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Wie die Revolution die Syrer fern der umkämpften Heimat zusammenschweißt.
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Wien. Der Auslandssyrer ist ein misstrauisches Wesen. Vor allem, was die eigenen Landsleute angeht. Wer weiß, aus welcher Ecke der alte Mann kommt, der sich so freundlich nach dem Wohlergehen erkundet? Arbeitet er womöglich für den syrischen Geheimdienst? Oder ist er ein militanter Exilsyrer, mit dem man besser nicht gesehen wird, weil man sonst seinen Sommerurlaub in einer Verhörzelle verbringt?
Amer Alkhatib war einer von diesen Auslandssyrern. Scheuklappen standen auf seiner Tagesordnung. Mit acht Jahren kam der heute 32-jährige Betriebswirt nach Wien. Die einzigen Syrer, die er hier kannte, waren seine Familienmitglieder. Vor zwei Jahren sollte sich das ändern. Damals, im März 2011, begann in seiner Heimat die Revolution. Der arabische Frühling schien Syrien erreicht zu haben. Und plötzlich stand auch Alkhatib auf der Straße. Nicht in Damaskus, Aleppo oder Dara, wo die Revolution mit Anti-Regime-Graffiti von Kindern ihren Ausgang nahm, sondern mitten in Wien vor der syrischen Botschaft im 3. Bezirk. Mit Kapuze und Sonnenbrille fand sich Alkhatib unter den Demonstranten wieder. Und war plötzlich vereint - mit dem alten Mann, dem er vormals misstraut hatte, und mit der Frau, die sich die Seele aus dem Leib brüllte gegen Bashar al-Assads Diktatur.
"Plötzlich gab es einen Schulterschluss", erzählt Alkhatib. Heute kennt er dutzende Syrer in Wien. Man hat sich gefunden. Rund 3000 Syrer leben in Österreich, 2000 von ihnen allein in Wien. Von einer Community war lange Zeit nicht die Rede. Es gab die Araber, die Kurden, die Armenier, die Christen, die Drusen, die Muslime, die Botschaftsanhänger und ihre Kritiker. Und jede Gruppe kochte ihr eigenes Süppchen. Bis jetzt. Seit der Revolution hat sich das ein wenig geändert.
Sonntagsdemos der syrischen Gemeinschaft
Plötzlich gibt es eine Gemeinschaft. Sie demonstrieren jeden Sonntag um 17 Uhr auf dem Stephansplatz gegen das Regime. Und sie schmiedet Schlachtpläne. Jeder auf seine Weise, die einen fordern ein militärisches Einschreiten der internationalen Staatengemeinschaft, die anderen wollen sich mit Präsident Assad an einen Tisch setzen und hoffen auf eine friedliche Lösung.
In dem syrischen Vereinslokal "Magie des Orients" werden diese heißen Themen jeden Abend diskutiert. Nach Apfeltabak riecht es in dem Kellerlokal am Währinger Gürtel gegenüber der U6-Station Währinger Straße. Es ist 20 Uhr. Männer spielen Karten, trinken schwarzen Tee und rauchen Wasserpfeife in einem beduinenartigen Zelt. Im Hintergrund laufen ägyptische Serienschnulzen. Im Abstellraum liegen Kartons voller Medikamente und Kleidersäcke, Spenden für die Landsleute in Syrien.
Jeden Abend schaut Hassan B. (Name geändert) im Lokal am Währinger Gürtel vorbei. Vor knapp zwei Jahren ist der 43-Jährige nach Österreich geflohen. In Damaskus war er Direktor einer privaten Schule. Wohlhabend war der vierfache Familienvater und angesehen. Als die Leute auf die Straße gingen, kritisierte auch er offen das Regime. Er gab flüchtigen Syrern Zuflucht und demonstrierte eines Tages selbst mit. So lange, bis es nicht mehr ging.
Heute verfolgt er bis spät in die Nacht die Nachrichten aus seiner Heimat. "Die Bilder machen mich krank. Seit mehr als zwei Jahren sehe ich nichts anderes", sagt der rundliche Mann. Alle zwei Monaten fasst er den Gedanken, in den Krieg zu ziehen gegen das Regime: "Ich will das beenden. Ich will etwas für mein Volk tun." Meistens dauern diese Momente einige Stunden, bis er einsieht, dass es aus der Ferne keinen Sinn hat. Hätte B. etwas tun wollen, dann in seinem Land, nicht in der Fremde. Optimistisch ist der Auslandssyrer dennoch. "Assad ist in einem Jahr weg", prognostiziert er. Lange will B. nicht im Wiener Exil bleiben. Maximal fünf Jahre.
Die Männer um ihn herum lächeln und ziehen an ihren Zigaretten. So optimistisch war Alkhatib auch. Am Anfang. Im September 2011 rief er im Wiener Marriott Hotel mit ein paar Freunden zu einer Konferenz von Auslandssyrern. Prompt wurde die "Union of Syrians Abroad" ins Leben gerufen, eine Vereinigung syrischer Gemeinden in 21 Ländern, die sich von Präsident Assad losgesagt haben. Ihre Ziele: der Sturz des Regimes, der Aufbau eines demokratischen Systems ohne Waffengewalt und die Unterstützung der Aktivisten in Syrien.
Der Bürgerkrieg hatdie Euphorie zerschlagen
Euphorisch waren sie. Damals, als sie und die internationale Gemeinschaft schon den nächsten Dominostein im arabischen Frühling fallen sahen. Passiert ist das nicht. Aus der Revolution wurde ein Bürgerkrieg, dem bisher mehr als 100.000 Syrer zum Opfer gefallen sind. "Ich werfe dem Westen vor, dass sie den Leuten am Anfang der Revolution so viel Mut und Hoffnung gemacht haben", sagt Alkhatib. "Hätte man einfach geschwiegen, hätten die Syrer schon verstanden, dass sie ihrem Schicksal alleine ausgeliefert sind, und dieser Flächenbrand wäre nicht passiert. Wir hätten früher aufgegeben."
Er ist müde. Seit zwei Jahren sammelt Alkhatib Spenden für Syrien, klopft an bei Ministerien, organisiert Veranstaltungen, um die Öffentlichkeit wachzurütteln. Heute will man sich wieder in Madrid treffen. Das Interesse hält sich in Grenzen. Trotz Giftgasanschlag. Trotz steigender Todesstatistik. Das große Ganze gerät bei vielen Auslandssyrern aus dem Fokus, denn ein jeder hat Angehörige, die dem Konflikt zum Opfer gefallen sind und Waisen und Witwen zurückgelassen haben, um die es sich zu kümmern gilt.
Alkhatib hofft auf mehr Schützenhilfe aus Österreich. Nach den Aussagen des Außenministers Michael Spindelegger, wonach Österreich 500 Syrer aufnehmen werde, bevorzugt Frauen, Kinder und Christen, halten sich seine Hoffnungen jedoch in Grenzen. "Ich war jahrelang Schwarz-Wähler. Das ist seitdem nicht mehr der Fall", sagt er. "Da wurden die Syrer wieder einmal im Ausland auseinanderdividiert. Da hätte Spindelegger Assad gleich die Hand geben können."
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