Friedrich Gulda: Grenzüberschreiter und Grenzverletzer
Friedrich Gulda

Lebensdaten

Aufzählung Geboren am 16.5.1930 in Wien
Aufzählung Ausbildung zum Konzertpianisten am Grossmann- Konservatorium, Privatunterricht bei Felix Pazofsky
Aufzählung 1942 bis 1947 Studium an der Wiener Musikakademie
Aufzählung 1950 Debut in der New Yorker Carnegie Hall
Aufzählung In den 50er Jahren vor als Mozart- und Beethoven-Interpret weltberühmt
Aufzählung Ab den 60ern Beschäftigung mit Jazz und improvisierter Musik; Gründung des Internationalen Musikforums Ossiach (später Viktring)
Aufzählung Gestorben am 27.1. 2000 in Attersee (OÖ)
 

Aufnahmen (Auswahl)

Aufzählung Beethoven Klaviersonaten, 1968 ff.
Aufzählung Das Wohltemperierte Klavier 1972/73
Aufzählung Die großen Pianisten des 20. Jahrhunderts - Friedrich Gulda #1 und #2, Philips
Aufzählung Cellokonzert/ Concerto For Ursula, 1986
 

Links

Aufzählung Kurzbiographie
Aufzählung Interview 1997
Aufzählung Das Wohltemperierte Klavier
 

Literatur

Aufzählung Kurt Hofmann (Hrsg.): Friedrich Gulda, Langen-Müller, München 1990
 

Friedrich Gulda war einer der ganz Großen unter den Pianisten des Jahrhunderts: Der geniale Bach-, Beethoven- und Mozart-Interpret, Jazz-Musiker und Komponist galt seit Beginn seiner Karriere in den späten vierziger Jahren als ein "Schwieriger" und Exzentriker.

In einem "offenen Brief" ordnete er anlässlich einer bevorstehenden Operation im Jänner 1999 an, dass "Nachrufe zu meinem Ableben zu unterbleiben" hätten. Erscheinen dürfe "nur die nüchterne Tatsachenmeldung". Als Grund für seine Entscheidung gab Gulda an, er wünsche nicht, dass ihm der "Schmutz", mit dem er von Journalisten ein Leben lang beworfen worden wäre, "auch noch ins Grab nachgeschmissen" werde. Am 28. März lief dann in den Redaktionen ein Fax mit der Todesnachricht des Künstlers ein, das sich als vom quicklebendigen Meister persönlich in Umlauf gesetzt herausstellte. Mit der Go-Go-Truppe "Paradise Girls" feierte er wenige Tage später eine "Wiederauferstehungs-Party" in Salzburg.

Gulda, geboren am 16. Mai 1930 in Wien, besuchte zunächst das Grossmann-Konservatorium, nahm dann bei Felix Pazofsky Privatunterricht (1937 bis 1942) und studierte bis 1947 an der Wiener Musikakademie bei Bruno Seidlhofer (Klavier) und Joseph Marx (Musiktheorie). 1944 trat er zum ersten Mal öffentlich auf. Guldas außerordentlicher Rang als Interpret der Wiener Klassik wurde bald mit internationalen Preisen · etwa beim Genfer Wettbewerb 1946 · bestätigt. Mit 20 Jahren debütierte er in der Carnegie Hall in New York, spielte häufig alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven in Konzertzyklen und erwarb sich mit intensiver Konzerttätigkeit Weltruhm.

Mitte der fünfziger Jahre wandte sich Gulda verstärkt dem Jazz zu. 1956 spielte er etwa im Birdland in New York und beim Newport Festival, 1960 gründete er das Eurojazz-Orchester mit. Guldas Widerstand gegen die Praktiken des Konzertbetriebs und gegen die musikalische Eingleisigkeit führten zu seinem Rückzug vom Hochkultur-Konzertpodium. Er organisierte eigene Veranstaltungen, u. a. das Internationale Musikforum in Ossiach und die Tage freier Musik auf Schloss Moosbach im Lungau.

Friedrich Guldas unbestrittener Rang als Klassik-Pianist stand in eigenartigem Kontrast zu seiner Verweigerung aller Ehren, die von der Hochkultur kamen. Gulda hatte stets Ehrenmitgliedschaften, Orden und Auszeichnungen zurückgewiesen und immer wieder Veranstalter in Wien und Salzburg brüskiert.

Gulda gehörte nicht zu den von ihm als "vernagelte Klassik-Trottel" bezeichneten Musikpuristen, sondern war ein Grenzüberschreiter und Grenzverletzer. Er pendelte zwischen E- und U-Musik, Mozart und Boogie, Mondscheinsonate und Swing. In den neunziger Jahren trat er sowohl als klassischer Interpret als auch bei Veranstaltungen wie der "Mozart-Disco" auf.

Zu Guldas 70. Geburtstag war für den 15. Mai ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern im Wiener Konzerthaus geplant, bei dem der Pianist Werke seines musikalischen Gottes Mozart spielen sollte. Noch im vergangen November gab Gulda einen Soloabend im Wiener Musikverein, bei dem er mit "Waun i amol stirb" auch den eigenen Tod besang.

Selbst seinen eigenen Nachruf hat Gulda inszeniert. Im Jänner des Vorjahrs stellte er den Videomitschnitt einer "Private Dance Party" im Wiener RadioKulturhaus vom Oktober 1998 fertig, den er als "mein gültiger Nachruf" bezeichnete.
Sein musikalisches Erbe hat Gulda auch an seinen Nachwuchs weitergegeben. Seine beiden Söhne aus der Ehe mit der 1999 verstorbenen Wiener Burgschauspielerin Paola Loew, Paul und Rico, sind ebenfalls Pianisten geworden.

Erschienen am: 28.01.2000