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Zerbrechliche Strukturen

Von David Ignatius

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Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post".

Vieles hat sich bereits zum Besseren verändert in Afghanistan. Von einem stabil verwalteten Land kann aber noch keine Rede sein.


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Besucht man in Afghanistan Gebiete, die noch vor kurzem Taliban-Hochburgen waren, die Provinz Kandahar zum Beispiel, sieht man den Fortschritt, von dem US-Präsident Barack Obama gesprochen hat. Man sieht aber auch, warum das Erreichte so "brüchig und umkehrbar" ist.

Für Casey Johnson, Mitarbeiter einer Hilfsorganisation, gestaltet sich der Fortschritt folgendermaßen: Seit die Taliban-Kämpfer weg sind, kann er sich frei bewegen, zum Bezirksamt gehen und sich die Beschwerden und Wünsche der Bevölkerung anhören. Er kann die afghanischen Beamten bei ihren Aufgaben unterstützen.

Aber hier ist die fragile Seite: Die Afghanen vertrauen bisher weder ihrer Regierung noch den Amerikanern. Viele Jahre haben sie die Taliban unterstützt. Für Sicherheit und Justiz war, wenn auch nur notdürftig, gesorgt. Ob aber die neue Machtstruktur halten wird, kann niemand sagen. Die Afghanen fürchten, dass die Taliban, die weiterhin Anschläge verüben, zurückkehren könnten. "Die Menschen warten ab", sagt Johnson, "sie fragen: Werdet ihr nächsten Frühling und nächsten Sommer noch da sein, wenn die Taliban zurückkommen?"

Die afghanische Regierung fällt hauptsächlich durch Korruption auf oder durch Abwesenheit. Ein Mitarbeiter des Außenministeriums beschreibt die Politik unter Präsident Hamid Karzai als "zerrüttet". Die ländliche Bevölkerung sehe alle Veränderungen von der praktischen Seite: "Gehen die Menschen zum Gerichtshof der Taliban oder zu dem der Regierung? Vertrauen sie in Sachen Sicherheit auf die Taliban oder auf die Polizei?"

Vor ein paar Monaten bezweifelten selbst viele Experten noch, dass eine Verbesserung der Verwaltungsarbeit möglich sei. Die lokalen Machthaber, wie der Kandahar-Hauptakteur und Halbbruder des Präsidenten, Ahmed Wali Karzai, waren korrupt und inkompetent. Eine tatsächliche Reform mag noch immer eine Mission Impossible sein, aber da die Taliban vertrieben sind, ist es einigen Einwohnern des Bezirks Zhari in Kandahar einen Versuch wert. Vor ein paar Tagen verlangten sie, bewaffnet mit Hacken und Schaufeln, erfolgreich die Absetzung eines korrupten Polizisten, der ein Flüchtlingslager im Norden Zharis leitete.

Allerdings warnte US-Generalstabschef Mike Mullen bei seinem Besuch in Zhari, man dürfe sich keine Erfolge über Nacht erwarten. Doch die bloße Tatsache, dass er eine US-Basis besuchte, die noch vor Monaten unter Beschuss war, zeigt die Veränderung.

Verbesserte Sicherheitslage, aber unzureichende Regierungsstrukturen - das ist auch die Bilanz in Marja, einem Bezirk in der Provinz Helmand. Das Gebiet wurde im Februar von US-Marines mit großem Tamtam befreit. Die Sicherheit wird langsam besser, von der Regierung ist aber noch nicht viel zu sehen. Wenig Gewalt, aber viele Positionen in der Bezirksregierung sind noch unbesetzt.

Das afghanische Militär, das die US-Streitkräfte ablösen soll, ist noch schwach und steht auf wackligen Beinen. Das Problem ist ein strukturelles: Afghanische Kommandanten müssen ihre Vorgesetzten bezahlen, um das Kommando zu bekommen. Dann erhalten sie Geld, um Truppen aufzustellen. Sie rekrutieren aber weniger Soldaten als vorgesehen, den Rest des Geldes stecken sie ein. So sieht es leider in vielen Bereichen Afghanistans aus.

Obama will schon im Juli damit beginnen, die US-Truppen abzuziehen. Das klingt nach Wunschdenken. Es gibt zwar Fortschritte, sie sind aber noch sehr zerbrechlich.

Übersetzung: Redaktion Der Autor war Chefredakteur der "International Herald Tribune". Seine Kolumne erscheint auch in der "Washington Post". Originalfassung