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Wenn Wohnen zur Titanic wird

Von Martina Madner

Politik

Beim City Forum in Rotterdam konnte man lernen, warum Wien in Sachen Wohnen besser unterwegs ist als die Gastgeber.


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Wien/Rotterdam. Dieser Tage im Theater auf der "SS Rotterdam" in der gleichnamigen Stadt: Bürgermeister Ahmed Aboutaleb startet seine Eröffnungsrede zum City Forum 2017 der EU Kommission mit "einem innovativen Projekt". Und meint das Schiff, in dessen Bauch sich der Theatersaal befindet. Dabei wurde das Schiff bereits am 13. September 1958 von Königin Juliana zu Wasser gelassen. "1959 brach die ,SS Rotterdam‘ das erste Mal von hier nach New York auf." Eine Innovation?

Aboutaleb spannt heute wahrlich einen großen Bogen, um das zu erklären: von der Steinzeit bis hin zum 18. Jahrhundert mit dampfbetriebenen Maschinen. Das ist also die Innovation. Und: "Das Zeitalter des Dampfes startete, obwohl es immer noch Steine wie in der Steinzeit gab." Innovationen finden statt, aktuell jene der digitalen Revolution. Der Versuch, Bewährtes nur zu bewahren, muss scheitern.

Innovationen werfen neue Fragen auf: "Was passiert mit Transportschiffen, einer Stadt, die von der Logistik lebt, wenn wir mit 3D-Printern, so wie das am RDM Campus gemacht wurde, selbst Schiffsschrauben vor Ort herstellen können und keinen Transport mehr brauchen?" Aboutaleb kommt in seiner Zeitreise bei den Problemen, die beim Forum Thema sind, an: Arbeit geht verloren, es gibt weltweite Wanderungsbewegungen, vor allem Städte sind die Betroffenen.

Es braucht neue Antworten. "Solche geben Städte, sie sind Vorreiter", sagt Aboutaleb zu den Forumsgästen, insbesondere Städtevertretern. Und zu den Vertretern der Europäischen Kommission: "Ihr seid smart genug, lasst uns unsere Aufgabe machen."

Genau das tut die EU Kommission seit Mai 2016 verstärkt. Da wurde die "Urban Agenda" mit dem Pakt von Amsterdam gestartet. Sie umfasst zwölf Themen, zum Beispiel Digitalisierung, Luftqualität, Arbeit in der lokalen Wirtschaft, die Inklusion von Migranten oder Wohnen. Der kürzlich veröffentlichte Zwischenbericht zeigt, dass es dafür auch EU-Geld gibt. Aus dem von 2014 bis 2020 mit 100 Milliarden Euro bestückten Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) fließen 15 Milliarden direkt in Europas Städte. Auch aus den "Horizont 2020" und Urbact-Programmen sowie von der Europäischen Investitionsbank gibt es Geld.

Aktionismus auf lokaler und europäischer Ebene

Beim City Forum geht es aber nicht nur um Geld, sondern auch um den Austausch der Städte und konkrete Aktionspläne zur Urban Agenda. Wien ist von Beginn an mit dabei. Michaela Kauer, Chefin des Wien-Hauses in Brüssel, wurde mit der Leitung der Partnerschaft "Housing" betraut. Denn in puncto Wohnen gilt die Hauptstadt Österreichs als erfolgreicher Innovationsvorreiter.

Es geht aber nicht nur um das Lernen aus Positivbeispielen, sondern auch um jenes aus kontraproduktiver EU-Politik. Kauer nennt den "Dutch-Case" als ein solches Beispiel: Hierbei wurde vom Europäischen Gerichtshof einer Klage von Investoren gegen die Niederlande Recht gegeben. Diese sahen in der Förderung sozialen Wohnbaus eine EU-widrige Wettbewerbsverzerrung. Die Folge: Die Niederlande hoben die Bruttohaushaltseinkommensgrenze für das Wohnen in gemeinnützig finanzierten Bauten von 33.000 auf 38.000 Euro jährlich an. "Mit einem Schlag verloren 650.000 Menschen die Chance, in eine Gemeindewohnung zu ziehen."

Deshalb ist das Adaptieren von EU-Gesetzen Ziel der Urban Agenda. Um diese und ähnliche Klagen wie in Schweden, Belgien, Luxemburg und Frankreich künftig zu verunmöglichen, setzt sich die Housing-Gruppe der Urban Agenda für eine Ausnahme für Investments und Services im öffentlichen Interesse im Wettbewerbsrecht ein.

Wie man mit einem SchiffGeld versenkt

Negativbeispiel in puncto Wohnprojekt ist auch die "SS Rotterdam" selbst. Denn die Geschichte des Schiffs birgt den Versuch, mit einem ungewöhnlichen Wohnprojekt ein Stadtviertel zu revitalisieren. Auf der Internet-Plattform "Vergeten Verhalen", was vergessene Geschichten bedeutet, ist sie als "Titanic von Woonbron" nachzulesen. Die Kurzfassung: Ein Jahr nach dem Bankrott der Schiffseignergesellschaft RDM 2004 kauften die Wohnungsbaugesellschaft Woonbron und die Investmentgesellschaft Eurobalance das in die Jahre gekommene Schiff dem Hafen um eineinhalb Millionen Euro ab. Dann aber begann eine Odyssee, nicht nur örtlich über Cadiz, Danzig und Wilhelmshaven, sondern auch eine finanzielle.

Dabei hatte alles mit einem bescheidenen Plan begonnen: Das Schiff sollte für 24 Millionen Euro zu einer Kombi aus Shopping-, Kongress- und Ausbildungscenter mit Wohnraum für Studenten werden. Bei der Renovierung wurde aber Asbest entdeckt. Die Kosten stiegen, die Geschäftspartner sprangen ab. Letztendlich wurden mit der Renovierung zwar nicht das Schiff, wohl aber 250 Millionen Euro versenkt. Woonbron musste verkaufen, bekam vom heutigen Besitzer, den WestCord Hotels, gerade mal 29,9 Millionen Euro. Statt Studenten nächtigen heute Vier-Sterne-Gäste auf der "SS Rotterdam". Und die Stadt hat gelernt, dass sozialer Wohnbau wenig mit solchen Prestigeprojekten zu tun hat.

Zugleich liegt die "SS Rotterdam" heute fest vertäut, unbeweglich auf der Halbinsel Katentrecht vor Parkflächen für Autos und englischem Rasen. Den frisch gepflasterten Maashavenkade-Pier, der an einstöckigen, gelb-braunen Steinhäusern und an der Maas mit Wasserbus-Station, kleinen Transport- und Ausflugsschiffen entlang führt, wissen Radfahrer, Läufer und Spaziergänger auch im November zu nutzen, obwohl die Sonne das Gemisch aus Niesel- und Platzregen nur stundenweise unterbricht. "Noch vor fünf Jahren war das eine No-Go-Area", sagt Edwin Cornelisse, Mitarbeiter im Büro des Bürgermeisters.

Eine Gegend, wo man Rundum-Hilfe benötigt

Solche gibt es in Rotterdam nach wie vor, zum Beispiel Süd-Rotterdam. Die Gegend beherbergt 200.000 Menschen, 75.000 davon leben von sozialer Wohlfahrt. Das durchschnittlich verfügbare jährliche Einkommen beträgt 17.500 Euro, im Unterschied zu 19.300 Euro in Rotterdam generell und zu 23.900 Euro in den Niederlanden. Die Arbeitslosenquote beträgt "atemberaubende" 21 Prozent im Vergleich zu sieben im nationalen Durchschnitt, wie es in der Beschreibung der Gegend des "Nationaal Programma Rotterdam Zuid" heißt.

"Es ist eine Gegend mit vielen armen Leuten und enorm hoher Kriminalität, aus der die Leute wegziehen, sobald sie auch nur etwas mehr Geld verdienen", sagt Cornelisse. "Sie ist, weil die Mieten billig sind, ein Magnet für Neets, und zwar aus 65 verschiedenen Herkunftsländern von Marokko über die Türkei bis hin zu Afghanistan", sagt Piet Boekhoud, Direktor der NGO "De Nieuwe Kans", zu Deutsch "Die neue Chance". 30.000 solcher Jugendlicher bis 24 Jahren, die weder zur Schule gehen, noch Job oder Ausbildung haben, soll es alleine in Rotterdam Süd geben. Das sind 15 Prozent, und damit deutlich mehr als in ganz Wien. Hier sind es zwar auch 25.500, aber "nur" 1,4 Prozent der Wiener insgesamt.

Boekhoud startete gemeinsam mit der STC-Group, der maritimen Logistikschule, und 43 Unternehmen ein Jobintegrationsprojekt für die Neets der Region. Er hat die Kontakte zu den Netzwerken, zu den "Heros, die wissen, was sich im Viertel tut". Sie vertrauen ihm, sagt er. Die ersten 30, die im März 2018 mit einem Jahr Schule plus Training-on-the-Job starten, seien sicher leicht zu finden. Das scheint nachvollziehbar, sein Vertrauen auf die nachhaltige Wirkung des Projekts, für das aus dem EFRE bis Juni 2019 2,8 Millionen Euro fließen, in der durch die Digitalisierung gebeutelten Logistikbranche in Rotterdam allerdings weniger.

So scheint es von großer Bedeutung zu sein, dass nicht nur die Stadt, sondern auch der Staat sich den Problemen Rotterdam Süds annimmt. 2011 startete man gemeinsam mit Wohnbaugesellschaften, Universitäten, Gesundheitseinrichtungen, Unternehmen und Schulen ein nationales Programm. Das Ziel ist es, mit Bildungs-, Arbeits- und Wohnprojekten "das Leben im Süden zu verbessern und den Rückstand aufzuholen. In einem Zeitraum von 20 Jahren muss der Süden auf das Niveau von Rotterdam gelangen", heißt es auf der Programm-Seite.

Wenn Wohnennicht Grundrecht ist

Beim City Forum 2017 wird eine Homeless Bill of Rights verabschiedet. Wohnen als grundlegendes Menschenrecht klingt nett. Neben solchen Kundgebungen begibt sich die Housing-Gruppe der Urban Agenda aber auch auf Exkursion nach Rotterdam-Süd und sieht sich die Aktivitäten vor Ort an: Sie sehen die thermische Sanierung von Gebäuden, die vor Jahrzehnten rasch errichtet wurden, und die nun nachgeholt werden muss, auch um die Energiekosten der Bewohner zu senken; die Zusammenlegungen von Wohnungen, um mehr Platz für Familien zu schaffen; aber auch Häuser mit mit Brettern verschlossenen Türen und Fenstern, die auf den Abriss warten. Und Neubau, der auf solchen Grundstücken danach folgt: besserer, energetisch einwandfreier, aber auch teurerer Wohnraum. Danach sind nicht alle vollends von dem Tun in Rotterdam Süd überzeugt. Michaela Kauer sieht im Abriss ganzer Häuserzeilen auch Gefahren der Gentrifizierung: Geschäftemacherei und zu wenig leistbaren Wohnraum für weniger Betuchte.

Genau das befürchtet auch Paulo Dosantos im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" beim Lokalaugenschein vor Ort. Obwohl er als Beschäftigter am Bau einige der Häuserblocks in der Afrikaanderplein am Rande von Rotterdam Süd selbst mitrenoviert hat, spricht er zwar von "gut klingenden Plänen im sozialen Wohnbau", sagt aber auch: "In der Praxis können die aber schiefgehen." Er lebt seit 30 Jahren gerne hier, ist ursprünglich am Kap Verde geboren, hat in jungen Jahren auf Schiffen angeheuert, was ihn nach Rotterdam geführt hat. "Das Viertel ist nicht so schlecht wie sein Ruf, ich habe keine Probleme hier." Er und andere könnten aber eines bekommen, wenn das Wohnen im Neubau in Rotterdam Süd zu teuer würde.

Bunt durchmischte Städteals Vorbild

Gentrifizierung kann man aber auch anders, weit positiver sehen: Sébastian Garnier, Vertreter der Aedes, der holländischen sozialen Wohnbaugesellschaften in Brüssel, sagt etwa: "Es geht um eine bessere Durchmischung der Leute in Rotterdam Süd, neue Wohnungsprojekte sind da ein Anreiz hinzuziehen." Und: "Es hilft der Stadt auch, wenn Ärmere, und damit auch die Probleme, die durch Armut entstehen, besser auf die ganze Stadt verteilt sind."

So kommt es, dass man mittlerweile auch Marÿke Meilsy in Rotterdam Süd antreffen kann. Sie ist ihrem Sohn erst vor zwei Jahren in die Stadt gefolgt, wohnt gerne in der Gegend, weil sie in unmittelbarer Wasser-Nähe liegt: "Es ist sehr nett, hier den Blick auf die Maas zu haben." Und auch den sozialen Programmen für die Region kann sie viel abgewinnen, "das bringt uns zusammen". Sie sieht Gemeinschaften entstehen und sagt: "Nachbarschaftshilfe bringt uns weiter". Das betont auch Cornellise, die Punkte Bildung und Arbeit im nationalen Programm für Rotterdam Süd würden außerdem das Lohnniveau heben, weshalb "Leute, die besser verdienen, heute schon und künftig noch mehr auch im Viertel bleiben wollen".

Für 2016 konnte Cornellise übrigens einen "Durchbruch in der Säule Wohnen" vermelden. Mit einer Stadtförderung über 50 Millionen Euro und zusätzlicher steuerlicher Absetzbarkeit für Wohnungsbaugesellschaften über 35 Millionen Euro würden bis einschließlich 2022 mehr als 750 Millionen Euro investiert. Damit sollen schon bis Ende 2018 rund 2650 neue Wohnungen im Süden gebaut werden, die ursprüngliche Zielsetzung waren 2000. Das scheint eine niedrige Zahl zu sein, angesichts der Situation in Rotterdam Süd, aber auch im Vergleich zu Wien, wo bis 2020 4000 neue Gemeindewohnungen geschaffen werden. Und das obwohl bereits eine der insgesamt 1,9 Millionen Wiener in 220.000 Gemeindewohnungen und weiteren 200.000 gemeinnützig geförderten Wohnungen lebt.

Tatsächlich beeindruckt das Engagement der Stadt mit 533 Millionen Euro, die Wien 2018 in Neubau, Sanierung und Subjektförderungen wie zum Beispiel Mietbeihilfen stecken wird, international mehr als in Österreich oft angenommen. "Die Stadt (eigentlich ist es Wiener Wohnen, eine Unternehmung der Stadt, Anm.) als größter Vermieter Europas, vielleicht sogar weltweit. Das ist etwas ganz Besonderes, auf das die Wiener stolz sein können", sagt zum Beispiel Barbara Steenbergen, die Leiterin des Brüsseler Büros der Internationalen Mietervereinigung.

Die offensive Wiener Wohnbaupolitik, von der breite Bevölkerungsschichten profitieren, gilt in der Housing Gruppe der Urban Agenda als vorbildlich. Steenbergen sieht etwa das gesamtheitliche Planen ganzer Stadtteile als Vorteil: "Da wird auch die Infrastruktur, Spielplätze, Kindergärten, öffentlicher Verkehr mitgeplant." Auch den Smart Wohnungen, wo künftig bei einem Drittel der Wohnungen maximal 60 Euro Eigenmittelanteil und 7,5 Euro Bruttomiete anfallen, kann sie viel abgewinnen. "Das sorgt für Inklusion. Die Stadt verhindert so In- und Outsiderproblematiken", sagt Steenbergen.

So viel Lob macht Tanja Wehsely ungewohnt sprachlos. Nur ein knappes Statement, "das hat bei uns die Nachwirkungen der Krise stark abgefedert", entfleucht ihr. Wobei die politische Vertreterin Wiens ihre Sprache rasch wieder findet, und zwar als es darum geht, das gemeinsame Anliegen mit dem internationalen Städtebund, den 135 Eurocities in denen in Summe 130 Millionen Menschen leben, zu vertreten: "Wir setzen uns dafür ein, dass das drei Prozent Defizit-Kriterium nicht mehr für soziale Investment gelten. Schließlich stehen denen nachhaltige und dauerhafte Werte gegenüber." Der soziale Wiener Wohnbau blickt übrigens auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurück, scheint also ein Projekt zu sein.