)
Frankreichs Blick auf Deutschland ist immer auch einer in den Spiegel.
Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 10 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.
Paris. Zwar sprach er am 10. November 1989 höflich von "glücklichen Ereignissen", die sich tags zuvor beim deutschen Nachbarn zugetragen hätten. Doch einer Wiedervereinigung stand François Mitterrand, im Gegensatz zur Mehrheit der Franzosen, kritisch gegenüber. Hatte er Verständnis für die Sehnsucht der Deutschen nach Einheit, so fasste er diese nicht als Chance auf, sondern als Gefahr - für sein Land. Selbst sein Freund Helmut Kohl warf dem damaligen sozialistischen Präsidenten, der bei einem Staatsbesuch in der DDR im Dezember 1989 noch ihr Fortbestehen betonte, ein "Doppelspiel" vor.
Mitterrand trieb die Sorge um, dass sich das Machtverhältnis in Europa zu Ungunsten Frankreichs verschieben werde. Das erklärt Angelika Praus in ihrer Dissertation "Das Ende einer Ausnahme - Frankreich und die Zeitenwende 1989/1990". Sie beschreibt ihn darin als Politiker, der zwar die Vergangenheit pompös zu inszenieren wusste. "Jegliche Geste ließ er dagegen vermissen, wenn es darum ging, die Geschichte hinter sich zu lassen und den Weg in die Zukunft zu beschreiten."
Durch ein vereinigtes Deutschland, so befürchtete Mitterrand, drohte Frankreich die Grundlage seiner Sonderstellung zu verlieren, die es als einstige Siegernation noch immer für sich beanspruchte. Dabei, so Praus, bröckelte diese seit Mitte der 70er Jahre infolge wirtschaftlicher und sozialer Krisenerscheinungen. Durch das Vorantreiben einer europäischen Wirtschafts- und Währungsunion mit dem Kernziel, Deutschland seine starke D-Mark zu nehmen, wollte Mitterrand demnach "die deutsche Wiedervereinigung für Frankreich erträglich gestalten".
Ambivalentes Verhältnis
25 Jahre nach deren Vollzug bleibt das Verhältnis beider Länder ambivalent, von Freundschaft und Rivalität geprägt und der Blick Frankreichs auf den deutschen Nachbarn mit einem ständigen Vergleich verbunden. In politischer und wirtschaftlicher Hinsicht sind sie einander die wichtigsten Partner, es findet permanenter Austausch auf allen Ebenen statt. Kanzlerin und Präsident wirken inzwischen aufeinander eingespielt.
Während in der Griechenland-Krise Diskrepanzen auftraten, betonen Angela Merkel und François Hollande etwa ihre Einigkeit im Ukraine-Konflikt. In der Flüchtlingsfrage wiederum kritisierten zwar große Teile der französischen Opposition und kleinere der Regierungspartei Merkel für mangelnde Abstimmung kritisierten. Gleichzeitig war die Öffentlichkeit aber auch beeindruckt von ihrer großen Aufnahmebereitschaft, die Paris nicht in dem Ausmaß teilt: Mehr als 30.000 Flüchtlinge in zwei Jahren will Frankreich nicht aufnehmen. Gegenüber den anderen EU-Staaten fahren beide Länder denselben Kurs.
Die Frage nach dem rechten Gleichgewicht treibt Paris bis heute um. Es bewahrt sich eine Haltung zwischen Anerkennung und Misstrauen gegenüber einem florierenden Deutschland zu einem Zeitpunkt, wo Frankreichs wirtschaftliche Schwäche Präsident Hollandes Handlungsspielraum einschränkt. Auch wenn er, seinem politischen Vorbild Mitterrand folgend, auf den Rang als "einzigartiger Nation" pocht.
Ratschläge und Forderungen nach mehr Mut zu Reformen und Sparanstrengungen verbittet man sich mit dem Hinweis, eine Agenda 2010 wäre in Frankreich schlicht nicht umsetzbar. Während die einen das "deutsche Wirtschafts-Modell" als positives Vorbild zitieren, warnen andere vor Ein-Euro-Jobs sowie Abstrichen bei den Sozialleistungen - je nach Perspektive. Der Blick auf Deutschland erscheint immer auch als einer in den Spiegel. Das ist heute so wie vor 25 Jahren.
)
)
)