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Wetter machen ist mehr als Hexerei

Von Heiner Boberski

Wissen

Für Unwetter wurden immer böse Mächte und missliebige Menschen verantwortlich gemacht. | Militärs führten Tests durch, außer sogenanntem "Wolkenimpfen" gab es keine greifbaren Erfolge. | Wien. Ferdinand Raimunds 1823 auf die Bühne gestellter "Barometermacher auf der Zauberinsel" Bartholomäus Quecksilber sang damals vollmundig: "Was braucht man Barometer/ Auf dieser Welt noch mehr?/ Ein jeder macht sich’s Wetter/ So wie’s ihm g’fällt daher:/ Auf Schön zeigt’s bei den Reichen/ Bei Stutzern zeigt’s auf Wind/ Auf Regen steht das Zeichen/ Wo arme Schlucker sind."


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So weit, dass sich jeder sein Wetter nach Belieben gestalten kann, ist die Menschheit aber offensichtlich - und nach Meinung vieler: zu ihrem eigenen Glück - auch fast 200 Jahre später nicht. Wie sich jüngst zeigte, kann aber beispielsweise der Ausbruch eines einzelnen Vulkans Klima und Wetter deutlich beeinflussen. Die Fähigkeit des Menschen auf diesem Gebiet besteht nach Meinung der meisten Klimatologen immerhin darin, erheblich zu einer globalen Klimaerwärmung beizutragen. Aber obwohl Klima und Wetter zusammenhängen, sind sie auch streng zu unterscheiden. Ob morgen oder übermorgen die Sonne scheint oder Regen fällt, welche Temperaturen herrschen und was für Winde wehen werden, kann von guten Meteorologen zwar prognostiziert, aber nach landläufiger Meinung vom Homo sapiens nicht wirklich beeinflusst werden. Oder doch?

Früher machte man höhere Mächte für das Wetter verantwortlich, der "Wettergott" ist heute noch in aller Munde. Der griechische Göttervater Zeus soll sich als Schleuderer von Blitzen, der Germanengott Thor oder Donar, seinem Namen entsprechend, als Donnerer vom Dienst betätigt haben. Im Christentum wurde dann der heilige Petrus - man nahm die Bibelstelle, die besagt, Jesus Christus habe ihm "die Schlüssel des Himmelreichs" anvertraut, wörtlich - zum Himmelspförtner und Wetterverantwortlichen.

Glocken, Musketen, Kanonen

Die Abergläubischen im christlichen Abendland suchten bei Unwetter die Schuldigen unter missliebigen Menschen, die der Hexerei oder des Bundes mit dem Teufel angeklagt wurden. Kein Wunder, dass die drei Hexen in Shakespeares "Macbeth" einander bei "Donner, Blitz oder Regen" treffen (pikanterweise "oder", nicht "und", aber das ist für Hexen wahrscheinlich kein Problem).

So findet man etwa im Oberösterreichischen Sagenbuch dazu vielsagende Texte, darunter folgenden: "Die Wagnerin in Rauhenöd konnte Wetter machen. Wenn sie das Gewitter heraufbeschwor, kochte sie in der schwarzen Kuchel einen Zaubertrank und fuhr dann durch die Luft auf einem Besenstiel davon. Bei einem Wetter sah einst ein Mann, dessen Urenkel noch lebt, zwei Beine mit Holzschuhen aus der Wolke heraushängen und schoss einen Holzschuh herab. Die Hexe streifte an die Michaelsfigur am Kirchlein von St. Michael, dass sich diese verbog. Der herab gefallene Holzschuh wurde als der der Wagnerin erkannt, sie wurde gefangen genommen und von vier Pferden zerrissen."

Die Bösen machten also die Unwetter, die Brände auslösten oder ganze Ernten vernichteten, und die Guten hatten alle Hände voll zu tun, um sich dagegen zu wehren. Neben dem Gebet zu Gott, dem Anrufen diverser Wetterpatrone und dem Aufstellen von Wetterkreuzen vor den Dörfern vertraute man auch auf das Läuten von Wetterglocken. Später versuchte man mit dem Wetterschießen, zunächst mit Musketen, dann mit Kanonen, Gewitterwolken zu vertreiben. Noch in jüngerer Zeit soll es etwa beim Kitzbühler Tennisturnier vorgekommen sein, dass die Organisatoren bei drohendem Gewitter den Ortspfarrer baten, die Glocken zu läuten, um die Wolken zu den Nachbarorten zu verscheuchen, damit ihre Veranstaltung einigermaßen trocken über die Bühne gebracht werden konnte.

Wissenschaftliche Versuche, das Wetter zu beeinflussen, begannen um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Aber weder Schallkanonen noch gelegte Waldbrände oder das Versprühen von Sand in die Wolken erzielten Wirkung. 1930 ließ der Niederländer August Willem Veraart vom Flugzeug aus Trockeneis in Wolken fallen, um Regen zu erzeugen, 1935 versuchte es der französische Meteorologe Bernard Dubos mit Hilfe riesiger Dampf-Schornsteine, und 1938 wollte der Amerikaner Henry G. Houghton Nebel auflösen, indem er eine die Feuchtigkeit bindende Lösung hineinsprühte. Alle scheiterten.

Durchbruch mit Silberjodid

Ein Durchbruch gelang erst dem 1932 mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichneten US-amerikanischen Forscher Irving Langmuir. Er testete 1946 wochenlang in einer Gefriertruhe mit verschiedenen chemischen Verbindungen, ob sie in der kalten Luft eine Wolke bildeten. Als er es mit Silberjodid versuchte, rieselten wirklich feinste Eiskristalle zu Boden - der erste künstlich hergestellte Niederschlag. Das Prinzip dahinter: Wasserdampf lagert sich an Kristallisationskeimen an, in diesem Fall an den Salzen, erreichen diese ein bestimmtes Gewicht, regnet oder schneit es.

Der griechische Philosoph Heraklit hatte nicht ganz unrecht damit, dass der Krieg der Vater aller Dinge ist. Denn wieder einmal sorgten die Militärs dafür, dass die Entwicklung vorangetrieben wurde. Am 15. August 1952 brachen über die kleine südenglische Küstenstadt Lynmouth gigantische Regenfälle - etwa das 250-

Fache einer normalen Regenmenge - und eine wahre Sintflut herein. 34 Menschen kamen ums Leben, 38 Gebäude wurden zerstört. Nicht nur Anhänger von Verschwörungstheorien halten es für möglich, dass die "Operation Cumulus" der Royal Air Force - ein Versuch, Wetter für die Kriegsführung einzusetzen - die Katastrophe auslöste.

Im Vietnamkrieg setzten die Amerikaner tausende Raketen ein, um mit Silberjodid den Monsun zu verstärken und die Versorgung des Gegners zu unterbrechen. 1978 setzte dann die UNO die "Convention on the Prohibition of Military or Any Other Hostile Use of Environmental Modification Techniques", kurz "Enmod-Konvention", in Kraft, die es untersagt, das Wetter als Kriegswaffe zu missbrauchen. Im September 2007 waren bereits 73 Staaten der Konvention beigetreten, darunter alle ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates mit Ausnahme von Frankreich. Wie weit die Konvention im Ernstfall berücksichtigt wird, ist ungewiss.

Derzeit betreibt kaum eine Nation so viel Wettermanipulation wie die Chinesen. Das US-Magazin "Technology Review" meldete anlässlich der Olympischen Sommerspiele 2008 in Peking, als sich das Veranstalterland sehr um Schönwetter bemühte, die Volksrepublik China gebe jährlich 60 bis 90 Millionen Dollar (etwa 45 bis 70 Millionen Euro) für das Regenmachen aus. Von 1999 bis 2007 seien so mehr als 250 Millionen Tonnen Niederschlag produziert worden. Dass das verwendete Silberjodid giftig ist und Grenzwerte einzuhalten wären, wird wohl im Reich der Mitte weniger eng gesehen als anderswo.

"Hagelflieger" haben Wirkung

Über den Einsatz von Silberjodid zum "Wolkenimpfen", um diese zum vorzeitigen Abregnen zu bringen, gehen aber die Möglichkeiten zur Wettermanipulation kaum hinaus, meint der Meteorologe Leopold Haimberger von der Universität Wien: "Man kann eine Wetterlage nicht wirklich verändern." Sehr wohl könne sich aber eine geänderte Landnutzung - etwa das Abholzen des Amazonas-Regenwaldes - auf Klima und Wetter auswirken.

Auch der Einsatz der "Hagelflieger", die Silberjodid in Hagelwolken sprühen, damit statt verheerender großer Hagelschlossen nur kleine Körner zu Boden fallen, gilt noch als umstritten. Eine Langzeitstudie des Meteorologen Otto Svabik von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien über 20 Jahre, 1981 bis 2000, kam jedenfalls zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass dank des Fliegereinsatzes die Schäden um bis zu 40 Prozent reduziert werden konnten.