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Eine der Maximen des Staatsobhauptes lautete, als Element der
Einigung und als Förderer des Gemeinsamen in der Republik zu wirken. In
Demokratie sah Kirchschläger nicht nur ein staatliches Prinzip, sondern
eine Lebensform, bei der es um Gleichheit der Menschen und um Toleranz sowie
den Respekt gegenüber Minderheiten geht. Der Mensch müsse das Ziel
jeder Politik sein, bekräftigte Kirchschläger bei sei Antrittsrede.
Tatsächlich widmete der Bundespräsident den menschlichen Problemen
der vielen Mitbürger, die sich in all den Jahren an ihn gewandt haben,
viel Zeit und Aufmerksamkeit.
Mit der Übernahme dieser
De-facto-Rolle eines "obersten Ombudsmannes" machte er ein Versprechen wahr,
das er bereits bei seinem Amtsantritt im Jahre 1974 gegeben hatte: Stets
für jedermanns Sorgen Zeit zu haben - hatte er doch selbst schon in
frühester Jugend erfahren, was Sorgen sind.
Kirchschläger
wurde am 20. März 1915 im oberösterreichischen Niederkappel als Sohn
eines Arbeiters der Papierfabrik Obermühl geboren. Der Verlust der Mutter
(1918) und des Vaters (1926) brachte dem Buben nicht nur die erste Begegnung
mit seelischen Schmerzen, sondern auch mit Geldnöten. Nach der
Bürgerschule in Steyr wurde er von seiner Stiefmutter an die Aufbauschule
in Horn geschickt, an der er 1935 die Matura mit Auszeichnung ablegte. Noch im
selben Jahr begann Kirchschläger in Wien das Jusstudium. Nebenbei ist der
Student Fensterputzer, Kohlenträger, Schneeschaufler ...
Im
Anschlußjahr 1938 muss das Studium wegen Verweigerung des Beitritts zur
NSDAP und damit Fortfall des Stipendiums unterbrochen werden. Als Bankbeamter
erhält Kirchschläger den Einberufungsbefehl. Fronturlaube nützt
er in der Folge für die Fortsetzung seines Studiums, das er 1940 mit dem
Doktorat abschloss. Noch im selben Jahr heiratet er. Seine Frau Herma hatte er
bereits aus der Gymnasialzeit gekannt. 1944 und 1947 kommen die beiden Kinder,
eine Tochter und ein Sohn, zur Welt. Zuvor schlägt jedoch das Schicksal in
Form einer schweren Kriegsverletzung zu: Kirchschläger wird am rechten
Bein von einer russischen Granate verletzt, liegt monatelang im Lazarett und
gewinnt nie mehr die volle Belastbarkeit des Beines zurück.
Nach
Kriegsende trat Kirchschläger der ÖVP bei, erklärte jedoch
bereits 1947 seinen Austritt und blieb von da an parteilos. Dies entsprach
nicht nur seinem nochmaligen Auftreten als "Mann des Ausgleichs". sondern auch
seinen persönlichen Anforderungen an das Amt des Richters, auf das er sich
seit August 1945 vorbereitete. Der Mitarbeit bei der Staatsanwaltschaft Krems
folgte 1947 die Ernennung zum Amtsleiter des Bezirksgerichts Landenlois, 1954
kommt der nunmehrige Landesgerichtsrat an das Landesgericht für
Zivilrechtssachen nach Wien. Aus dieser Zeit stammt seine Weinkennerschaft, mit
der Kirchschläger so manchen Politiker auf dem diplomatischen Parkett
verblüfft hat, wenn er Sorte, Jahrgang und Riede mit schlafwandlerischer
Sicherheit nannte.
Gelernter Diplomat
Kirchschlägers
Karriere als Diplomat beginnt im Juli 1954 mit der Aufnahme in die
Rechtsabteilung des Außenministeriums durch Prof. Dr. Stephan Verosta. Er
nahm als Mitglied der österreichischen Delegation an den
Abschlussverhandlungen für den Staatsvertrag vom Mai 1955 teil. Als
Mitautor wird er auch zu einem der Väter des Verfassungsgesetzes über
die immerwährende Neutralität Österreichs.
Die
nächsten Etappen seiner Karriere sind Leiter der
Völkerrechtsabteilung, Gesandter, stellvertretender Generalsekretär
für Auswärtige Angelegenheiten, Kabinettschef des
Außenministers. Den Höhepunkt dieser Lebensphase stellt die
Tätigkeit als Gesandter in Prag während der dramatischen Ereignisse
des August 1968 dar: trotz sowjetischer Panzer bleiben die Tore der
österreichischen Mission offen.
Eine überraschende Wende
bringt für Kirchschläger das Jahr 1970. Wahlsieger
Kreisky bietet Kirchschläger das Amt des
Außenministers an. Er sagt zu. Die Schwerpunkte seiner
Ministertätigkeit lagen im Bereich der Nachbarschaftspolitik, der
Europapolitik und der Gestaltung der Beziehungen zu den damals noch nicht
allgemein anerkannten Staaten, wie der Volksrepublik China und der
DDR.
Am 23. Juni 1974 gewinnt der einstige Richter als SP-Kandidat die
Bundespräsidentenwahl. 51,7 Prozent der Österreicher geben ihm ihre
Stimme. Das waren knapp 4 Prozent mehr, als VP-Kandidat Dr. Alois Lugger
für sich verbuchen konnte. Am 18. Mai 1980 wird er mit 80 Prozent der
Stimmen für weitere sechs Jahre als Staatsoberhaupt
wiedergewählt.
Kirchschläger, der auch als Buchautor ("Der
Friede beginnt im eigenen Haus - Gedanken über Österreich") hervor
getreten ist, hat sich als Bundespräsident immer wieder zu politischen
Grundsatzfragen zu Wort gemeldet. Sein vor dem Hintergrund der AKH-Affäre
geäußerter Appell, dass nicht nur die "Sümpfe", sondern auch
die "sauren Wiesen" trockengelegt werden müssten, ist nachgerade zu einem
geflügelten Wort in Österreich geworden.
Der erste Bürger
des Staates blieb trotz hohen Amtes ein Mann des Volkes. Erreichbar für
seine Mitbürger. Eine moralische Instanz, auch oder gerade weil
Kirchschläger es ablehnte, als "Gouvernante" der Parteien
aufzutreten.
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