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Friedrich Gulda war einer der ganz Großen
unter den Pianisten des Jahrhunderts: Der geniale Bach-, Beethoven- und
Mozart-Interpret, Jazz-Musiker und Komponist galt seit Beginn seiner Karriere
in den späten vierziger Jahren als ein "Schwieriger" und Exzentriker.
In einem "offenen Brief" ordnete er anlässlich einer
bevorstehenden Operation im Jänner 1999 an, dass "Nachrufe zu meinem
Ableben zu unterbleiben" hätten. Erscheinen dürfe "nur die
nüchterne Tatsachenmeldung". Als Grund für seine Entscheidung gab
Gulda an, er wünsche nicht, dass ihm der "Schmutz", mit dem er von
Journalisten ein Leben lang beworfen worden wäre, "auch noch ins Grab
nachgeschmissen" werde. Am 28. März lief dann in den Redaktionen ein Fax
mit der Todesnachricht des Künstlers ein, das sich als vom quicklebendigen
Meister persönlich in Umlauf gesetzt herausstellte. Mit der Go-Go-Truppe
"Paradise Girls" feierte er wenige Tage später eine
"Wiederauferstehungs-Party" in Salzburg.
Gulda, geboren am 16. Mai 1930
in Wien, besuchte zunächst das Grossmann-Konservatorium, nahm dann bei
Felix Pazofsky Privatunterricht (1937 bis 1942) und studierte bis 1947 an der
Wiener Musikakademie bei Bruno Seidlhofer (Klavier) und Joseph Marx
(Musiktheorie). 1944 trat er zum ersten Mal öffentlich auf. Guldas
außerordentlicher Rang als Interpret der Wiener Klassik wurde bald mit
internationalen Preisen · etwa beim Genfer Wettbewerb 1946 ·
bestätigt. Mit 20 Jahren debütierte er in der Carnegie Hall in New
York, spielte häufig alle 32 Klaviersonaten von Ludwig van Beethoven in
Konzertzyklen und erwarb sich mit intensiver Konzerttätigkeit Weltruhm.
Mitte der fünfziger Jahre wandte sich Gulda verstärkt dem
Jazz zu. 1956 spielte er etwa im Birdland in New York und beim Newport
Festival, 1960 gründete er das Eurojazz-Orchester mit. Guldas Widerstand
gegen die Praktiken des Konzertbetriebs und gegen die musikalische
Eingleisigkeit führten zu seinem Rückzug vom
Hochkultur-Konzertpodium. Er organisierte eigene Veranstaltungen, u. a. das
Internationale Musikforum in Ossiach und die Tage freier Musik auf Schloss
Moosbach im Lungau.
Friedrich Guldas unbestrittener Rang als
Klassik-Pianist stand in eigenartigem Kontrast zu seiner Verweigerung aller
Ehren, die von der Hochkultur kamen. Gulda hatte stets Ehrenmitgliedschaften,
Orden und Auszeichnungen zurückgewiesen und immer wieder Veranstalter in
Wien und Salzburg brüskiert.
Gulda gehörte nicht zu den von
ihm als "vernagelte Klassik-Trottel" bezeichneten Musikpuristen, sondern war
ein Grenzüberschreiter und Grenzverletzer. Er pendelte zwischen E- und
U-Musik, Mozart und Boogie, Mondscheinsonate und Swing. In den neunziger Jahren
trat er sowohl als klassischer Interpret als auch bei Veranstaltungen wie der
"Mozart-Disco" auf.
Zu Guldas 70. Geburtstag war für den 15. Mai
ein Konzert mit den Wiener Philharmonikern im Wiener Konzerthaus geplant, bei
dem der Pianist Werke seines musikalischen Gottes Mozart spielen sollte. Noch
im vergangen November gab Gulda einen Soloabend im Wiener Musikverein, bei dem
er mit "Waun i amol stirb" auch den eigenen Tod besang.
Selbst seinen
eigenen Nachruf hat Gulda inszeniert. Im Jänner des Vorjahrs stellte er
den Videomitschnitt einer "Private Dance Party" im Wiener RadioKulturhaus vom
Oktober 1998 fertig, den er als "mein gültiger Nachruf" bezeichnete.
Sein musikalisches Erbe hat Gulda auch an seinen Nachwuchs weitergegeben.
Seine beiden Söhne aus der Ehe mit der 1999 verstorbenen Wiener
Burgschauspielerin Paola Loew, Paul und Rico, sind ebenfalls Pianisten
geworden. |