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Wissenschaftliche Studien erforschen Wirksamkeit

Von Hans-Dieter Viering

Wissen

Studien mit Medikamenten an Patienten werden in vielfältiger Form durchgeführt. Sie dienen der Erprobung der Wirksamkeit neuer Medikamente und der Arzneimittelsicherheit. Die Ergebnisse werden auch zur Zulassung oder Nachzulassung von Medikamenten durch das Bundesinstitut für Arzneimittel benötigt. Welchen Nutzen aber hat der Patient von wissenschaftlichen Studien? Ein Gespräch mit Professor Dr. phil. nat. Berthold Schneider, Institut für Biometrie von der Medizinischen Hochschule Hannover.


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Frage: Welche Formen der Studien gibt es?

Berthold Schneider: Da Krankheiten auch ohne Behandlung heilen können, ist zum Nachweis der Wirksamkeit des Arzneimittels der Vergleich mit anderen Behandlungen oder mit keiner Behandlung erforderlich. Dies geschieht in der Form der kontrollierten Studie, bei der einer Gruppe von Patienten die Prüftherapie und einer anderen die bisher übliche Standardtherapie oder, wenn keine existiert, ein Placebo, d. h. ein Mittel ohne bekannte Wirkstoffe, gegeben wird. Die Zuteilung der Patienten zur Prüf- oder Standardtherapie erfolgt randomisiert, d. h. nach einem Zufallsmechanismus, der sicherstellen soll, dass beide Gruppen in den Ausgangsbedingungen (z.B. Alter, Erkrankungszustand) vergleichbar sind.

Eine andere Form klinischer Studien sind Anwendungsbeobachtungen, bei denen der Arzt oder Patient die Therapie festlegt. Das Therapieergebnis kann durch diese Entscheidung verzerrt sein und muss beim Therapievergleich rechnerisch bereinigt werden. Das Standardverfahren ist die kontrollierte Studie. Nach neuerem EU-Recht kann aber bei Arzneimitteln, die länger als 10 Jahre auf dem Markt sind, der Nachweis der Wirksamkeit auch mit Anwendungsbeobachtungen geführt werden.

Gibt es Richtlinien für klinische Studien und wie viel Patienten sollen z. B. teilnehmen?

Es gibt zahlreiche Richtlinien von Behörden, z. B. dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) oder der zuständigen EU-Behörde, die detailliert die Planung, Durchführung, Auswertung und Veröffentlichung von klinischen Studien festlegen. Darüber hinaus gibt es aber auch eine Richtlinie zu den ethischen Voraussetzungen klinischer Studien, die 1956 von der Generalversammlung des Weltärztebundes in Helsinki erlassen wurde (Deklaration von Helsinki). Die Einhaltung dieser Richtlinie wird durch unabhängige Ethikkommissionen überprüft. Die Zahl der für eine Studie erforderlichen Patienten hängt vom Versuchsziel und der Genauigkeit ab, mit der dieses Ziel beantwortet werden soll. Mit jeder Studie sollen über die beobachteten Ergebnisse hinaus Aussagen über zukünftige Behandlungen gemacht werden. Der Wissenschaftler ist hier in derselben Situation wie Wahrsager, die aus der Stellung der Planeten bei Geburt oder dem Kaffeesatz die Zukunft voraussagen wollen. Im Unterschied zu den Wahrsagern sind aber die Methoden der Wissenschaftler rational begründet oder objektiv nachvollziehbar. Sie gründen sich auf Wahrscheinlichkeiten; d. h. man versucht aus den beobachteten Daten die Wahrscheinlichkeit für eine Heilung bei zukünftigen Anwendungen abzuschätzen. Die Genauigkeit dieser Abschätzung ist um so größer, auf je mehr Patienten sie sich stützt. Durch die Vorgabe der Genauigkeit kann die erforderliche Patientenzahl berechnet werden.

Wer veranlasst eine Studie und wer bezahlt sie?

In der Regel werden Studien von den Firmen veranlasst und bezahlt, die das Medikament auf den Markt bringen wollen

Welche Qualifikationen müssen Ärzte haben, um eine Studie durchführen zu können?

Nach dem Gesetz muss der Leiter einer klinischen Studie ein Arzt sein, der mindestens eine zweijährige Erfahrung in der klinischen Prüfung von Arzneimitteln nachweisen kann.

Wer überprüft das Ergebnis einer Studie?

Die meisten klinischen Studien werden zur Zulassung oder Nachzahlung von Arzneimitteln verwendet. Die Ergebnisse werden von der zuständigen Behörde sehr sorgfältig überprüft. Bei der Publikation in einer guten Zeitschrift werden die Ergebnisse von Referenten überprüft.

Bei kontrollierten Studien kann eine Hälfte der an der Studie teilnehmenden Patienten ein Placebo erhalten. Wie ist das ethisch zu vertreten?

Die Benutzung eines Placebos ist nur dann zulässig, wenn keine Standardbehandlung bekannt ist. Vom Prüfmittel ist auch noch nicht bekannt, ob es besser als ein Placebo ist. Beide Mittel sind also noch als gleichwertig anzusehen. Bei länger dauernden Studien sollte sich der Leiter der Studie durch Zwischenauswertungen davon überzeugen, ob diese Voraussetzung noch gilt.

Da Menschen Individuen sind, muss das Ergebnis einer Studie immer Durchschnitt sein. Kann es nicht sein, dass ein Medikament bei einem Patienten gut wirksam ist, bei Hundert anderen Patienten aber überhaupt nicht wirkt?

Die Aussagen aus klinischen Studien sind Wahrscheinlichkeitsaussagen. Es kann nie mit Sicherheit bei einer zukünftigen Anwendung eine Wirkung garantiert werden. Aber, je größer die Wahrscheinlichkeit einer Wirkung ist, um so mehr Patienten können diese Wirkung auch für sich erwarten.

Wie erfährt der kritische Patient, ob die Wirksamkeit eines Medikaments durch Studien gewährleistet ist?

Bei der Zulassung eines Medikaments zur Behandlung einer Krankheit muss die Wirksamkeit durch klinische Studien belegt sein. Gelegentlich finden sich Hinweise auf diese Studien im Beipackzettel. Sonst muss der Patient den Arzt oder Apotheker fragen.

Einige Medikamente können tödliche Nebenwirkungen haben. Ist das Risiko nicht zu hoch, um damit Studien durchzuführen?

Das Risiko einer tödlichen Nebenwirkung kann auch nach der Einnahme von Nahrungsmitteln, z.B. von Nüssen, nicht ausgeschlossen werden. Es ist aber äußerst gering. Bei klinischen Studien versucht man dieses Risiko durch vorhergehende toxikologische Studien zu minimieren. Außerdem werden Patienten mit bekannter Neigung zu Risiken (z.B. Allergieneigung) nicht in eine Studie eingeschlossen.

Haben der Staat oder die Krankenkasse Interesse an wissenschaftlichen Studien?

Staat und Krankenkassen haben ein sehr großes Interesse an Studienergebnissen. Sie sind Grundlage für die Zulassung und für die Erstattung der Kosten durch die Krankenkassen. In der Regel finanzieren aber weder Staat noch Krankenkassen klinische Studien. Es gibt aber Ausnahmen.

Ist das Risiko der Patienten durch ihre Teilnahme an einer Studie durch eine Versicherung abgedeckt?

Ja. Nach dem Arzneimittelgesetz muss bei noch nicht zugelassenen Arzneimitteln eine Versicherung abgeschlossen sein, die auch Leistungen gewährt, wenn niemand sonst für den Schaden haftet.

Welchen Nutzen hat der Patient von Studien.

Einen Nutzen haben vor allem zukünftige Patienten, denen durch die Studien neue und bessere Medikamente mit geprüfter Wahrscheinlichkeit für Wirksamkeit und Sicherheit zur Verfügung stehen. Aber auch die an der Studie teilnehmenden Patienten haben zumindest die Chance, ein Medikament mit besserer Wirksamkeit zu erhalten, das ihnen sonst verwehrt bliebe.