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Wohlwollende Diktatur im endlichen Paralleluniversum

Von Gregor Kucera

Wirtschaft

Apple bestimmt, welche Inhalte für Kunden passen. | Anwender lassen sich bevormunden, weil es funktioniert.


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Wien. Die Frage nach der größten Leistung des US-Computerkonzerns Apple in seiner Unternehmenshistorie lässt sich nur schwer beantworten. Für die begeisterten Anwender sind es die durchgestylten Endgeräte, die Benutzerfreundlichkeit und das Image. Für innovative Techniker die richtungsweisenden Entwicklungen von iPhone, iPad und Co. Dadurch hat sich Apple den Ruf eines Vordenkers und einer kreativen Werkstätte erworben. Sein Image als Lifestyle-Unternehmen für die kreativen Freidenker und finanzkräftigen Großstadtnomaden versteht das Unternehmen zu vermarkten, wie sonst niemand - vielleicht am ehesten noch Red Bull. Mit Steve Jobs hatte der Konzern sogar seinen Chef zur Marke gemacht.

Doch diese Punkte waren schlussendlich nicht der wesentliche Schlüssel zum großen Erfolg. Dieser beruht nämlich auf einem Trugschluss. Apple suggeriert Freiheit, schränkt diese aber gleichzeitig so sehr ein, wie kaum ein anderes Unternehmen in der Technologiebranche. Apples Erfolg basiert auf einem abgeschotteten Ökosystem. Natürlich kann sich jeder einen iPod oder ein iPad kaufen, aber wirklich benutzen kann man es nur, wenn man Apples Vorgaben einhält. Anmelden und Verwalten nur über iTunes. Ist der Akku am iPhone defekt, so kann er nur über Apple getauscht werden. Auch wenn unzählige Webseiten auf die Entwicklersprache Flash setzen, Apple ist das egal. Flash auf dem iPhone würde das Smartphone öffnen und somit aus der Kontrolle des Unternehmens geben.

Genau diese Kontrolle wird genutzt, um Anwendungen, die Apple nicht genehm sind, aus dem iTunes Store zu verbannen. Offiziell hat das Unternehmen immer einen guten Marketinggrund für seine Überlegungen: keine Pornografie in iTunes, oder die angebliche Unsicherheit von Flash - alles nur zum Wohle der Kunden. Als kleiner Nebeneffekt bedeutet dies aber auch, dass außer dem Hersteller niemand Einfluss auf die Endgeräte nehmen kann und Apple seinen Kuchen nicht teilen muss.

Alles funktioniert

Doch warum lassen sich die Anwender die Endlichkeit der Apple-Welt eigentlich bieten? Auf den ersten Blick scheint die Antwort nicht so einfach. Doch sie ist es: Die Produkte funktionieren. Sie lassen sich einfach bedienen. Das Thema Benutzerfreundlichkeit war bei Apple immer schon ein wesentliches Erfolgskriterium. Alles läuft intuitiv. Wenn Apple sagt, eine Applikation funktioniert auf dem iPad oder iPhone, dann tut es dies auch. Kein umständliches Herumschrauben oder Austauschen von Komponenten - alles geht reibungslos, sofern dies in der Welt der Technik möglich ist. Dafür muss man in Kauf nehmen, dass die eigene Hardware irgendwann nicht mehr mit dem neuesten Betriebssystem funktioniert. Dieser Umstand bedingt, dass Apple sich in Unternehmensumgebungen, Werbeagenturen und Layout einmal ausgenommen, nie durchsetzen konnte. Viele Firmen konnten und wollten es sich nicht leisten, von Apples Vorgaben abhängig zu sein.

Eingedenk dieser Tatsachen ist auch verständlich, warum der Computerkonzern kein Interesse hat, dass seine Anwendungen und Software auf anderen Plattformen laufen. Was bringt Kompatibilität, wenn die Kunden dann auf andere Produkte setzen? Das Motto lautet, wenn dann müssen andere mit Apple kompatibel sein, aber nicht Apple mit anderen. Im Lauf der Zeit und mit wachsendem Erfolg gelang es Apple, externe Entwickler für die eigenen Geräte zu interessieren.

Kompatibel - wieso?

Am Mac gibt es nicht die Vielzahl an Software wie etwa für Microsoft und schon gar nicht so viele kostenlose Möglichkeiten wie etwa für Linux. Aber es gibt mehr als genug Auswahl. Warum also Masse, wenn ein Großteil davon ohnehin qualitativ nur Mittelmaß ist. Die erfolgreichste Software eines Drittanbieters ist mit Abstand Microsofts Office. Auch wenn Microsoft jahrelang versuchte gegen Apple zu punkten, so musste man schließlich erkennen, dass man als Softwarekonzern nicht mit dem geschlossenen System von Apple konkurrieren kann.

Es gibt zahlreiche Stimmen, die in der Abgeschlossenheit und der Beschränktheit einen Wettbewerbsnachteil orten. Die Erfolge der jüngeren Vergangenheit widersprechen dieser Ansicht. Apple hat in seinen Lizenzvereinbarungen einen Passus, wonach sein Betriebssystem Mac OS auch nur auf Apple-Hardware laufen darf. Auf der anderen Seite ist es sehr einfach möglich, andere Betriebssysteme, etwa Windows, auf einem Mac-Rechner zu installieren.

Apple gefällt sich gut in der Rolle des wohlwollenden Diktators: Wir entscheiden, was gut für unsere Kunden ist, denn wir wissen auch was man braucht. Wem das nicht passt, der kann sich ja getrost einer anderen Plattform zuwenden. Und das bisschen Freiheitsgefühl wird als Aufpreis auf die Hardware geschlagen, so kann man sich auch immer ein bisschen elitär in seinem Paralleluniversum fühlen.