Felix Hurdes: Der Letzte der "Generation 1945"
Felix Hurdes

Lebensdaten

Aufzählung Geboren am 9. August. 1901 in Bruneck (Südtirol), Rechtsanwalt und Politiker (ÖVP).
Aufzählung 1936-1938 Landesrat von Kärnten
Aufzählung 1938-1939 und 1944-1945 in KZ-Haft
Aufzählung 1945 Mitbegründer der ÖVP
Aufzählung 1945-1951 Generalsekretär der ÖVP
Aufzählung 1945-1966 Abgeordneter zum Nationalrat
Aufzählung 1953-1959 1. Präsident. des Nationalrates
Aufzählung 1945-1952 Bundesminister für Unterricht
Aufzählung Gestorben am 12. Oktober 1974 in Wien
 

Links

Aufzählung Restoration of Austrian Universities after World War II
Aufzählung Bundeshymne
 

Von Walter Hämmerle

Christlichsozial geprägt, um den Ausgleich mit der Arbeiterschaft ehrlich bemüht, nach dem Einmarsch deutscher Truppen verhaftet und somit lebendiger Beweis für den Gründungsmythos der 2. Republik - die "Kameradschaft der Lagerstrasse" in den KZs von Dachau und Mauthausen.

"Der Letzte der 'Generation 1945'", so betitelte "Die Presse" ihren Nachruf auf Felix Hurdes anlässlich seines Todes im Jahr 1974, der mit den Worten schloss: "Mit ihm ist der letzte namhafte Politiker gestorben, der die Volkspartei aus der Illegalität unter dem Hitlerismus in die Realität angesichts der einrückenden Roten Armee, in ein erneuertes Österreich geführt hatte."

Jede Zeit hat ihre Bedürfnisse. Das gilt auch und wohl ganz besonders für die Männer und Frauen in der ersten Reihe von Macht und Politik. Für Persönlichkeiten wie Felix Hurdes war offenbar nur für kurze Zeit Platz und Bedarf an den Schalthebeln der Macht. Schon Anfang der 50er Jahre, als die 2. Republik nach innen und außen Tritt gefasst hatte, waren Männer seiner Art nicht länger an der Spitze gefragt. Die Christlichsozialen in der Regierung der großen Koalition wurden, "durch einen Putsch, eine Revolution in der Partei", wie der Sozialdemokrat Adolf Schärf 1955 damals schrieb, durch Männer - Frauen waren damals noch kein Thema, wenn es um die Neuverteilung der Macht ging - des liberalen Flügels in der ÖVP ausgetauscht. Charaktere wie Figl und Hurdes passten nicht länger in den nun von Julius Raab eingeschlagenen bürgerlich-liberalen Kurs der ÖVP.

Schärf, der Sozialist, wusste schon, weshalb er so scharfe Worte für diese Entwicklung beim damaligen Koalitionspartner wählte; er verlor mit Hurdes einen, der stets, auch zu Zeiten der "Vaterländischen Front", für die Aussöhnung zwischen den beiden großen Lagern eintrat.

Neue Zeiten verlangten noch stets nach neuen Gesichtern mit neuen Eigenschaften - selbst damals, als von Telekratie noch keine Rede sein konnte. Der demokratiepolitische Normalfall, ein scharfes Profil für die eigene Gesinnungsgemeinschaft zu schaffen, rangierte nun wieder vor der Ausnahmesituation, die zuerst nach einer Grundlage für ein gemeinsames Staatswesen verlangte.

Ein Kind seiner Zeit...

Die politische Sozialisation von Felix Hurdes verlief zwar im Rahmen seiner Zeit, dem Wien der 20er und Kärnten der 30er Jahre, jedoch fernab der damals grassierenden Leidenschaft politischer Extreme. In Weltanschauung und Werthaltung prägte ihn zuallererst die katholische Jugendbewegung, sodann auch der politische Katholizismus. Politisch engagierte sich der junge Rechtsanwalt ab Mitte der 30er Jahre, zunächst als Gemeinderat in Klagenfurt, dann als Mitglied der Kärntner Landesregierung und Leiter des Kärntner Pressedienstes, wobei es hier des öfteren zu Konflikten mit illegalen Nationalsozialisten kam. Die Folgen ließen nicht lange auf sich warten: Unmittelbar nach dem Einmarsch deutscher Truppen wurde Hurdes verhaftet und schließlich ins KZ Dachau deportiert.

...auch im Widerstand

Entlassen im Mai 1939 begann er, mittlerweile in Wien als Rechtskonsulent einer Baufirma tätig, ab 1940 die ersten Gespräche mit Gesinnungsfreunden über die Möglichkeiten, das Erbe der Christlichsozialen zu bewahren, zu erneuern und sogar zu erweitern. Hurdes selbst etablierte sich in dieser Zeit als Kopf des gewerkschaftlichen Widerstandes. 1944 ereilte ihn neuerlich das Schicksal der KZ-Haft, diesmal in Mauthausen. Zu Beginn des Jahres 1945 wurde er, gemeinsam mit Lois Weinberger, Leopold Figl und Hans Pernter, in das Wiener Landesgericht überstellt und bis zum 6. April dort festgehalten. In den Akten der Geheimen Staatspolizei ist sein Delikt festgehalten: Verhaftung aufgrund von Versuchen zur Wiedererrichtung Österreichs - worauf in jener Zeit der Tod stand. Dass dieser ausblieb, war dem raschen Vormarsch der sowjetischen Roten Armee auf Wien zu verdanken.

Mann der ersten Stunde

Die Tage zwischen dem 10. und dem 17. April 1945 verbrachte Hurdes im Wiener Palais Auersperg, wo sich die verschiedenen Gruppen von O5, der österreichischen Widerstandsbewegung, zum ersten Mal in aller Öffentlichkeit versammeln konnten. Am 17. April fand schließlich im Wiener Schottenstift die Gründungssitzung der Österreichischen Volkspartei statt, bei der Felix Hurdes zu ihrem ersten Generalsekretär bestimmt wurde.

Bei den Nationalratswahlen vom November 1945 statteten die Wählerinnen und Wähler die ÖVP zwar mit einem großen Vertrauensvorschuss, der absoluten Mehrheit, aus, was jedoch insofern von zweitrangiger Bedeutung war, als das darniederliegende, verelendete und besetzte Land der Zusammenarbeit aller demokratischen Kräfte bedurfte. Hurdes, dem als Wahlkampfleiter ein großer Anteil am Wahlerfolg der ÖVP zustand, übernahm im Dezember 1945 als Minister das Unterrichtsressort.

Die Zeit des Wiederaufbaus nach der Katastrophe war noch nie die Zeit von Theoretikern, stets gaben die Macher und Praktiker realer Macht den Ton in solchen Stunden an. Das war auch im ersten Jahrzehnt der 2. Republik nicht anders. Im übrigen hätte auch die Präsenz von vier Besatzungsmächten auf österreichischem Boden - unter diesen die Sowjetunion: Zeit ihrer Existenz sowie vor und nachher, einer Expansion des eigenen Einfluss- und Machtbereichs noch selten abgeneigt - nur wenig Spielraum für andere Überlegungen gelassen; von Hunger, Not und Elend einmal ganz zu schweigen.

Einer, der doch auch in diesen Zeiten grundsätzlich weltanschaulich dachte und handelte, war Felix Hurdes. Seine gesellschaftspolitischen Vorstellungen waren in einem gewissen Sinn tief im weltanschaulichen Denken der Zeit vor 1938 verwurzelt. Dementsprechend sah er in der berufsständischen Organisation ein, ja "das" Fundament einer jeden künftigen gesellschaftlichen Entwicklung. Er suchte - wie so viele vor und fast noch mehr nach ihm - nach einer gangbaren Alternative, einem Dritten Weg, zwischen kapitalistischem Individualismus und sozialistischem Kollektivismus. Hurdes taufte "seinen" Dritten Weg auf den Namen "Solidarismus". Der Mensch und seine Bedürfnisse, nicht doktrinäre ideologische Systeme sollten im Mittelpunkt seines ideologischen Leitbegriffes stehen.

Brückenbauer nach Europa

Kaum bzw. gar nicht der Gedankenwelt vor 1938 verpflichtet war Hurdes' Denken über Europa. Wie der vieler seiner Zeitgenossen war auch Hurdes' Einsatz für eine europäische Integration Resultat seiner historischen Erfahrungen mit Totalitarismus und Nationalismus. Er war sich der Notwendigkeit einer materiellen Grundlage für eine bessere Zukunft Europas durchaus bewusst, erkannte aber ebenso deutlich deren Grenzen, wenn er schrieb: "Mindestens ebenso wichtig ist eine Zusammenfassung der geistigen und kulturellen Aufbaukräfte Europas (...). Es wird zu erweisen sein, daß Europa immer noch eine kulturelle Einheit darstellt und damit anderen Kontinenten etwas entgegenzusetzen hat, das mit Macht alleine nicht aufgewogen werden kann."

Hurdes' engagierter Einsatz für eine europäische Zusammenarbeit der christlichsozialen Parteien darf allerdings nicht losgelöst von den Problemen Österreichs in den ersten Jahren des Wiederaufbaus und der Besatzung gesehen werden. Es war tatsächlich eine heikle Gratwanderung, da die damalige außenpolitische Situation des Landes einen Verzicht auf eine eigenständige Integrationspolitik erforderte. Die Propagierung einer starken christlichsozialen Internationale war daher nicht zuletzt auch ein Mittel, vor dem sich abzeichnenden Kalten Krieg zwischen den USA und der Sowjetunion, die Westbindung Österreichs außer Frage zu stellen.

Theoretiker der Zukunft...

Hurdes' Konzept für seine persönliche Vorstellung einer ÖVP geriet rasch in die Defensive. In seinem Kopf konzipierte er die ÖVP als Sammelpartei, in der den Bünden lediglich die Rolle von Suborganisationen und Substrukturen zukommen hätte sollen. Hier machte er die Rechnung allerdings ohne den Wirt: Die normativen Kräfte des Faktischen wiesen den Bünden - entgegen dem Entwurf von Hurdes - schließlich doch die dominante Rolle zu, und auch sein Konzept einer nach dem Prinzip des Solidarismus ausgerichteten Sammel- und Integrationspartei wurde bald in den Hintergrund gerückt.
Die Ecken und Kanten des Menschen und Politikers Felix Hurdes brachten es mit sich, dass er nie die Partei geeint hinter sich wusste. Sein streng kirchlicher und österreichischer Kurs hatte ihm stets und von Anfang an die Gegnerschaft des liberalen und eher nationalen Flügels der Partei eingetragen. Sein Verhältnis zu Leopold Figl litt wegen dessen Versuch einer Annäherung an die Kommunisten im Jahre 1947 ("Figl-Fischerei"), jenes zu Julius Raab nahm wegen dessen Kontaktaufnahme mit den ehemaligen Nationalsozialisten Schaden.

...aber kein Praktiker der Macht

Der Zeitzeuge Lujo Toncic-Sorinj, Außenminister Österreichs von 1966 bis 1968 und von 1969 bis 1974 Generalsekretär des Europarates, sah in Hurdes nicht zuletzt deshalb eine tragische Figur: "Er war ein großer Parteiideologe, war Generalsekretär in einer schwierigen Zeit und leitete das Unterrichtsministerium, was noch schwieriger war, und er hatte nicht die breite Basis wie alle anderen. Trotzdem glaube ich, das Gedenken an Hurdes gehört mehr gewürdigt. Er hatte später große Schwierigkeiten, fand nur wenig Unterstützung und wurde sehr krank; das war sehr bedauerlich."

Doch um das zu leisten, was Hurdes vollbrachte, durfte man wahrscheinlich auch kein Pragmatiker sein: Er gehörte zu den Architekten des österreichischen Neubeginns nach 1945, löste die ÖVP aus einer allzu engen Umklammerung mit der Kirche und ermöglichte so ihre Öffnung für neue, liberale Elemente, ersetzte das bis dahin selbstverständliche Deutschtum durch ein neues Österreich-Bewusstsein und leistete einen wesentlichen Beitrag zur Aussöhnung zwischen den beiden großen gesellschaftspolitischen Lagern.