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Von Hellmut Butterweck
1933 ging in Österreich die Demokratie unter. Können
wir aus den Ereignissen, die der "Parlamentspanne" vom 4. März folgten,
noch Lehren ziehen? Die Abschaffung der Demokratie per Staatsstreich steht
schließlich derzeit nirgends im Terminkalender.
Sie erübrigt
sich ja auch. Engelbert Dollfuß wollte 1933 der ökonomischen Krise
mit Maßnahmen beikommen, die weder im Nationalrat noch gegen die
Gewerkschaften durchsetzbar waren. Bereits im Jänner 1932 waren
Industrielle bei Bundeskanzler Karl Buresch
vorstellig geworden, ob man nicht vom "normalen parlamentarischen Verfahren"
abgehen und die Führung der Staatsgeschäfte auf die Basis
"besonderer, erweiterter Grundlagen" stellen könne. Belastungen werden
heute in Österreich und Deutschland ganz demokratisch durchgeboxt. Es
genügt, Standortnachteile an die Wand zu malen. Von einer anderen,
besseren Gesellschaft, wie damals die Sozialisten, redet schon lang niemand
mehr.
Ja, wir leben in einer völlig anderen Welt. Wir haben die
totale Meinungsfreiheit, können damit aber nichts ändern. Statt der
Zensur haben wir ein gigantisches Rauschen, in dem jede aufmüpfige Ansicht
untergeht. Die Faszination der dreißiger Jahre beruht nicht zuletzt
darauf, dass sie uns so fern geworden sind wie die Steinzeit, es aber schon den
Film gab.
Er wird es schon nicht so bös' meinen, wie es jede seiner
Handlungen vermuten lässt: Mit diesem Satz kann man die Stimmung der
führenden Sozialdemokraten im Oktober 1933 beschreiben. Bundeskanzler
Engelbert Dollfuß werde Österreich schon nicht in eine Diktatur nach
Mussolini- oder gar Nazi-Muster verwandeln. Er könne doch nicht allen
Ernstes vorhaben, die Sozialdemokraten ganz auszuschalten.
Der
revolutionäre Charismatiker der Sozialdemokratie Otto Bauer glaubte
offenbar allen Ernstes immer noch an die Möglichkeit einer Rückkehr
zur Demokratie. Sonst wäre er auf dem außerordentlichen Parteitag,
der vor 70 Jahren, vom 14. bis 16. Oktober 1933, im Ottakringer Arbeiterheim
stattfand, doch wohl kaum, ebenso wie sein Gegenpol, der spätere
Bundespräsident Karl Renner, in die Rolle des Beschwichtigungshofrates
geschlüpft. Hätte Bauer die Lage nüchtern gesehen, hätte er
kaum mehr über die friedliche verfassungsmäßige Lösung der
Krise und über Verhandlungen mit der Regierung geredet und den Parteitag
auf seine Seite gebracht, indem er die Genossen beschwor, die Einheit zu
bewahren.
Dabei hatte Dollfuß längst gezeigt, dass er den
"Tag des Schmetterlings" (Wiener Zeitung, 4. März 2003) als Chance zum
grundlegenden Umbau des Staates begriffen hatte. Alle Schritte, die er seither
gesetzt hatte, waren als Maßnahmen eines autoritären Regimes zu
erkennen gewesen, dessen starker Mann keine Sekunde an eine Rückkehr zum
Parlamentarismus oder an ein Entgegenkommen gegenüber der
stimmenstärksten Partei des Landes dachte.
Die meisten Gefolgsleute
dachten genau so. Die gegenwärtige Regierung, erklärte der
Parteiobmann und Heeresminister Carl Vaugoin dem christlichsozialen Parteitag,
habe "durch eine Fügung Gottes die Macht zum größten Teil in
der Hand. Es wäre meiner Meinung nach der größte Fehler, wenn
wir auch nur einen Teil dieser Macht aufgeben würden. Sie muss immer
fester verankert werden."
Seit dem 4. März ging es Schlag auf
Schlag. Am 7. März wurde das Verbot von Aufmärschen und Versammlungen
sowie die Pressezensur proklamiert. Am 15. März wurden Abgeordnete, welche
die Panne vom 4. März bereinigen wollten, aus dem von Polizei und
Bundesheer umstellten Parlamentsgebäude gejagt. Am 1. Mai riegelten
Panzerwagen, Maschinengewehre, Stacheldraht und motorisierte Artillerie den
Ring ab. Ende Mai wollte der Verfassungsgerichtshof über die
Maßnahmen der Regierung befinden. Die unbotmäßigen Richter
wurden zum Rücktritt gezwungen, der Verfassungsgerichtshof ausgeschaltet.
Damit war es aus mit Demokratie, Parlament und verfassungsmäßigen
Zuständen.
Und weiter ging es, Schlag auf Schlag. Mitte Juli wurde
die Personalvertretung der Bundesbahnen, noch im Spätsommer wurden auch
die sozialistisch dominierten Gewerkschaften der Post-, Telegraphen- und
Telephonbediensteten entmachtet. Jede Gewerkschaftsgruppe hatte nun gleich
viele Vertreter in der Personalvertretung. Die 600 Heimwehrgewerkschafter
hatten plötzlich so viele Stimmen wie die 12.000 linken Gewerkschafter.
Dafür wurde der Kirchenaustritt erschwert. Der nächste Schritt zum
Polizeistaat war die Verordnung, welche die strafaufschiebende Wirkung der beim
Verwaltungsgerichtshof gegen Polizeistrafen eingebrachten Beschwerden aufhob,
während deren Höhe drastisch angehoben wurde.
Und doch
glaubten die Sozialdemokraten noch im Oktober, für Dollfuß
Gesprächspartner zu sein. Um Zeit zu gewinnen, ließ er sie dran
glauben und spiegelte Robert Danneberg, den später die Nazis ermordeten,
Verhandlungsspielraum vor. Österreichs Sozialdemokratie im Jahre 1933
steht symbolhaft für die klassische Situation der unschlüssig
zögernden Demokraten mit ihren Skrupeln angesichts der Gewalt. Sie
zögerten, bis es zu spät war. Auch der 12. Februar 1934 und der
Bürgerkrieg war von der sozialistischen Führung nicht gewollt.
Rein äußerlich gewann "Millimetternichs" Staat
(Dollfuß war nur 1,60 Meter groß) immer mehr Ähnlichkeit mit
Hitlers Deutschland und Mussolinis Italien. Da war die Allgegenwart der
Uniformen. Da war das militante Gerede. Das Kruckenkreuz, das eines Tages
riesengroß zwischen den Säulen des Parlaments prangte, war zwar
nicht heidnischen Ursprungs wie das Hakenkreuz. Aber zum Symbol des
Ständestaates machte man es, weil man dem mächtigen Zeichen der Nazis
etwas Gleichwertiges entgegensetzen wollte. Sogar einen Führer hatte
Österreich. Frontführer nannte man den Kanzler in seiner Funktion als
Führer der Einheitspartei "Vaterländische Front".
Es wurden
viele Entschuldigungen für Dollfuß vorgebracht. Was ihm zuzubilligen
ist, sind mildernde Umstände. Der gewichtigste sind die Wahlerfolge der
Nazis, die angesichts der 500.000 Arbeitslosen bevorstanden. Auch war dieser
Staat doch sehr verschieden von den Konkurrenzfaschismen in Deutschland und
Italien. Er war nämlich durch und durch katholisch. Ein Menschenalter
zuvor hatte Karl Lueger mit der Enzyklika "Rerum novarum" auf den Fahnen
triumphale Wahlsiege errungen.
Nun war Österreich das erste Land,
in dem eine katholische Partei nach der ganzen Macht griff. Der Kanzler
ließ sich regelmäßig von Kardinal Innitzer beraten. Die
Vision, die ihm vorschwebte, dürfte der katholische Idealstaat gewesen
sein. Es gibt nicht nur die fortschrittliche, es gibt auch die
rückwärts gewandte Faszination. Die Nazis mit ihrem Germanenfimmel
und ihren römischen Standarten waren voll aufs Vorvorgestrige abgefahren,
nun erlagen die Christlichsozialen einem vorgestrigen Traum. Ein neues
"Heiliges Experiment" war angesagt. Leider waren Österreichs Arbeiter
keine Indios. Aber Fritz Hochwälders Stück über den
gescheiterten Jesuitenstaat in Paraguay wurde nicht zufällig in den
fünfziger Jahren zum Kultstück der abendländischen
Nostalgiker.
Natürlich sollte er ganz anders aussehen. Das
Gegenmodell zum verhassten Parlamentarismus rumorte schon lang in den
Köpfen. Es hörte bekanntlich auf den Namen Ständestaat und
sollte endlich die Rückkehr zur von der Aufklärung, von der
französischen Revolution, von der Industrialisierung und den Sozialisten
zerstörten, gottgewollten Ordnung bewirken. Jeder sollte wieder seinen
festen Platz in der Gesellschaft haben, der Bauer, der Handwerker, der Soldat,
der geistliche Stand.
Diese Ideen reichten tief ins 19. Jahrhundert
zurück. In einer mächtigen Welle romantischer
Mittelalter-Verklärung hatte sich das tiefe Unbehagen breiter Schichten an
den Folgen der Industrialisierung ausgedrückt. Die Idealisierung des
Mittelalters brachte nicht nur die neugotische Votivkirche, das Wiener Rathaus
und die Fertigstellung des Kölner Doms hervor, sondern auch die Ideen
eines Adolf Kolping oder eines Karl Vogelsang. Sie zielten auf die
Wiederherstellung mittelalterlicher Strukturen und fielen bei breiten
christlichsozialen Wählerschichten, die zu den Verlierern der
Industrialisierung zählten, auf einen fruchtbaren Boden.
Hier bezog
Engelbert Dollfuß seine Visionen. Wenn er vom Mittelalter sprach, wurde
er schwärmerisch. "Wir lassen uns nicht mehr vorerzählen, dass jene
Zeiten finsteres Mittelalter waren! Nein! Das waren die Zeiten der
Hochblüte deutscher Kultur!" rief er beim Katholikentag des Jahres 1933
aus. Und in seiner berühmt-berüchtigten Rede vom 11. September auf
dem Trabrennplatz erklärte er, im Mittelalter, in dem "das Volk
berufsständisch organisiert und gegliedert war", sei der Arbeiter nicht
gegen seinen Herrn aufgestanden - die Bauernkriege hatte er wohl
verdrängt.
Erst nach Dollfuß' Ermordung, erst unter Kurt von
Schuschnigg begann die Annäherung an das Dritte Reich, begann das
Ausspielen des angeblich gemäßigten Naziflügels
Seyß-Inquarts gegen die "wilden Nazis", während die
größte Ressource im Abwehrkampf, die linksorientierte
Arbeiterschaft, als Ganzes in die Illegalität verbannt blieb. In
Schuschniggs Augen war Hitler gewiss ein Übel. Aber, es muss gesagt werden
- eben doch das kleinere.
Altbundespräsident Wilhelm Miklas
erzählte übrigens noch 1946 allen Ernstes als Zeuge einem
österreichischen Gericht, er habe am 11. März 1938 gehofft,
"über Bayern hinaus eine Widerstandsfront zu bilden zur Wiederherstellung
Deutschlands im Sinne des Heiligen Römischen Reiches."
Erschienen am: 15.10.2003 |