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Warum Millionen Patienten falsch behandelt wurden. | Neue Therapien wurden unkritisch übernommen. | San Francisco/Wien. Der Skandal um den Anästhesiologen Scott S. Reuben vom Baystate Medical Center (Springfield/Massachusetts), der 21 seiner Studien zur Schmerztherapie während und nach orthopädischen Operationen glatt gefälscht hatte, lässt vor allem in den USA weiterhin die Wogen hoch gehen. In Europa - Großbritannien ausgenommen - wurde er dagegen bisher kaum wahrgenommen, obwohl von Reubens Betrug Millionen Patienten in aller Welt betroffen waren und sind. Also auch in Österreich.
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Während die Scientific Community einmal mehr über die Studienkontrollen (peer reviews) in Fachmedien diskutiert, erhebt sich vor allem die Frage, warum niemandem schon früher auffiel, dass Reuben ausschließlich den Vertrieb der ebenso teuren wie alles andere als unbedenklichen Produkte der involvierten Pharmafirmen Merck und in der Folge Pfizer forcierte - von Vioxx, Celebrex, Neurontin, Lyrica und weiteren.
Bei Vioxx, das nach Herzinfarkten und Schlaganfällen im Jahr 2004 infolge Zehntausender Klagen gegen Merck vom Markt genommen werden musste, handelte es sich ebenso wie bei Celebrex von Pfizer um ein entzündungs- und schmerzhemmendes Medikament aus der Gruppe der sogenannten COX2-Inhibitoren. Diese zeigten zwar in der Zwischenzeit in seriösen Untersuchungen keinerlei Vorteile gegenüber den bis dahin angewendeten Medikamenten, haben aber dank Reubens "Studien" und eines ausgeklügelten Marketings die bewährten und bedeutend preisgünstigeren "Oldies" so gut wie verdrängt.
Belastung für die Gesundheitssysteme
Denn selbstverständlich gibt - oder vielmehr gab - es vor diesem Sündenfall schon ein Schmerzmanagement, das auch postoperativ gute Wirkung zeigte: Opiate bzw. Opioide zum Beispiel, die in den vergangenen drei Jahrzehnten bedeutend verbessert wurden und die an den jeweiligen Bedarf des Patienten angepasst werden können. Allerdings ist mit diesen Mitteln nicht das große Geld zu machen - sie kosten fast nichts und könnten in noch verbesserter Form hergestellt werden, würden sie nicht synthetisiert, sondern aus Rohopium produziert werden. (Was im Nebeneffekt auch zu einer drastischen Reduktion des illegalen Suchtgifthandels jener Länder führen könnte, die traditionell Schlafmohn anbauen.)
Also wurden Opiate wie Morphium und Opioide - vor deren Einsatz in Ländern wie Österreich bekanntlich ohnehin viel zu viele Mediziner viel zu lange zurückschreckten - in Misskredit gebracht (etwa mit Verweis auf die Gefahr der Suchtabhängigkeit), um die ungleich teureren, damals neuen COX2-Inhibitoren auf den Markt bringen zu können. Dafür war Reuben in seiner Nebenfunktion - als Forschungssprecher bei Pfizer und mit fünf Forschungsstipendien der Firma ausgestattet - mit seinen "Studien" an hunderten Patienten, die es gar nicht gab, der Steigbügelhalter. Und so kam es, dass weltweit nach dessen "Erkenntnissen" neue Richtlinien geschaffen wurden.
Freilich mit dem Nebeneffekt, dass unter anderem auch die allenthalben ohnehin belasteten Gesundheitssysteme weiter ins Defizit rutschten. In gleicher Weise ist es Reuben und dem Pfizer-Marketing zu verdanken, dass Mittel wie Lyrica und Neurotikon zusätzlich gegen sogenannte neuropathische Schmerzen zum Einsatz kamen, nachdem sie sich in Tests als nahezu untauglich im Hinblick auf ihr ursprüngliches Wirkungsgebiet - als Antikonvulsiva gegen Krampferkrankungen wie Epilepsie - erwiesen hatten.
In der Folge machte es Reuben obendrein nahezu unmöglich, heute festzustellen, ob und wieviele Patienten durch diese Schmerztherapien zu Schaden kamen. Als eine unabhängigen Studie darauf hindeuteten, dass die Medikamente im Tierversuch zu einer Verzögerung der Knocheneinheilung führten, wurde dies umgehend von einer eilig produzierten "Gegenstudie" Reubens widerlegt. Danach wurde nicht mehr weiter geforscht.
Richtlinien werden immer noch befolgt
Indessen liegen der "Wiener Zeitung" seit Erscheinen des Erstartikels über den Wissenschaftsbetrug vor einer Woche Patientenberichte vor, die einen hinsichtlich der Nicht- und Nebenwirkungen das Gruseln lehren könnten. Denn auch in Österreich verläuft das Schmerzmanagement nach den Richtlinien, die Reuben/Pfizer vorgegeben haben. Die Betroffenen verstehen insbesondere nicht, wie es kommen konnte, dass Ärzte diese Richtlinien nicht hinterfragten und jahrelang unkritisch umsetzten. - Dazu ist anzumerken, dass man Studien im allgemeinen vertrauen können muss. Und dass die meisten Ärzte noch gar nichts von Reubens Betrug wissen.

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