Der "Volkskanzler" Leopold Figl

Von Friedrich Weissensteiner

Präsentation des Staatsvertrags

Aufzählung Zum Lebenslauf

Der Krieg war noch nicht zu Ende, aber längst verloren, Wien von den Russen eingenommen. Große Teile der Innenstadt waren zerbombt, es verkehrte keine Straßenbahn, es gab keinen Strom und kein Gas, als sich eine Handvoll Männer am 17. April 1945 im Prälatensaal des Wiener Schottenstiftes zusammenfand, um in der Nachfolge der Christlichsozialen Partei, die sich 1934 aufgelöst hatte, eine neue bürgerliche Partei zu gründen. Über den Namen war man sich in Vorgesprächen bereits einig geworden. Die Partei sollte "Österreichische Volkspartei" heißen. Der Parteiname signalisierte gegenüber der christlichsozialen Vorgängerpartei, die mit der römisch-katholischen Kirche eng verbunden war, eine Erweiterung des ideologischen Konzeptes. Die ÖVP wollte alle sozialen Schichten ansprechen, eine Sammelpartei für alle nichtmarxistisch gesinnten Menschen sein. Den Namen soll übrigens Lois Weinberger vorgeschlagen haben, ein ÖVP-Politiker der ersten Stunde, den heute nur noch Eingeweihte kennen.

Weinberger, der am 22. Juni 1902 in Markt Eisenstein in Böhmen geboren wurde, hatte sich als Student in der "Neuland-Bewegung" engagiert und wurde 1929 Sekretär im Zentralverband der christlichen Angestellten, wo er mit Leopold Kunschak in engen Kontakt kam. 1934-38 war er in der ständestaatlichen Einheitsgewerkschaft Obmann der Angestellten in den Geldinstituten. In der NS-Zeit baute er eine Widerstandszelle auf, 1944 wurde er verhaftet und in das KZ Mauthausen eingeliefert.

Weinberger vertrat in der sich bündisch organisierenden Volkspartei die Arbeiter und Angestellten, den ÖAAB, dessen erster Bundesobmann er war.

Eine führende Rolle bei der Gründung der Partei spielte neben ihm Felix Hurdes, ein im Südtiroler Bruneck geborener Rechtsanwalt, der sich im Ständestaat in Kärnten politisch betätigt hatte.

Mit von der Partie im Wiener Schottenstift waren auch Ferdinand Graf, der 1934-38 Direktor des Kärntner Bauernbundes war, Hans Pernter, der alte christlichsoziale Haudegen Leopold Kunschak, Leopold Figl, der den Bauernbund repräsentierte und dessen Parteifreund Julius Raab für den Wirtschaftsbund.

Die Entscheidungen für das Führungsgremium fielen rasch. Zum ersten Obmann der ÖVP wurde der 73-jährige Kunschak gewählt, der schon in der Kaiserzeit und dann in der Ersten Republik als christlichsozialer Arbeiterführer eine wichtige Rolle gespielt hatte. Ihm wurde als geschäftsführender Obmann Hans Pernter beigegeben. Zu seinen Stellvertretern wurden die Obmänner der drei Bünde bestellt: Leopold Figl, Julius Raab und Lois Weinberger. Bereits am 8. September 1945 übernahm Dipl.-Ing. Leopold Figl dann die Obmannschaft der Partei. Er war zur führenden Persönlichkeit in der Österreichischen Volkspartei geworden.

Figl, der am 2. Oktober 1902 als drittes von neun Kindern eines Bauern im niederösterreichischen Rust im Tullnerfeld zur Welt kam, verlor im Alter von elf Jahren den Vater. Er besuchte in St. Pölten das Gymnasium und besuchte nach der Reifeprüfung die Hochschule für Bodenkultur in Wien, wo er der CV-Studentenverbindung "Norica" beitrat. Nach Absolvierung des Studiums betätige sich der frischgebackene Agraringenieur im niederösterreichischen Bauernbund.1933 avancierte er dort zum Direktor.

Ins KZ Dachau eingeliefert

Am 12. März 1938 wurde Figl, der sich mutig gegen den Nationalsozialismus ausgesprochen hatte, in das KZ Dachau eingeliefert. Am 8. Mai 1943 entlassen, wurde er nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 abermals verhaftet. Diesmal wurde er in das KZ Mauthausen eingeliefert, pausenlos verhört und im Jänner 1945 in das Landesgericht Wien überstellt. Figl sollte hingerichtet werden. Der rasche Vorstoß der sowjetischen Armee in Richtung Wien bewahrte ihn vor dem sicheren Tod.

Am 6. April 1945 wurde er entlassen und fand im Keller seines Wohnhauses Unterschlupf. Etwa eine Woche später holten ihn die Russen aus dem Versteck und beauftragten ihn mit der Organisation der Lebensmittelbeschaffung für die Bevölkerung Wiens und dem Aufbau des Bauernbundes.

Gemeinsam mit Helmer

Obwohl er im KZ schweren gesundheitlichen Schaden genommen hatte, machte sich der überzeugte Österreicher mit unerhörtem Elan und zäher Willenkraft an die Arbeit. Er organisierte Lebensmitteltransporte, verhandelte mit den Russen, sprach in Parteiveranstaltungen und baute gemeinsam mit dem Sozialdemokraten Oskar Helmer einen provisorischen Verwaltungsapparat in Niederösterreich auf. Damit nicht genug, übernahm er in der provisorischen Regierung des Sozialdemokraten Karl Renner für die ÖVP als Staatssekretär ohne Portefeuille auch noch die Stellvertretung des Regierungschefs. Die vielen Spitzenpositionen, die er 1945 bekleidete, erforderten ungeheuren Einsatz. Er erbrachte ihn, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. Mit einem Wort: Leopold Figl war nach dem Zusammenbruch der Hitler-Herrschaft der Mann der Stunde.

Am 25. November 1945 errang die ÖVP bei den ersten Nationalratswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg die absolute Mehrheit. Leopold Figl, der großen Anteil an dem Wahlerfolg hatte, wurde Bundeskanzler.

Gewaltige Aufgaben waren zu bewältigen. Die Ernährung der Bevölkerung musste sichergestellt, die Wirtschaft des ausgebluteten, in vier Besatzungszonen aufgeteilten Landes angekurbelt, die Zonengrenzen beseitigt, die Erlangung der staatlichen Souveränität angestrebt werden. Der Bundeskanzler setzte sich mit ganzer Kraft für diese Ziele ein, sprach der Bevölkerung Mut zu, rang den Alliierten Zugeständnisse ab und erwarb sich Anerkennung und Popularität.

Das Herz auf der Zunge

Leopold Figl war ein Volkskanzler. Er war ein gläubiger Katholik, erdverbunden und heimattreu. Er sprach aus, was er sich dachte und er konnte mit jedermann in seiner Sprache reden, allerdings nur in der eigenen. Der Fremdsprachen war er nicht mächtig. Aber das war kein Manko. Er trug das Herz auf der Zunge und besaß die Gabe, bei einem Gläschen Wein Kontakte zu knüpfen, Vertrauen herzustellen und Freunde zu gewinnen. Er hatte keine Kommunikationsprobleme. Der "Poldl" schlug den Leuten freundschaftlich auf die Schulter (auch Diplomaten und hochrangigen Politikern) und schon war das Eis gebrochen. Dem etwas steifen französischen Außenminister Robert Schuman wandte er sich bei einem Empfang einmal mit folgenden Worten zu: "Heerst mir san doch von der gleichen Weltanschauung. Sagn mir uns doch du. Ich heiß Poldl. Servas Robert." So überliefert es jedenfalls sein Biograph Ernst Trost.

Geselligkeit, Gradlinigkeit und Zivilcourage waren seine persönlichen Markenzeichen, die von allen Gesprächspartnern geschätzt wurden. Auch von den sowjetischen Marschällen, mit denen er oft heftige Sträuße ausfocht.

In der eigenen Partei war Leopold Figl lange Zeit unumstritten. Nach der verlorenen Bundespräsidentenwahl des Jahres 1951 - der oberösterreichische Landeshauptmann Heinrich Gleißner unterlag Theodor Körner, dem sozialdemokratischen Bürgermeister von Wien - kündigte sich dann eine innerparteiliche Wende an. Der Konsenspolitiker Figl verlor an Einfluss, sein Freund Julius Raab drängte an die Parteispitze. Raab wurde geschäftsführender und am 29.Jänner 1952 definitiver Parteiobmann der ÖVP. Es war nur noch eine Frage der Zeit, wann er Figl auch als Bundeskanzler ablösen würde. Als die ÖVP bei den Nationalratswahlen des Jahres 1953 von den Sozialisten stimmenmäßig überholt wurde, war der Zeitpunkt für die Wachablöse gekommen. Menschlich tief enttäuscht, verließ der Kanzler, dem das Land so viel verdankte, den Ballhausplatz.

Außenminister ab 1953

Am 26.November 1953 holte Raab Figl als Außenminister in seine Regierungsmannschaft. Es war seinerseits eine versöhnliche Geste, aber auch eine richtige Entscheidung im richtigen Augenblick. Die Staatsvertragverhandlungen waren in ein konkretes Stadium getreten und Leopold Figl, dem die westlichen Alliierten wie die Sowjets großes Vertrauen entgegenbrachten, trug seinen Teil dazu bei, dass sie zu einem erfolgreichen Abschluss kamen.

Am 15. Mai 1955 schlug dann die Sternstunde seines Lebens, als er nach der Unterzeichnung des Vertrages im Marmorsaal des Oberen Belvedere auf den Balkon hinaustrat und den jubelnden Menschen das Vertragswerk zeigte. Österreich war frei. Das Ziel, für das er so lange und zäh gekämpft hatte, war erreicht.

Vier Jahre später, nach den Nationalratswahlen, bei denen die Sozialisten abermals stimmenstärkste Partei wurden, musste Figl das Außenministerium an Dr. Bruno Kreisky abtreten. Auch das muss wehgetan haben.

Leopold Figl wurde Nationalratspräsident. In diese Zeit fällt beim Besuch des sowjetischen Staats- und Parteichefs Nikita Chruschtschow im elterlichen Bauernhof in Rust die berühmte "Kukuruzwette", die Figl gewann.

Die letzte Funktion, die der nach wie vor äußerst populäre ÖVP-Politiker ausübte, war jene des Landeshauptmannes von Niederösterreich. Sie war ihm geradezu auf den Leib geschneidert. Jetzt konnte er sich wieder unter das Volk mischen, den Leuten, wenn er im Land unterwegs war, und er war es oft, die Hände schütteln, mit ihnen reden, scherzen und ein Glas Wein trinken.

Schwer angeschlagen

Freilich, seine Gesundheit war schwer angeschlagen. Das kräfteraubende politische Engagement forderte seinen Tribut. Leopold Figls Erdentage waren gezählt. Das sah jeder, der ihm begegnete.

Am 27. April 1965 erlebte er noch einmal einen großen Tag, als im Niederösterreichischen Landhaus anlässlich der 20.Wiederkehr der Bildung der Provisorischen Regierung Renner seine Leistungen öffentlich gefeiert wurden und er mit heiserer Stimme in bewegenden Worten diese Zeit heraufbeschwor.

Zwölf Tage später, am 9. Mai 1965 schied der große Österreicher Leopold Figl in seiner Wiener Wohnung in der Peter- Jordan-Straße aus dem Leben. Beim Staatsbegräbnis fünf Tage später nahmen Hunderttausende Menschen von jenem Mann Abschied, der ihnen in schwerer Zeit Standfestigkeit, Vaterlandsliebe und den Glauben an eine schönere und bessere Zukunft vorgelebt hatte.

Erschienen am: 14.01.2004

Verweis Österreichs Kanzler und Präsidenten