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Von Walter Hämmerle
Christlichsozial geprägt, um den Ausgleich mit der
Arbeiterschaft ehrlich bemüht, nach dem Einmarsch deutscher Truppen
verhaftet und somit lebendiger Beweis für den Gründungsmythos der 2.
Republik - die "Kameradschaft der Lagerstrasse" in den KZs von Dachau und
Mauthausen.
"Der Letzte der 'Generation 1945'", so betitelte "Die
Presse" ihren Nachruf auf Felix Hurdes anlässlich seines Todes im Jahr
1974, der mit den Worten schloss: "Mit ihm ist der letzte namhafte Politiker
gestorben, der die Volkspartei aus der Illegalität unter dem Hitlerismus
in die Realität angesichts der einrückenden Roten Armee, in ein
erneuertes Österreich geführt hatte."
Jede Zeit hat ihre
Bedürfnisse. Das gilt auch und wohl ganz besonders für die
Männer und Frauen in der ersten Reihe von Macht und Politik. Für
Persönlichkeiten wie Felix Hurdes war offenbar nur für kurze Zeit
Platz und Bedarf an den Schalthebeln der Macht. Schon Anfang der 50er Jahre,
als die 2. Republik nach innen und außen Tritt gefasst hatte, waren
Männer seiner Art nicht länger an der Spitze gefragt. Die
Christlichsozialen in der Regierung der großen Koalition wurden, "durch
einen Putsch, eine Revolution in der Partei", wie der Sozialdemokrat Adolf
Schärf 1955 damals schrieb, durch Männer - Frauen waren damals noch
kein Thema, wenn es um die Neuverteilung der Macht ging - des liberalen
Flügels in der ÖVP ausgetauscht. Charaktere wie Figl und Hurdes
passten nicht länger in den nun von Julius Raab
eingeschlagenen bürgerlich-liberalen Kurs der
ÖVP.
Schärf, der Sozialist, wusste schon, weshalb er so
scharfe Worte für diese Entwicklung beim damaligen Koalitionspartner
wählte; er verlor mit Hurdes einen, der stets, auch zu Zeiten der
"Vaterländischen Front", für die Aussöhnung zwischen den beiden
großen Lagern eintrat.
Neue Zeiten verlangten noch stets nach
neuen Gesichtern mit neuen Eigenschaften - selbst damals, als von Telekratie
noch keine Rede sein konnte. Der demokratiepolitische Normalfall, ein scharfes
Profil für die eigene Gesinnungsgemeinschaft zu schaffen, rangierte nun
wieder vor der Ausnahmesituation, die zuerst nach einer Grundlage für ein
gemeinsames Staatswesen verlangte.
Ein Kind seiner
Zeit...
Die politische Sozialisation von Felix Hurdes verlief zwar
im Rahmen seiner Zeit, dem Wien der 20er und Kärnten der 30er Jahre,
jedoch fernab der damals grassierenden Leidenschaft politischer Extreme. In
Weltanschauung und Werthaltung prägte ihn zuallererst die katholische
Jugendbewegung, sodann auch der politische Katholizismus. Politisch engagierte
sich der junge Rechtsanwalt ab Mitte der 30er Jahre, zunächst als
Gemeinderat in Klagenfurt, dann als Mitglied der Kärntner Landesregierung
und Leiter des Kärntner Pressedienstes, wobei es hier des öfteren zu
Konflikten mit illegalen Nationalsozialisten kam. Die Folgen ließen nicht
lange auf sich warten: Unmittelbar nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde
Hurdes verhaftet und schließlich ins KZ Dachau deportiert.
...auch im Widerstand
Entlassen im Mai 1939 begann er,
mittlerweile in Wien als Rechtskonsulent einer Baufirma tätig, ab 1940 die
ersten Gespräche mit Gesinnungsfreunden über die Möglichkeiten,
das Erbe der Christlichsozialen zu bewahren, zu erneuern und sogar zu
erweitern. Hurdes selbst etablierte sich in dieser Zeit als Kopf des
gewerkschaftlichen Widerstandes. 1944 ereilte ihn neuerlich das Schicksal der
KZ-Haft, diesmal in Mauthausen. Zu Beginn des Jahres 1945 wurde er, gemeinsam
mit Lois Weinberger, Leopold Figl und Hans Pernter, in
das Wiener Landesgericht überstellt und bis zum 6. April dort
festgehalten. In den Akten der Geheimen Staatspolizei ist sein Delikt
festgehalten: Verhaftung aufgrund von Versuchen zur Wiedererrichtung
Österreichs - worauf in jener Zeit der Tod stand. Dass dieser ausblieb,
war dem raschen Vormarsch der sowjetischen Roten Armee auf Wien zu verdanken.
Mann der ersten Stunde
Die Tage zwischen dem 10. und dem
17. April 1945 verbrachte Hurdes im Wiener Palais Auersperg, wo sich die
verschiedenen Gruppen von O5, der österreichischen Widerstandsbewegung,
zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit versammeln konnten. Am 17. April
fand schließlich im Wiener Schottenstift die Gründungssitzung der
Österreichischen Volkspartei statt, bei der Felix Hurdes zu ihrem ersten
Generalsekretär bestimmt wurde.
Bei den Nationalratswahlen vom
November 1945 statteten die Wählerinnen und Wähler die ÖVP zwar
mit einem großen Vertrauensvorschuss, der absoluten Mehrheit, aus, was
jedoch insofern von zweitrangiger Bedeutung war, als das darniederliegende,
verelendete und besetzte Land der Zusammenarbeit aller demokratischen
Kräfte bedurfte. Hurdes, dem als Wahlkampfleiter ein großer Anteil
am Wahlerfolg der ÖVP zustand, übernahm im Dezember 1945 als Minister
das Unterrichtsressort.
Die Zeit des Wiederaufbaus nach der Katastrophe
war noch nie die Zeit von Theoretikern, stets gaben die Macher und Praktiker
realer Macht den Ton in solchen Stunden an. Das war auch im ersten Jahrzehnt
der 2. Republik nicht anders. Im übrigen hätte auch die Präsenz
von vier Besatzungsmächten auf österreichischem Boden - unter diesen
die Sowjetunion: Zeit ihrer Existenz sowie vor und nachher, einer Expansion des
eigenen Einfluss- und Machtbereichs noch selten abgeneigt - nur wenig Spielraum
für andere Überlegungen gelassen; von Hunger, Not und Elend einmal
ganz zu schweigen.
Einer, der doch auch in diesen Zeiten
grundsätzlich weltanschaulich dachte und handelte, war Felix Hurdes. Seine
gesellschaftspolitischen Vorstellungen waren in einem gewissen Sinn tief im
weltanschaulichen Denken der Zeit vor 1938 verwurzelt. Dementsprechend sah er
in der berufsständischen Organisation ein, ja "das" Fundament einer jeden
künftigen gesellschaftlichen Entwicklung. Er suchte - wie so viele vor und
fast noch mehr nach ihm - nach einer gangbaren Alternative, einem Dritten Weg,
zwischen kapitalistischem Individualismus und sozialistischem Kollektivismus.
Hurdes taufte "seinen" Dritten Weg auf den Namen "Solidarismus". Der Mensch und
seine Bedürfnisse, nicht doktrinäre ideologische Systeme sollten im
Mittelpunkt seines ideologischen Leitbegriffes stehen.
Brückenbauer nach Europa
Kaum bzw. gar nicht der
Gedankenwelt vor 1938 verpflichtet war Hurdes' Denken über Europa. Wie der
vieler seiner Zeitgenossen war auch Hurdes' Einsatz für eine
europäische Integration Resultat seiner historischen Erfahrungen mit
Totalitarismus und Nationalismus. Er war sich der Notwendigkeit einer
materiellen Grundlage für eine bessere Zukunft Europas durchaus bewusst,
erkannte aber ebenso deutlich deren Grenzen, wenn er schrieb: "Mindestens
ebenso wichtig ist eine Zusammenfassung der geistigen und kulturellen
Aufbaukräfte Europas (...). Es wird zu erweisen sein, daß Europa
immer noch eine kulturelle Einheit darstellt und damit anderen Kontinenten
etwas entgegenzusetzen hat, das mit Macht alleine nicht aufgewogen werden
kann."
Hurdes' engagierter Einsatz für eine europäische
Zusammenarbeit der christlichsozialen Parteien darf allerdings nicht
losgelöst von den Problemen Österreichs in den ersten Jahren des
Wiederaufbaus und der Besatzung gesehen werden. Es war tatsächlich eine
heikle Gratwanderung, da die damalige außenpolitische Situation des
Landes einen Verzicht auf eine eigenständige Integrationspolitik
erforderte. Die Propagierung einer starken christlichsozialen Internationale
war daher nicht zuletzt auch ein Mittel, vor dem sich abzeichnenden Kalten
Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, die Westbindung Österreichs
außer Frage zu stellen.
Theoretiker der
Zukunft...
Hurdes' Konzept für seine persönliche
Vorstellung einer ÖVP geriet rasch in die Defensive. In seinem Kopf
konzipierte er die ÖVP als Sammelpartei, in der den Bünden lediglich
die Rolle von Suborganisationen und Substrukturen zukommen hätte sollen.
Hier machte er die Rechnung allerdings ohne den Wirt: Die normativen
Kräfte des Faktischen wiesen den Bünden - entgegen dem Entwurf von
Hurdes - schließlich doch die dominante Rolle zu, und auch sein Konzept
einer nach dem Prinzip des Solidarismus ausgerichteten Sammel- und
Integrationspartei wurde bald in den Hintergrund gerückt. Die Ecken
und Kanten des Menschen und Politikers Felix Hurdes brachten es mit sich, dass
er nie die Partei geeint hinter sich wusste. Sein streng kirchlicher und
österreichischer Kurs hatte ihm stets und von Anfang an die Gegnerschaft
des liberalen und eher nationalen Flügels der Partei eingetragen. Sein
Verhältnis zu Leopold Figl litt wegen dessen Versuch einer Annäherung
an die Kommunisten im Jahre 1947 ("Figl-Fischerei"), jenes zu Julius Raab nahm
wegen dessen Kontaktaufnahme mit den ehemaligen Nationalsozialisten Schaden.
...aber kein Praktiker der Macht
Der Zeitzeuge Lujo
Toncic-Sorinj, Außenminister Österreichs von 1966 bis 1968 und von
1969 bis 1974 Generalsekretär des Europarates, sah in Hurdes nicht zuletzt
deshalb eine tragische Figur: "Er war ein großer Parteiideologe, war
Generalsekretär in einer schwierigen Zeit und leitete das
Unterrichtsministerium, was noch schwieriger war, und er hatte nicht die breite
Basis wie alle anderen. Trotzdem glaube ich, das Gedenken an Hurdes gehört
mehr gewürdigt. Er hatte später große Schwierigkeiten, fand nur
wenig Unterstützung und wurde sehr krank; das war sehr
bedauerlich."
Doch um das zu leisten, was Hurdes vollbrachte, durfte man
wahrscheinlich auch kein Pragmatiker sein: Er gehörte zu den Architekten
des österreichischen Neubeginns nach 1945, löste die ÖVP aus
einer allzu engen Umklammerung mit der Kirche und ermöglichte so ihre
Öffnung für neue, liberale Elemente, ersetzte das bis dahin
selbstverständliche Deutschtum durch ein neues Österreich-Bewusstsein
und leistete einen wesentlichen Beitrag zur Aussöhnung zwischen den beiden
großen gesellschaftspolitischen Lagern.
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