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Von Walter Hämmerle
Posthum wurde Friedrich August von Hayek als "Mann des
Jahrhunderts geehrt. Wo? Natürlich in London. Schließlich war der
angelsächsische Raum seit jeher offener für seine Ideen und seine
Wertvorstellungen. Für die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher war er die
"geistige Orientierung", sein großer intellektueller Widerpart John
Maynard Keynes dürfte ihm zu Lebzeiten eher das Prädikat
"Sozialdarwinist" verliehen haben. Ronald Reagan hat ihn als Vordenker der
konservativen Bewegung in den USA bezeichnet. Von ihm gewann Franz Josef
Strauß die Inspiration für die legendäre Wahlkampfdevise
"Freiheit statt Sozialismus".
Der 1992 verstorbene liberale Ökonom,
Sozialphilosoph und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek
polarisierte Zeit seines Lebens und darüber hinaus Gegner und
Anhänger. Hayek glaubte zu wissen, wo der Feind stand. "Den Sozialisten
aller Parteien" hat er sein Hauptwerk "The Road to Serfdom" (Der Weg zur
Knechtschaft) gewidmet, eine Kampfschrift gegen staatliche Einmischung in den
Wettbewerb. Hayek zeigte sich in seinem 1944 in den Vereinigten Staaten
veröffentlichten Werk nicht nur ungnädig gegenüber jeder Form
der sozialen Steuerung des Marktes. Er machte außerdem keinen Unterschied
zwischen Nationalisten, Faschisten und Kommunisten: Für ihn führten
sie alle unweigerlich in die Diktatur. Der Weg zur Knechtschaft sei eben
vorgezeichnet, auch wenn dies gerade von linken Politikern und
Funktionären nicht unbedingt beabsichtigt sei. Für Hayek war der
Sozialismus intellektuell nicht einmal halb richtig, sondern ganz falsch. In
Wien geboren und einer alten geadelten Industriellenfamilie entstammend, war
Hayek der Tradition des klassischen Liberalismus der angelsächsischen
Philosophie der Aufklärung und deren Protagonisten David Hume und Adam
Smith verpflichtet. Kaum ein anderer Denker des 20. Jahrhunderts hat mehr zur
ideengeschichtlichen Erforschung und systematischen Weiterentwicklung dieser
Tradition beigetragen. Die thematische Spannbreite seiner Ideen umfasste
Ökonomie und Psychologie, Biologie und Soziologie, Rechtswissenschaft,
Geschichte, Politische Wissenschaft, Erkenntnisphilosophie und Methodologie.
Die Wirtschaft ist keine Maschine
Lässt man die
Geschichte der Wirtschaftswissenschaften Revue passieren, so lässt sich -
stark vereinfachend - eine ihrer wichtigen Denktraditionen als
"Maschinenauffassung der Wirtschaft" bezeichnen. Sie beruht auf der
Vorstellung, "die Wirtschaft" ließe sich mittels weniger Hebel und
Stellschrauben in die jeweils gewünschte Richtung steuern. Für Hayek
war diese Auffassung die Grundlage allen sozialistischen Denkens. Das
angebliche "Chaos der Märkte" sollte hier durch eine umfassende
Gesamtplanung des Wirtschaftsprozesses ersetzt werden. Hayek kämpfte Zeit
seines Lebens dagegen an. Sozialismus, Demokratie und individuelle Freiheit
waren für ihn unvereinbar. Mit der Formulierung dieser These sorgte Hayek,
der 1931 als erster Ausländer an die London School of Economics berufen
worden war, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges für einiges Aufsehen.
Dem sozialistischen Gesellschaftsmodell setzte Hayek seine Konzeption einer
Gesellschaft freier Menschen entgegen.
Im Mittelpunkt die Freiheit
des Einzelnen
Hayeks Denken ist fest in der Tradition der
"Österreichischen Schule der Nationalökonomie" nach Carl Menger,
Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich Wieser verankert. Kein Wunder, gilt doch
der Nationalökonom Ludwig von Mises als sein wichtigster Lehrer und
späterer Freund. Das Abrücken von der allgemeinen
Gleichgewichtstheorie und der aus ihr abgeleiteten Vorstellung, dass es
möglich sei, in einer Volkswirtschaft als Ganzes die vorhandenen
Ressourcen optimal in die verschiedenen Verwendungsrichtungen einzuweisen, gilt
als Kernpunkt des Hayekschen Schaffens. Nicht das Handeln abstrakter Einheiten
wie Staat, Gesellschaft oder Wirtschaft waren die Grundlage seines
Gegenentwurfs, sondern der Einzelne als Akteur.
Von diesem
Ausgangspunkt aus entwickelte er eine liberale Sozialphilosophie, die die
Freiheit des Einzelnen als archimedischen Punkt begreift. Seine Motivation
schöpfte er aus der Sorge, dass es um das allgemeine Verständnis der
zentralen Institutionen einer freien Gesellschaft, den Rechtsstaat, die
liberale Demokratie und die auf Privateigentum beruhende Marktwirtschaft,
schlecht bestellt sei. "Freiheit verlangt", so Hayek, "dass die Verantwortung
des Einzelnen sich nur auf das erstreckt, was er beurteilen kann, dass er in
seinen Handlungen nur das in Betracht ziehen muss, was innerhalb des Bereichs
seiner Voraussicht liegt und vor allem, dass er nur für seine eigenen
Handlungen (und die der seiner Fürsorge anvertrauten Personen)
verantwortlich ist - aber nicht für die anderer, die ebenso frei sind."
Die moralischen Grundlagen der Marktwirtschaft
So wie
seine Vorstellung von Freiheit ist auch Hayeks Konzeption von Marktwirtschaft
und Wettbewerb nicht losgelöst von moralischen Normen und
Wertvorstellungen. Im Gegenteil: "Dass die Marktwirtschaft moralische
Grundlagen hat und nur mit dem funktionieren kann, was ich früher schon
die Moral des Eigentums, der Ehrlichkeit und der Vertragseinhaltung bezeichnet
habe, dessen sind sie (die Leute) sich nicht bewusst. Aber bis vor etwa 100
Jahren war das einfach eine gemeinsame Tradition, die niemand bezweifelt hat."
Warum aber heute? Der Verfall der Moral des Marktes ist für Hayek ein
langsamer schleichender Prozess: "Solange der Kleinbetrieb in Gang war, hat
jeder, nicht nur der Führer des Geschäfts, sondern jeder Angestellte,
die Moral des Marktes gekannt. Mit dem Großbetrieb und der
Bürokratie ist ein immer größerer Teil der Gesellschaft
herangewachsen, der die Moral des Marktes nie gekannt hat. Diese Leute haben
damit eine traditionelle Moral verloren, und dies gerade zu der Zeit - und
jetzt kommt der zweite Punkt -, in der ihnen die Philosophen sagen: 'Ihr
dürft nichts glauben, was ihr nicht rational begründen könnt!'"
Dieser Prozess hat für Hayek zur Zerstörung der moralischen
Grundlagen der Marktwirtschaft sehr stark beigetragen.
Fatale
Dynamik staatlicher Eingriffe
Hayek wandte sich gegen jede
Vermischung von Plan- und Wettbewerbswirtschaft. Für ihn zieht jeder
kleine Eingriff des Staates in das Marktgeschehen zwangsläufig neue und
stärkere Maßnahmen nach sich. Diese Spirale führe geradezu
unvermeidlich nicht nur in eine Planwirtschaft, sondern direkt in die Diktatur.
"Knechtschaft" heißt für Hayek, dass die Mitglieder einer
Gesellschaft keinen individuellen wirtschaftlichen Entscheidungsspielraum mehr
haben. Nachdrücklich warnt er vor den totalitären Tendenzen jeglicher
Form von Wohlfahrtsstaat.
Die Politik nach 1945 wählte einen
anderen Weg
Natürlich wurden Hayeks Worte nach dem Zweiten
Weltkrieg gehört. Allein, die Politik entschied sich für einen
anderen Weg. Die Thesen seines intellektuellen Widerparts, John Maynard Keynes,
erschienen den politischen Verantwortlichen die überzeugenderen Antworten
auf die Frage nach dem richtigen Weg zu allgemeinem Wohlstand geben zu
können. Nicht nur das Wirtschaftsmodell Ludwig Erhards hieß soziale
Marktwirtschaft: Die Wettbewerbsordnung wird vom Staat festgelegt und
überwacht, der sich mit seiner Politik außerdem um Stabilität
in der Wirtschaft und um soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft bemühen
sollte.
Hayek ging mit einer solchen Politik hart ins Gericht. "Mehr
als zehn Jahre habe ich mich intensiv damit befasst, den Sinn des Begriffs
'soziale Gerechtigkeit' herauszufinden. Der Versuch ist gescheitert." Was es
heiße, "sozial" zu sein, wisse niemand, so Hayek. "Wahr ist nur, dass
eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat
kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit
keine Gerechtigkeit - und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine
Demokratie ist."
Spät aber doch wendete sich die öffentliche
Meinung zu Gunsten Hayeks. Andere Wissenschaftler schlossen sich nun seit den
späten siebziger - zunächst vereinzelt, dann aber immer stärker
- seiner Kritik an den seiner Ansicht nach ausufernden Aktivitäten des
Staates an. Der amerikanische Ökonom Milton Friedman schrieb 1994 in der
Einleitung zur Jubiläumsausgabe von Hayeks Streitschrift "Road to
Serfdom": "Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass wir auf beiden Seiten
des Atlantik zwar den Individualismus und kapitalistischen Wettbewerb predigen,
aber Sozialismus praktizieren." Sogar in den USA gibt es nach Einschätzung
von Friedman zu viel Wohlfahrtsstaat. Freier Wettbewerb, wie Hayek ihn fordert,
sei nicht möglich. Für Hayek-Freund Friedman steckt in dem Buch eine
intellektuelle Kraft, die hinter wie vor dem Eisernen Vorhang den Glauben an
den Kommunismus geschwächt habe.
Das Pendel schwingt heute in
Hayeks Richtung
Heute lässt sich sagen, dass die liberalen
Impulse von Hayeks Denken im Hinblick auf die westlichen Wohlfahrtsstaaten zu
nachhaltigen politischen Folgen geführt haben. Der Umschwung in mehreren
westlichen Ländern zu einer aktivierenden Sozialpolitik ist mehr als eine
bloß technische Umstellung des sozialpolitischen Instrumentarismus. Denn
es wird an Stelle der unbeschränkten Sozialrechte, die der Einzelne
angeblich gegenüber der Allgemeinheit genießt, eine Abkehr von der
bisherigen Philosophie sichtbar. Sie beruht auf der Forderung, dass jede
Beanspruchung gesellschaftlicher Hilfe gleichzeitig Pflichten der
Geförderten zur Eigenleistung begründet, und zwar Pflichten, die
nicht länger bloß auf dem Papier stehen dürfen. Das
sozialpolitische Paradigma wandelt sich. |