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Von Michael Schmölzer
Als die Bewohner von
Lidice, einem kleinen Dorf etwa 20 Kilometer nordwestlich von Prag, am Abend
des 9. Juni 1942 aus ihren Fenstern blicken, bemerken sie ungewöhnlich
viele deutsche Kraftfahrzeuge und Soldaten. Stunden später waren alle
männlichen Einwohner über 15 erschossen, die Frauen, von ihren
Kindern getrennt, auf dem Weg ins Konzentrationslager, die Häuser dem
Erdboden gleich. "Das vergisst man nicht", meint Vaclav Zelenka, damals vier
Jahre alt und eines der wenigen Kinder, die die NS-Wahnsinnstat überlebt
haben.
Dass Vaclav Zelenka am 10. Juni 1942 von SS und Gestapo am Leben
gelassen wurde, verdankt er seinem ehemals blonden Haar nebst blauen Augen.
Zusammen mit einem weiteren Jungen und sieben Mädchen wurde er als
"eindeutschungswürdig" klassifiziert und zur "Aufnordung des deutschen
Volkes" in das NS-Erziehungswesen eingegliedert. Die folgenden Stationen im
Leben des Tschechen waren von häufigen Ortswechseln und bitteren
Erfahrungen geprägt. Bis zum Herbst 1944 wurde er in einem
Umerziehungslager in der Nähe von Posen, im heutigen Polen, untergebracht.
Als die Front gefährlich näher rückte, kam er in ein Kinderheim
der damaligen "Ostmark", nach Oberweis am Traunsee. Hier war Zelenka bis
Februar 1945 interniert.
"Die Stadt Berlin im Staate New Hampshire, USA,
hat beantragt, ihren Namen ab sofort in Lidice umzuändern" ("New York
Post", 26. Juni 1942)
Hier war es auch, wo Zelenka bereits als
Sechsjähriger auf sein künftiges Dasein als Soldat der Deutschen
Wehrmacht vorbereitet wurde. Er kann sich heute noch an die strikte Disziplin
und die Härte erinnern, mit der die dortigen Erzieher vorgingen.
Stundenlanges, bewegungsloses Sitzen und Spalierstehen sollte den jungen
Ex-Tschechen an Zucht und Ordnung gewöhnen. Knapp vor Kriegsende, am 14.
Februar 1945, wird der Siebenjährige abermals verlegt. Er kommt in einen
Vorort von Dresden und wird der dort wohnenden Familie Wagner überlassen.
Ab nun heißt Vaclav Zelenka Rolf Wagner.
"Wenn kommende
Geschlechter fragen, wofür wir diesen Krieg geführt haben, werden wir
ihnen nur die Geschichte von Lidice zu erzählen brauchen" (Frank Knox,
US-Staatssekretär, 11. Juni 1942)
Sein Einstand in der neuen,
ungewohnten Umgebung hätte schlechter nicht sein können. Genau am Tag
seiner Ankunft laden tausend alliierte Bomber in mehreren Angriffswellen
Bombenteppiche über der deutschen Großstadt ab, mehr als 200.000
Menschen finden in den Feuerstürmen den Tod, das Stadtzentrum wird
völlig zerstört. Zelenka hat Glück und überlebt das Inferno
unverletzt. Er bleibt in der Folge bei der deutschen Familie Wagner in
Betreuung. Unterdessen ist der Krieg zu Ende, die Frauen von Lidice, die die
KZ-Gräuel überlebt haben, sind frei. Keine weiß, ob ihre Kinder
noch am Leben sind und wenn ja, wo sie sich befinden. Auch die Mutter von
Vaclav Zelenka hat im KZ Brandenburg überlebt. Am 10. Juni 1945,
anlässlich der ersten Totengedenkfeier für die Opfer aus Lidice,
richtet eine der verzweifelten Mütter an die neue politische Führung
der Tschechoslowakei die Bitte um Mithilfe bei der Suche nach den
Verschollenen. Hana Beneova, die Frau des tschechischen
Staatspräsidenten Edvard Bene, ruft "Repatriierungsgruppen" ins
Leben, die den Spuren der Verschleppten in Deutschland und Polen nachgehen. Am
1. Mai 1947 wird Rolf Wagner von den tschechischen Behörden als der
vermisste Vaclav Zelenka identifiziert, am 28. Mai sieht ihn seine Mutter zum
ersten Mal wieder. Nach der ersten, überschwänglichen Freude folgte
allerdings der Moment der Ernüchterung, wie sich Zelenka erinnert: Er
konnte damals kein Wort Tschechisch, die Mutter sprach kein Deutsch. Vor allem
seine Brüder wollten den nicht akzeptieren, der nichts als die Sprache des
Erzfeindes sprach. Das Problem war nach relativ kurzer Zeit ausgeräumt,
denn Neunjährige lernen schnell.
Heute spricht Zelenka von sich aus
kaum ein Wort Deutsch, obwohl man merkt, dass er die Sprache immer noch
versteht. Seine dramatische Vergangenheit holt ihn unmittelbar noch einmal ein,
als sich seine Dresdner Pflegemutter Wagner 1968 zu einem Besuch in Lidice
einstellt. Zu einem Eklat zwischen ihr und seiner leiblichen Mutter kommt es,
als Frau Wagner ihren Ex-Zögling konsequent per "Rolf" anspricht.
Kommt man nach Lidice, das sofort nach dem Zweiten Weltkrieg etwas
abseits neu errichtet wurde, wird man auf Schritt und Tritt an das Massaker
erinnert. Wo die "Straße des 10. Juni", die am Rathaus vorbeiführt,
ausläuft, gelangt man zu einer großen Rasenfläche, auf der sich
einst der Ort befunden hat. Am ehemaligen Dorfeingang steht ein Mausoleum, das
auch das Lidice-Gedenkmuseum beherbergt.
Vom ursprünglichen Lidice
selbst hat die SS absolut nichts über gelassen. Nachdem die Männer
exekutiert, Frauen und Kinder verschleppt worden waren, wurde der Ort
niedergebrannt und die Ruinen von Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes
(RAD) Stein für Stein abgetragen. Der Friedhof wurde umgeackert und der
Bach, der durch das Dorf geht, umgeleitet. Diejenigen Männer, die nicht
sofort erschossen werden konnten, weil sie in der nahe gelegenen Industriestadt
Kladno Nachtschicht an den Hochöfen hatten, wurden wenige Tage später
in Prag gefasst und dort exekutiert. Nichts, was auch nur im entferntesten mit
dem Ort zu tun hatte, sollte überbleiben für die Nazis die
einzig angemessene Antwort auf die Ermordung von SS-Obergruppenführer
Reinhard Heydrich durch zwei Exiltschechen.
"Und wir sollen uns bei den
Deutschen entschuldigen? Niemals!" (Eintrag in das Gästebuch der
Lidice-Gedenkstätte vom 17. Mai 2002)
Heute ist Lidice längst
zu einem international bekannten Symbol für den fanatischen
Vernichtungswahn des NS-Regimes und ein Mahnmal für Toleranz geworden.
Jedes Jahr pilgern tausende Tschechen, Deutsche, Skandinavier und Japaner zu
der Gedenkstätte. Manchmal, "sehr selten und wenn, dann immer nur einzeln"
schauen auch Österreicher vorbei, wie eine Mitarbeiterin des
Lidice-Museums der "Wiener Zeitung" verrät. Im Museum selbst ist das zu
sehen, was der Zerstörungswut der SS entging: Eine durchschossene
Hausnummerntafel, ein Leiterwagen, Fotos der Lidice-Eishockeymannschaft und vor
allem die Portraits aller 192 Männer, die von der SS erschossen wurden.
Die meisten derer, die das Inferno überlebt haben, sind nach 1945
wieder in die Gegend von Lidice gezogen, haben ein Haus erworben und sind
mittlerweile Großmütter und -väter. Was den 10. Juni angeht,
haben sich einige Überlebende einen ganz besonderen Galgenhumor
zurechtgelegt. So Frau Dolezalova, die 1945 vor dem Nürnberger
Kriegsverbrechertribunal aussagte. Als sie am 16. Mai 2002 mit
Bürgermeister Zelenka über das eingeebnete Lidice spaziert und an der
Stelle vorbeikommt, wo das Haus ihrer Eltern stand, meint die betagte Dame:
"Ich würde dich ja gerne zu einem Kaffee hereinbitten, aber leider ist
mein Herd kaputt".
Erschienen am: 10.06.2002 |