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"Wie eine Wildgewordene"

Von Christian Rösner

Politik
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Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei?
© Rösner

Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.


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Castellaneta/Wien. "Die Vassilakou führt sich auf wie eine Wildgewordene. Ganze Hauptstraßen den Fahrrädern freigeben oder den Ring tageweise zugunsten der Radfahrer sperren zu wollen - das kann ja nicht normal sein", poltert die 76-jährige Waltraud K. aus Favoriten. Die anderen Pensionisten in der Runde nicken zustimmend. "Und die Radwegebenützungspflicht aufzuheben ist grob fahrlässig", ergänzt Walter P. aus Donaustadt.

Es ist kurz vor dem Abendessen. Und die Senioren aus Wien sind sichtlich aufgebracht und beginnen lautstark über die Wiener Stadtpolitik zu diskutieren. Dabei sind sie weit weg von zu Hause. Die "rote Basis" ist nämlich auf Urlaub: Innerhalb von fünf Wochen werden vom SPÖ-nahen Pensionistenverband Österreichs insgesamt 8000 Senioren nach Apulien und wieder zurück geflogen. Apulien ist der südöstlichste Teil Italiens und bezeichnet auf der Landkarte sozusagen den Absatz des Stiefels. Und das jährliche Frühjahrstreffen ist für die ältere Generation immer wieder eine willkommene Gelegenheit, neue Regionen Mitteleuropas kennenzulernen. Denn bei dieser Art des Reisens fällt das Kofferschleppen weg, weil quasi schon vor der eigenen Haustüre das Gepäck abgegeben wird. Es gibt Vollpension sowie zahlreiche inkludierte Ausflüge, und Ärzte sind in der Urlaubsdestination auch rund um die Uhr verfügbar. Diese Woche endet der fünfte und letzte Turnus.

Aber selbst die ungezwungene Urlaubsstimmung bei so einem Frühjahrstreffen hindert die Senioren nicht daran, scharfe Kritik an der Wiener Stadtpolitik zu äußern. Auch nicht, wenn es Genossen wie den Wiener Bürgermeister Michael Häupl betrifft: "Der Michl hat sich von den Grünen total überrumpeln lassen. Verantwortlich für das ganze Radfahrdesaster und die Parkpickerl-Geschichte ist zwar Maria Vassilakou, aber ausbaden wird das am Ende der Häupl müssen", prophezeit Heinz K.

In der Diskussionsrunde wird vermutet, dass Häupl 2010 das Verkehrsressort Maria Vassilakou übergeben hat, damit sie diese ungemütlichen Themen erledigen kann - "denn er würde sich das nie trauen", ist man sich sicher. Walter P. spricht an dieser Stelle erneut die Aufhebung der Radwegebenützungspflicht an: "Wenn man schon so was Deppertes macht, dann muss es auch eine Versicherungspflicht und Nummerntaferln für die Radler geben. Denn wenn heute ein Passant von einem Radfahrer angefahren wird, dann fährt der Radfahrer einfach weiter und nichts passiert. Dabei fahren die zum Teil schon fast 50 km/h und man hört sie nicht. Das ist extrem gefährlich", betont Walter P.

Hermine F. sieht wiederum nicht ein, dass die Radfahrer plötzlich die Wege nicht mehr benutzen müssen. "Jetzt hat man um teures Steuergeld das Radwegenetz ausgebaut und jetzt sollen die plötzlich auf der Straße fahren? Da fragt man sich schon, wozu das alles."

Und Herta W. wirft ein: "Und wenn mir ein Radfahrer auf der Straße entgegenkommt und ich ihm sage, er soll doch lieber den sündteuren Radweg benützen, dann kriege ich gleich eine freche Antwort und schon ist er weg."

Parkpickerl vertreibt Kunden

Aber das ist nicht das einzige heiße Eisen, dass die ältere Generation in Rage bringt. Auch an der Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung haben die Pensionisten einiges auszusetzen. Manche von ihnen haben deswegen der Stadt sogar den Rücken gekehrt. "Wir waren früher Wiener, jetzt sind wir Niederösterreicher. Wir pendeln auch nicht mehr zum Einkaufen nach Wien wie früher, weil sich jetzt niemand mehr das Parken leisten kann. Und da sind wir nicht die Einzigen. Da geht Wien viel Kaufkraft verloren", meint Rudolf F. dazu.

Allerdings wird die Grundidee, die Autos aus der Stadt zu bekommen, nicht grundsätzlich verteufelt. "Die Idee ist schon Ordnung. Aber dann muss ich rechtzeitig genug preisgünstige Parkmöglichkeiten am Stadtrand haben. Das muss man aber machen, bevor man das Parkpickerl einführt, nicht nachher. Jetzt ist alles ab 8 Uhr Früh zugeparkt", betont Elfriede T. aus Penzing. Rudolf F. fügt hinzu: "Das ist eine völlige Fehlplanung seitens der Grünen. Da hätte sich eigentlich Häupl profilieren können. Dass er aber hier die Grünen anrennen hat lassen, wird ihm bei der Wahl 2015 auf den Kopf fallen."

Mit der Arbeit der SPÖ ist man wenigstens teilweise zufrieden. "Wir müssen froh sein, so leben zu dürfen. Ich komme viel herum und es kaum Plätze, wo es die Menschen so gut haben wie in Wien", sagt Anna S. Und doch vermisst sie Initiativen für die jüngere Generation. "Die SPÖ macht für die Jugend überhaupt nichts mehr. Gar nichts. Früher hat es die Roten Falken gegeben, die Sozialistische Jugend, den Arbeiter Turnverein - man hat einfach wahnsinnig viel gemacht. Heute sitzen die alten Männer mit der Weinflasche im Park und von der Jugend keine Spur", beklagt die Floridsdorferin.

Dieser Meinung ist auch Walter P.: "Wie kann man Nachwuchs fördern, wenn man nichts anbietet? Drum rennen’s auch alle zur ÖVP und in die Kirche und was weiß der Kuckuck - weil sie nichts mehr anderes haben. Das stört mich schon sehr."

Laut Waltraud K. sind der SPÖ die Grundwerte verloren gegangen. "Die Politiker werden immer abgehobener. Da müsste man wieder mehr auf die Basis hören - egal ob das mit der Jugend oder den Radfahrern zu tun hat."

Auch nur Käfer gestreichelt

Doch trotz allen Ärgers der eigenen Partei gegenüber zeigt man sich letztlich doch einigermaßen optimistisch, die Zukunft betreffend. "Die SPÖ wird sicher prozentmäßig die stärkste Partei in Wien bleiben. Aber sie wird nicht alleine regieren können", so die Einschätzung der Senioren.

Und wer wird Häupl nachfolgen? "Michael Ludwig oder Rudolf Hundstorfer", sagt Elfriede T. "Hundstorfer ist dann doch schon zu alt - weil entweder wir haben eine Altersgrenze oder nicht. Und Ludwig ist zu brav", entgegnet Rudolf F. "Aber der Häupl hat ja vorher auch nur Käfer gestreichelt und ist dann trotzdem ein guter Bürgermeister geworden", räumt Elfriede T. sein. "Aber jetzt müssen wir gehen, sonst wird die Pasta kalt."