irak verlassen - notfalls nach einem vereinbarten Zeitplan.
Der blutigste Überfall wurde am Samstag aus der Provinz Diyala gemeldet: Trotz eines Ausgehverbotes überfielen Bewaffnete ein Wohnhaus in einer überwiegend von Sunniten bewohnten Ortschaft und töteten 13 Mitglieder einer schiitischen Familie, wie die Polizei mitteilte. Bei einem Granaten-Angriff in Dora südlich von Bagdad starben laut Polizeiangaben sechs Menschen, 38 wurden verwundet. In der den Schiiten heiligen Stadt Kerbala wurden bei einem Autobombenanschlag mindestens fünf Menschen getötet. In der Nähe einer sunnitischen Moschee in Bagdad wurden die Leichen von 14 irakischen Polizisten gefunden.
Ein Bombenanschlag im Bagdader Stadtteil Hurriya kostete am Sonntag mindestens drei Zivilpersonen das Leben, zwei US-Soldaten starben bei einem Bombenanschlag westlich der Hauptstadt. Bei der Explosion einer Bombe nahe einer schiitischen Moschee in Basra wurden mindestens zwei Gläubige und drei mutmaßliche Attentäter verletzt. Bei einem Bombenanschlag auf dem Busbahnhof von Hilla, 100 Kilometer südlich von Bagdad, starben am Sonntag fünf Menschen.
Angesichts der weiter explosiven Lage verhängte die Regierung für Bagdad ein 24-stündiges Fahrverbot, das am Sonntagmorgen in Kraft trat. Ein seit Mittwoch in drei angrenzenden Provinzen geltendes Ausgehverbot wurde aufgehoben.
Führende irakische Politiker und einflussreiche Geistliche sprachen sich für eine Beendigung der Gewalt aus. Ministerpräsident Ibrahim al-Jaafari sagte am Samstagabend im Anschluss an ein Krisentreffen in Bagdad, der Irak sei von einem Bürgerkrieg "weit entfernt". "Das irakische Volk hat einen Feind: Das ist der Terrorismus. Und nur der Terrorismus", sagte er. "Es geht nicht um Sunniten gegen Schiiten oder Schiiten gegen Sunniten." Der politische Prozess müsse aber beschleunigt werden. Daher hätten sich die Beteiligten des Treffens für einen nationalen Pakt aller Gruppierungen ausgesprochen. An der Unterredung nahmen auch die Botschafter der USA und Großbritanniens teil.
Das sunnitische Parteienbündnis Irakische Eintracht erklärte am Samstag, es werde seinen Rückzug aus den Verhandlungen mit Schiiten und Kurden zur Regierungsbildung überdenken. Bedingung für eine Rückkehr an den Verhandlungstisch sei aber, dass Ministerpräsident Jaafari sein Versprechen zur Überwindung der Krise wahrmache. Der Regierungschef hatte am Freitag angekündigt, sowohl den schiitischen Askari-Schrein in Samarra als auch die bei Racheakten zerstörten sunnitischen Moscheen wieder aufbauen zu lassen.
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