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Lehrerin Kaindl ist gegen "Lernen unter Zwang". | Kursnachweis für Arbeitsplatz wichtig. | Kaum Konflikte zwischen einzelnen Nationalitäten. | Wien. "Ich bin nicht dafür verantwortlich, dass sich die Leute hier integrieren, sondern dafür, dass sie Deutsch lernen." Astrid Kaindl hält nicht viel von der Integrationsvereinbarung (IV). Die Germanistin bringt seit 15 Jahren Zuwanderern die deutsche Sprache näher. Dass seit 2003 ein 100-stündiger Deutschkurs für die Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung Pflicht ist, hält sie für kontraproduktiv - von der Erweiterung auf 300 Stunden seit 2006 gar nicht zu reden. Denn "Sprachenlernen ist unter Zwang viel schwieriger", sagt Kaindl.
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Nicht alle der 16 Teilnehmer an ihrem Abendkurs an der Volkshochschule Ottakring müssen eine Integrationsvereinbarung erfüllen - auf die ein oder andere Weise unter Zwang stehen sie trotzdem fast alle.
Da ist zum Beispiel die 30-jährige Rumänin: Als Ehefrau eines Österreichers und EU-Bürgerin muss sie die IV nicht erfüllen. Obwohl sie schon sehr gut Deutsch spricht, will sie einen Kurs-Nachweis erbringen: "Für die Arbeit - sonst nimmt mich niemand." Seit vier Jahren lebt die Rumänin in Wien, ihr dreijähriger Sohn hat die österreichische Staatsbürgerschaft. "Wenn ich wüsste, dass es gut für ihn ist, würde ich auch die Staatsbürgerschaft annehmen" - solange es geht, sollen ihre Wurzeln aber im Pass erkennbar sein.
Warten auf Asylbescheid
Um die Frage der Staatsbürgerschaft geht es bei ihrer Sitznachbarin noch lange nicht: Die junge Moldawierin ist seit sieben Jahren in Österreich - und wartet auf ihren Asylbescheid. Mit 18 Jahren hat sie ihre Eltern verloren, seither schickt die heute 25-Jährige Geld für ihre jüngere Schwester nach Moldawien. Arbeiten darf sie aber nicht, also lernt sie Deutsch: "Ich kann viel, aber ich möchte es besser können, und nachher mache ich einen Computerkurs." In Wien gefällt es ihr zwar, aber wenn sie von der Heimat spricht, bekommt sie feuchte Augen. Denn dort sind ihr Mann und ihre Tochter, beide hat sie seit drei Jahren nicht gesehen.
So richtig glücklich ist auch die junge Serbin gegenüber nicht. Auf die Frage der "Wiener Zeitung", warum sie nach Österreich gekommen ist, antwortet die blasse 28-Jährige: "Ich weiß es auch nicht" und verdreht die Augen. Nun gut, ihr Mann - ein in Österreich geborener Serbe - lebe hier. "Wien ist Liebe, aber meine Heimat ist Serbien", bringt sie die Situation vieler Migranten auf den Punkt. Ihr Deutsch ist gut, ob sie aber den Test zur Erfüllung der IV auf Anhieb schaffen wird, scheint zweifelhaft. Nur einen freien Tag hat die Küchenhilfe pro Woche, ihr Sohn wird im Jänner drei Jahre alt. Zum Lernen bleibt da nicht viel Zeit.
"Probleme zu Hause"
Wenig Zeit hat auch der heute Abend einzige Mann in der Gruppe. Der Nigerianer arbeitet nachts als Zeitungszusteller - den Vormittag verschläft er meist. Und: "Ich habe weder in der Arbeit, noch zu Hause jemanden, mit dem ich Deutsch sprechen kann", sagt der 33-Jährige. Vor drei Jahren ist er nach Wien gekommen - "wegen vieler Probleme zu Hause". Mehr will er nicht sagen.
Die Liebe war es jedenfalls nicht, die den Alleinstehenden nach Österreich verschlagen hat. Wie bei der 25-jährigen Slowakin. "Kein Mann, keine Kinder", beeilt sie sich zu sagen. Als die Lehrerin vor zwei Jahren ihr Studium beendet hat, war in der Slowakei keine passende Stelle frei. Also ging sie für ein Jahr nach Österreich, um Deutsch zu lernen. Dass sie mittlerweile zwei Jahre hier ist, liegt doch an der Liebe: "Mein Freund ist aus Bosnien, deswegen kann ich noch nicht genug Deutsch."
Viele Ex-Jugoslawen
"Dafür perfekt Serbokroatisch", wirft ihre Nachbarin ein. Mit ihren Kurskollegen kann sich die Slowakin gut unterhalten: Der Großteil kommt aus Ex-Jugoslawien.
Ob Serbe oder Bosnier - beim Deutschlernen ist das egal, meint Kaindl. "Natürlich gibt es ab und zu Rivalitäten, aber die Ex-Jugoslawen hat der Status als Kriegsflüchtlinge verbunden." Kaindl selbst versteht sich mit allen gut; mit Männern ein bisschen besser als mit Frauen, "weil Frauen in ihrer engen Welt von Heim und Küche leben".
Wie die Türkinnen im Kurs. Die beiden können zu Hause nicht lernen, weil sie sich um Kinder, Schwiegereltern und den Rest der in Österreich lebenden Großfamilie kümmern müssen. "In der Türkei ist es schon besser", sagt die eine - "aber dort haben wir kein Geld".
Die Moldawierin ist derselben Meinung: "Das ist das Problem - sonst wäre es ein schönes Leben." Und: "Wieso lassen sie die Leute in Österreich nicht offiziell kommen und gehen? So werden wir nur Opfer von Schleppern und verlieren unsere Familien."
Wissen: Integrationsvereinbarung
(kats) Die Integrationsvereinbarung (IV) wurde im Jahr 2003 von der ÖVP-FPÖ-Regierung unter heftigem Protest der Opposition eingeführt. Damals wurden Immigranten dazu verpflichtet, innerhalb von vier Jahren 100 Stunden Deutschkurs zu absolvieren, andernfalls drohte ein Verlust des Aufenthaltstitels. Mit dem Fremdenrechtspaket, das seit Jänner 2006 gilt, müssen 300 Stunden Kurs in fünf Jahren absolviert werden. Ausnahmen gibt es nur für Minderjährige, sehr alte oder kranke Menschen.
Die Organisation liegt großteils beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF). Wenn ein Kurs innerhalb von zwei Jahren absolviert wird, zahlt der Bund die Hälfte bis zu einer Höchstgrenze von 750 Euro. Vorausgesetzt, der Kurs wurde in einer ÖIF-zertifizierten Einrichtung - etwa bei einer Volkshochschule - absolviert.
Der ÖIF gibt auch einen Standard-Abschlusstest heraus. In vier Teilbereichen - Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben - wird das Gelernte überprüft. Unter anderem müssen Wegbeschreibungen wiederholt, Arbeitssituationen beschrieben und Erlagscheine ausgefüllt werden. Für Deutschlehrerin Astrid Kaindl ist der Test nicht aussagekräftig, da die Aufgaben "nur auf ein Wohlverhalten in Österreich, nicht aber auf Sprachkompetenz abzielen".
Die Zahl der erfüllten IV ist 2007 merklich gestiegen, da heuer die Frist für die ersten Betroffenen abläuft. Haben von 2003 bis 2005 insgesamt 3715 Zuwanderer die IV erfüllt, so waren es im ersten Halbjahr 2007 bereits 5795.
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