Friedrich August von Hayek: Philosoph der Freiheit
Friedrich August von Hayek

Lebensdaten

Aufzählung Geboren am 8. Mai 1899 in Wien.
Aufzählung 1927 gründete gemeinsam mit Ludwig von Mises das Österreichische Institut für Konjunkturforschung, Vorläufer des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO.
Aufzählung 1931-1950 Professor an der London School of Economics
Aufzählung 1950-1962 Lehrstuhl an der Universität Chikago.
Aufzählung Ab 1962 an der Universität Freiburg, wo er 1968 emeritierte
Aufzählung 1970-1977 unter anderem Gastprofessor an der Universität Salzburg.
Aufzählung 1974 Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (gemeinsam mit Gunnar Myrdal).
Aufzählung Gestorben am 23. März 1992 in Freiburg i. Breisgau, bestattet in Neustift.
 

Links

Aufzählung The Friedrich Hayek Scholars' Page
Aufzählung Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft
Aufzählung WIFO
Aufzählung London School of Economics and Political Science
 

Werke (Auswahl)

Aufzählung Der Weg zur Knechtschaft, 1945
Aufzählung Individualismus und wirt. Ordnung, 1952
Aufzählung Die Verfassung der Freiheit, 1960
Aufzählung Die Entnationalisierung des Geldes, 1977
Aufzählung Bibliographie I
Aufzählung Bibliographie II
Aufzählung Sekundärliteratur

Von Walter Hämmerle

Posthum wurde Friedrich August von Hayek als "Mann des Jahrhunderts geehrt. Wo? Natürlich in London. Schließlich war der angelsächsische Raum seit jeher offener für seine Ideen und seine Wertvorstellungen. Für die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher war er die "geistige Orientierung", sein großer intellektueller Widerpart John Maynard Keynes dürfte ihm zu Lebzeiten eher das Prädikat "Sozialdarwinist" verliehen haben. Ronald Reagan hat ihn als Vordenker der konservativen Bewegung in den USA bezeichnet. Von ihm gewann Franz Josef Strauß die Inspiration für die legendäre Wahlkampfdevise "Freiheit statt Sozialismus".

Der 1992 verstorbene liberale Ökonom, Sozialphilosoph und Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek polarisierte Zeit seines Lebens und darüber hinaus Gegner und Anhänger. Hayek glaubte zu wissen, wo der Feind stand. "Den Sozialisten aller Parteien" hat er sein Hauptwerk "The Road to Serfdom" (Der Weg zur Knechtschaft) gewidmet, eine Kampfschrift gegen staatliche Einmischung in den Wettbewerb. Hayek zeigte sich in seinem 1944 in den Vereinigten Staaten veröffentlichten Werk nicht nur ungnädig gegenüber jeder Form der sozialen Steuerung des Marktes. Er machte außerdem keinen Unterschied zwischen Nationalisten, Faschisten und Kommunisten: Für ihn führten sie alle unweigerlich in die Diktatur. Der Weg zur Knechtschaft sei eben vorgezeichnet, auch wenn dies gerade von linken Politikern und Funktionären nicht unbedingt beabsichtigt sei. Für Hayek war der Sozialismus intellektuell nicht einmal halb richtig, sondern ganz falsch. In Wien geboren und einer alten geadelten Industriellenfamilie entstammend, war Hayek der Tradition des klassischen Liberalismus der angelsächsischen Philosophie der Aufklärung und deren Protagonisten David Hume und Adam Smith verpflichtet. Kaum ein anderer Denker des 20. Jahrhunderts hat mehr zur ideengeschichtlichen Erforschung und systematischen Weiterentwicklung dieser Tradition beigetragen. Die thematische Spannbreite seiner Ideen umfasste Ökonomie und Psychologie, Biologie und Soziologie, Rechtswissenschaft, Geschichte, Politische Wissenschaft, Erkenntnisphilosophie und Methodologie.

Die Wirtschaft ist keine Maschine

Lässt man die Geschichte der Wirtschaftswissenschaften Revue passieren, so lässt sich - stark vereinfachend - eine ihrer wichtigen Denktraditionen als "Maschinenauffassung der Wirtschaft" bezeichnen. Sie beruht auf der Vorstellung, "die Wirtschaft" ließe sich mittels weniger Hebel und Stellschrauben in die jeweils gewünschte Richtung steuern. Für Hayek war diese Auffassung die Grundlage allen sozialistischen Denkens. Das angebliche "Chaos der Märkte" sollte hier durch eine umfassende Gesamtplanung des Wirtschaftsprozesses ersetzt werden. Hayek kämpfte Zeit seines Lebens dagegen an. Sozialismus, Demokratie und individuelle Freiheit waren für ihn unvereinbar. Mit der Formulierung dieser These sorgte Hayek, der 1931 als erster Ausländer an die London School of Economics berufen worden war, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges für einiges Aufsehen. Dem sozialistischen Gesellschaftsmodell setzte Hayek seine Konzeption einer Gesellschaft freier Menschen entgegen.

Im Mittelpunkt die Freiheit des Einzelnen

Hayeks Denken ist fest in der Tradition der "Österreichischen Schule der Nationalökonomie" nach Carl Menger, Eugen Böhm-Bawerk und Friedrich Wieser verankert. Kein Wunder, gilt doch der Nationalökonom Ludwig von Mises als sein wichtigster Lehrer und späterer Freund. Das Abrücken von der allgemeinen Gleichgewichtstheorie und der aus ihr abgeleiteten Vorstellung, dass es möglich sei, in einer Volkswirtschaft als Ganzes die vorhandenen Ressourcen optimal in die verschiedenen Verwendungsrichtungen einzuweisen, gilt als Kernpunkt des Hayekschen Schaffens. Nicht das Handeln abstrakter Einheiten wie Staat, Gesellschaft oder Wirtschaft waren die Grundlage seines Gegenentwurfs, sondern der Einzelne als Akteur.

Von diesem Ausgangspunkt aus entwickelte er eine liberale Sozialphilosophie, die die Freiheit des Einzelnen als archimedischen Punkt begreift. Seine Motivation schöpfte er aus der Sorge, dass es um das allgemeine Verständnis der zentralen Institutionen einer freien Gesellschaft, den Rechtsstaat, die liberale Demokratie und die auf Privateigentum beruhende Marktwirtschaft, schlecht bestellt sei. "Freiheit verlangt", so Hayek, "dass die Verantwortung des Einzelnen sich nur auf das erstreckt, was er beurteilen kann, dass er in seinen Handlungen nur das in Betracht ziehen muss, was innerhalb des Bereichs seiner Voraussicht liegt und vor allem, dass er nur für seine eigenen Handlungen (und die der seiner Fürsorge anvertrauten Personen) verantwortlich ist - aber nicht für die anderer, die ebenso frei sind."

Die moralischen Grundlagen der Marktwirtschaft

So wie seine Vorstellung von Freiheit ist auch Hayeks Konzeption von Marktwirtschaft und Wettbewerb nicht losgelöst von moralischen Normen und Wertvorstellungen. Im Gegenteil: "Dass die Marktwirtschaft moralische Grundlagen hat und nur mit dem funktionieren kann, was ich früher schon die Moral des Eigentums, der Ehrlichkeit und der Vertragseinhaltung bezeichnet habe, dessen sind sie (die Leute) sich nicht bewusst. Aber bis vor etwa 100 Jahren war das einfach eine gemeinsame Tradition, die niemand bezweifelt hat." Warum aber heute? Der Verfall der Moral des Marktes ist für Hayek ein langsamer schleichender Prozess: "Solange der Kleinbetrieb in Gang war, hat jeder, nicht nur der Führer des Geschäfts, sondern jeder Angestellte, die Moral des Marktes gekannt. Mit dem Großbetrieb und der Bürokratie ist ein immer größerer Teil der Gesellschaft herangewachsen, der die Moral des Marktes nie gekannt hat. Diese Leute haben damit eine traditionelle Moral verloren, und dies gerade zu der Zeit - und jetzt kommt der zweite Punkt -, in der ihnen die Philosophen sagen: 'Ihr dürft nichts glauben, was ihr nicht rational begründen könnt!'" Dieser Prozess hat für Hayek zur Zerstörung der moralischen Grundlagen der Marktwirtschaft sehr stark beigetragen.

Fatale Dynamik staatlicher Eingriffe

Hayek wandte sich gegen jede Vermischung von Plan- und Wettbewerbswirtschaft. Für ihn zieht jeder kleine Eingriff des Staates in das Marktgeschehen zwangsläufig neue und stärkere Maßnahmen nach sich. Diese Spirale führe geradezu unvermeidlich nicht nur in eine Planwirtschaft, sondern direkt in die Diktatur. "Knechtschaft" heißt für Hayek, dass die Mitglieder einer Gesellschaft keinen individuellen wirtschaftlichen Entscheidungsspielraum mehr haben. Nachdrücklich warnt er vor den totalitären Tendenzen jeglicher Form von Wohlfahrtsstaat.

Die Politik nach 1945 wählte einen anderen Weg

Natürlich wurden Hayeks Worte nach dem Zweiten Weltkrieg gehört. Allein, die Politik entschied sich für einen anderen Weg. Die Thesen seines intellektuellen Widerparts, John Maynard Keynes, erschienen den politischen Verantwortlichen die überzeugenderen Antworten auf die Frage nach dem richtigen Weg zu allgemeinem Wohlstand geben zu können. Nicht nur das Wirtschaftsmodell Ludwig Erhards hieß soziale Marktwirtschaft: Die Wettbewerbsordnung wird vom Staat festgelegt und überwacht, der sich mit seiner Politik außerdem um Stabilität in der Wirtschaft und um soziale Gerechtigkeit in der Gesellschaft bemühen sollte.

Hayek ging mit einer solchen Politik hart ins Gericht. "Mehr als zehn Jahre habe ich mich intensiv damit befasst, den Sinn des Begriffs 'soziale Gerechtigkeit' herauszufinden. Der Versuch ist gescheitert." Was es heiße, "sozial" zu sein, wisse niemand, so Hayek. "Wahr ist nur, dass eine soziale Marktwirtschaft keine Marktwirtschaft, ein sozialer Rechtsstaat kein Rechtsstaat, ein soziales Gewissen kein Gewissen, soziale Gerechtigkeit keine Gerechtigkeit - und ich fürchte auch, soziale Demokratie keine Demokratie ist."

Spät aber doch wendete sich die öffentliche Meinung zu Gunsten Hayeks. Andere Wissenschaftler schlossen sich nun seit den späten siebziger - zunächst vereinzelt, dann aber immer stärker - seiner Kritik an den seiner Ansicht nach ausufernden Aktivitäten des Staates an. Der amerikanische Ökonom Milton Friedman schrieb 1994 in der Einleitung zur Jubiläumsausgabe von Hayeks Streitschrift "Road to Serfdom": "Es ist kaum übertrieben zu sagen, dass wir auf beiden Seiten des Atlantik zwar den Individualismus und kapitalistischen Wettbewerb predigen, aber Sozialismus praktizieren." Sogar in den USA gibt es nach Einschätzung von Friedman zu viel Wohlfahrtsstaat. Freier Wettbewerb, wie Hayek ihn fordert, sei nicht möglich. Für Hayek-Freund Friedman steckt in dem Buch eine intellektuelle Kraft, die hinter wie vor dem Eisernen Vorhang den Glauben an den Kommunismus geschwächt habe.

Das Pendel schwingt heute in Hayeks Richtung

Heute lässt sich sagen, dass die liberalen Impulse von Hayeks Denken im Hinblick auf die westlichen Wohlfahrtsstaaten zu nachhaltigen politischen Folgen geführt haben. Der Umschwung in mehreren westlichen Ländern zu einer aktivierenden Sozialpolitik ist mehr als eine bloß technische Umstellung des sozialpolitischen Instrumentarismus. Denn es wird an Stelle der unbeschränkten Sozialrechte, die der Einzelne angeblich gegenüber der Allgemeinheit genießt, eine Abkehr von der bisherigen Philosophie sichtbar. Sie beruht auf der Forderung, dass jede Beanspruchung gesellschaftlicher Hilfe gleichzeitig Pflichten der Geförderten zur Eigenleistung begründet, und zwar Pflichten, die nicht länger bloß auf dem Papier stehen dürfen. Das sozialpolitische Paradigma wandelt sich.

Erschienen in der Wiener Zeitung am: 22.03.2002