WZ Historicum Die Kinder von Lidice - Sühne ohne jede Schuld
Denkmal  von Jiri Hampl (Ausschnitt)

27.5.1942: In Prag wird der von der nazideutschen Besatzungsmacht eingesetzte "stellvertretende Reichsprotektor von Böhmen und Mähren", Reinhard Heydrich, bei einem Attentat tschechischer Widerstandskämpfer schwer verletzt; er stirbt am 4. Juni.

10. 6. 1942: Als "Vergeltung" wird die tschechische Ortschaft Lidice von der SS dem Erdboden gleichgemacht. Alle männlichen Einwohner ab 15 Jahren werden erschossen, die Frauen in Konzentrationslager gesteckt, die Kinder zur "Eindeutschung" an deutsche Familien übergeben. (Nur bei 16 der rund 100 Kinder lässt sich nach Kriegsende die Identität rekonstruieren).

Inhalt

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Aufzählung Die Botschaft von Lidice
Aufzählung Dokumente
Aufzählung Wer war Heydrich
Aufzählung Die Kinder von Lidice
Aufzählung Rosengarten gegen das Vergessen

 

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Aufzählung Lidice Memorial
Aufzählung Remember Lidice
Aufzählung Wiesenthal Center

Von Michael Schmölzer

Als die Bewohner von Lidice, einem kleinen Dorf etwa 20 Kilometer nordwestlich von Prag, am Abend des 9. Juni 1942 aus ihren Fenstern blicken, bemerken sie ungewöhnlich viele deutsche Kraftfahrzeuge und Soldaten. Stunden später waren alle männlichen Einwohner über 15 erschossen, die Frauen, von ihren Kindern getrennt, auf dem Weg ins Konzentrationslager, die Häuser dem Erdboden gleich. "Das vergisst man nicht", meint Vaclav Zelenka, damals vier Jahre alt und eines der wenigen Kinder, die die NS-Wahnsinnstat überlebt haben.

Dass Vaclav Zelenka am 10. Juni 1942 von SS und Gestapo am Leben gelassen wurde, verdankt er seinem ehemals blonden Haar nebst blauen Augen. Zusammen mit einem weiteren Jungen und sieben Mädchen wurde er als "eindeutschungswürdig" klassifiziert und zur "Aufnordung des deutschen Volkes" in das NS-Erziehungswesen eingegliedert.
Die folgenden Stationen im Leben des Tschechen waren von häufigen Ortswechseln und bitteren Erfahrungen geprägt. Bis zum Herbst 1944 wurde er in einem Umerziehungslager in der Nähe von Posen, im heutigen Polen, untergebracht. Als die Front gefährlich näher rückte, kam er in ein Kinderheim der damaligen "Ostmark", nach Oberweis am Traunsee. Hier war Zelenka bis Februar 1945 interniert.

"Die Stadt Berlin im Staate New Hampshire, USA, hat beantragt, ihren Namen ab sofort in Lidice umzuändern" ("New York Post", 26. Juni 1942)

Hier war es auch, wo Zelenka bereits als Sechsjähriger auf sein künftiges Dasein als Soldat der Deutschen Wehrmacht vorbereitet wurde. Er kann sich heute noch an die strikte Disziplin und die Härte erinnern, mit der die dortigen Erzieher vorgingen. Stundenlanges, bewegungsloses Sitzen und Spalierstehen sollte den jungen Ex-Tschechen an Zucht und Ordnung gewöhnen. Knapp vor Kriegsende, am 14. Februar 1945, wird der Siebenjährige abermals verlegt. Er kommt in einen Vorort von Dresden und wird der dort wohnenden Familie Wagner überlassen. Ab nun heißt Vaclav Zelenka Rolf Wagner.

"Wenn kommende Geschlechter fragen, wofür wir diesen Krieg geführt haben, werden wir ihnen nur die Geschichte von Lidice zu erzählen brauchen" (Frank Knox, US-Staatssekretär, 11. Juni 1942)

Sein Einstand in der neuen, ungewohnten Umgebung hätte schlechter nicht sein können. Genau am Tag seiner Ankunft laden tausend alliierte Bomber in mehreren Angriffswellen Bombenteppiche über der deutschen Großstadt ab, mehr als 200.000 Menschen finden in den Feuerstürmen den Tod, das Stadtzentrum wird völlig zerstört. Zelenka hat Glück und überlebt das Inferno unverletzt. Er bleibt in der Folge bei der deutschen Familie Wagner in Betreuung. Unterdessen ist der Krieg zu Ende, die Frauen von Lidice, die die KZ-Gräuel überlebt haben, sind frei. Keine weiß, ob ihre Kinder noch am Leben sind und wenn ja, wo sie sich befinden. Auch die Mutter von Vaclav Zelenka hat im KZ Brandenburg überlebt. Am 10. Juni 1945, anlässlich der ersten Totengedenkfeier für die Opfer aus Lidice, richtet eine der verzweifelten Mütter an die neue politische Führung der Tschechoslowakei die Bitte um Mithilfe bei der Suche nach den Verschollenen. Hana Benešova, die Frau des tschechischen Staatspräsidenten Edvard Beneš, ruft "Repatriierungsgruppen" ins Leben, die den Spuren der Verschleppten in Deutschland und Polen nachgehen. Am 1. Mai 1947 wird Rolf Wagner von den tschechischen Behörden als der vermisste Vaclav Zelenka identifiziert, am 28. Mai sieht ihn seine Mutter zum ersten Mal wieder. Nach der ersten, überschwänglichen Freude folgte allerdings der Moment der Ernüchterung, wie sich Zelenka erinnert: Er konnte damals kein Wort Tschechisch, die Mutter sprach kein Deutsch. Vor allem seine Brüder wollten den nicht akzeptieren, der nichts als die Sprache des Erzfeindes sprach. Das Problem war nach relativ kurzer Zeit ausgeräumt, denn Neunjährige lernen schnell.

Heute spricht Zelenka von sich aus kaum ein Wort Deutsch, obwohl man merkt, dass er die Sprache immer noch versteht. Seine dramatische Vergangenheit holt ihn unmittelbar noch einmal ein, als sich seine Dresdner Pflegemutter Wagner 1968 zu einem Besuch in Lidice einstellt. Zu einem Eklat zwischen ihr und seiner leiblichen Mutter kommt es, als Frau Wagner ihren Ex-Zögling konsequent per "Rolf" anspricht.

Kommt man nach Lidice, das sofort nach dem Zweiten Weltkrieg etwas abseits neu errichtet wurde, wird man auf Schritt und Tritt an das Massaker erinnert. Wo die "Straße des 10. Juni", die am Rathaus vorbeiführt, ausläuft, gelangt man zu einer großen Rasenfläche, auf der sich einst der Ort befunden hat. Am ehemaligen Dorfeingang steht ein Mausoleum, das auch das Lidice-Gedenkmuseum beherbergt.

Vom ursprünglichen Lidice selbst hat die SS absolut nichts über gelassen. Nachdem die Männer exekutiert, Frauen und Kinder verschleppt worden waren, wurde der Ort niedergebrannt und die Ruinen von Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes (RAD) Stein für Stein abgetragen. Der Friedhof wurde umgeackert und der Bach, der durch das Dorf geht, umgeleitet. Diejenigen Männer, die nicht sofort erschossen werden konnten, weil sie in der nahe gelegenen Industriestadt Kladno Nachtschicht an den Hochöfen hatten, wurden wenige Tage später in Prag gefasst und dort exekutiert. Nichts, was auch nur im entferntesten mit dem Ort zu tun hatte, sollte überbleiben – für die Nazis die einzig angemessene Antwort auf die Ermordung von SS-Obergruppenführer Reinhard Heydrich durch zwei Exiltschechen.

"Und wir sollen uns bei den Deutschen entschuldigen? – Niemals!" (Eintrag in das Gästebuch der Lidice-Gedenkstätte vom 17. Mai 2002)

Heute ist Lidice längst zu einem international bekannten Symbol für den fanatischen Vernichtungswahn des NS-Regimes und ein Mahnmal für Toleranz geworden. Jedes Jahr pilgern tausende Tschechen, Deutsche, Skandinavier und Japaner zu der Gedenkstätte. Manchmal, "sehr selten und wenn, dann immer nur einzeln" schauen auch Österreicher vorbei, wie eine Mitarbeiterin des Lidice-Museums der "Wiener Zeitung" verrät. Im Museum selbst ist das zu sehen, was der Zerstörungswut der SS entging: Eine durchschossene Hausnummerntafel, ein Leiterwagen, Fotos der Lidice-Eishockeymannschaft und vor allem die Portraits aller 192 Männer, die von der SS erschossen wurden.

Die meisten derer, die das Inferno überlebt haben, sind nach 1945 wieder in die Gegend von Lidice gezogen, haben ein Haus erworben und sind mittlerweile Großmütter und -väter. Was den 10. Juni angeht, haben sich einige Überlebende einen ganz besonderen Galgenhumor zurechtgelegt. So Frau Dolezalova, die 1945 vor dem Nürnberger Kriegsverbrechertribunal aussagte. Als sie am 16. Mai 2002 mit Bürgermeister Zelenka über das eingeebnete Lidice spaziert und an der Stelle vorbeikommt, wo das Haus ihrer Eltern stand, meint die betagte Dame: "Ich würde dich ja gerne zu einem Kaffee hereinbitten, aber leider ist mein Herd kaputt".

Erschienen am: 10.06.2002