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Meine Damen und Herren!
Ich darf Sie alle sehr
herzlich hier in der Hofburg begrüßen.
Der von "SOS
Mitmensch" vor einigen Jahren gestiftete "Ute-Bock-Preis für Zivilcourage"
ist bereits im Parlament und in den Rathäusern in Wien und Graz
überreicht worden. Zum ersten Mal findet der Festakt am Amtssitz des
Bundespräsidenten statt und zum ersten Mal hat der Preisträger auch
keine familiären Wurzeln in Österreich.
Ich betone das, weil
die Hofburg - wie ich meine - ein guter Ort für die heutige Veranstaltung
ist:
- Denn zum einen ist dieses Haus in erster Linie nicht der
Repräsentation verpflichtet, sondern ist ein "österreichisches Haus",
in dem der vom Volk gewählte Bundespräsident "Danke" sagen kann
im Namen der Republik, im Namen wichtiger Institutionen unseres Landes,
im eigenen Namen.
- Zum zweiten wurde von hier aus Jahrhunderte lang
europäische Geschichte gemacht: In Friedensperioden und in Kriegszeiten.
Und es hat auch einen tieferen Sinn, dass wir gerade hier über
Menschenrechte und ihre Unteilbarkeit sprechen. Es ist immerhin bemerkenswert,
dass Maria Theresia im Jahr 1776 in diesen Räumen das Ende der Folter
anordnete; und dass zehn Jahre später der große Reformer Josef II.
als erster Monarch in Europa hier das Dekret zur Abschaffung der Todesstrafe
unterzeichnete wiewohl seine Nachfolger diese wieder einführten.
- Zum dritten sind wir heute zusammengekommen, um einem
Mitbürger zu danken, der sich engagiert und mutig für Zuwanderer
eingesetzt hat. Und auch dafür mag die Hofburg ein symbolträchtiger
Ort sein. Denn wir müssen uns fragen, wie Österreich seit
Jahrhunderten aussehen würde ohne die Vitalität von Zuwanderern, ohne
den Fleiß von Flüchtlingen und ohne das Talent von Asylsuchenden.
Allein die Künstler, die hier in diesen Räumen gearbeitet haben,
kamen aus allen Winkeln Europas und haben hier einzigartige Schöpfungen
hinterlassen.
Darüber hinaus freue ich mich, mit SOS-Mitmensch hier und
heute eine Organisation begrüßen zu können, die sich nunmehr
schon seit vielen Jahren um Menschen- und Bürgerrechte sorgt, die zugleich
im Integrations- und Sozialbereich aktiv ist und ganz vorn steht im Kampf gegen
Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Ich danke jedem von Ihnen für sein
Engagement und begrüße herzlich - und stellvertretend für Sie
alle - Frau Marianne Mendt, Frau Ute Bock sowie den Generalsekretär von
Amnesty International Österreich, Dr. Patzelt.
Meine Damen und
Herren!
Wir alle wissen, dass es in unserer Gesellschaft sehr viele
Frauen und Männer - und besonders viele junge Menschen - gibt, die sich
für andere einsetzen im Bereich der Kranken- und Altenpflege, der
Behindertenfürsorge, für Obdachlose, Verfolgte, Kriegsopfer, sozial
Deklassierte. Und fast durchwegs erfolgt dieser Einsatz auf der Grundlage der
Freiwilligkeit, der Ehrenamtlichkeit. Ohne sie alle wäre unsere
Gesellschaft nicht wirklich menschlich und ich kann gar nicht oft genug ein
"Dankeschön" sagen, was Mitbürgerinnen und Mitbürger
mitten unter uns - an guten Werken für ihre Nächsten vollbringen.
Für sie alle ist "SOS-Mitmensch" ein Garant dafür, dass
Mitmenschlichkeit nicht nur im Verborgenen blüht, sondern eine Stimme hat
eine Stimme, die in Politik, Gesellschaft, Medien gehört wird und
Echo auslöst. In diesem größeren Zusammenhang sehe ich auch die
Stiftung des Ute-Bock-Preises für Zivilcourage. Wobei mir scheint, dass
heute die Verführung zunimmt, sich den herrschenden Trends anzupassen,
unauffällig zu bleiben, vielleicht auch einfach wegzuschauen, wenn man
etwas sieht, was Handeln erfordern würde.
Umso dankbarer bin ich
daher, dass "SOS Mitmensch" mit dem diesjährigen Preis für
Zivilcourage einen jungen türkisch-stämmigen Mitbürger ehrt, der
auf bittere Weise erfahren musste, wie es ist, wenn man
unrechtmäßigen Anschuldigungen ausgesetzt wird. Er musste
mühsam um seine Rehabilitierung kämpfen und wir alle freuen
uns, dass sein Kampf erfolgreich war.
Meine Damen und Herren!
Es gab eine Zeit, da glaubten viele, mit den Errungenschaften des Sozialstaates
und dem Wirken der großen Wohlfahrtsverbände hätte sich unsere
Gesellschaft endgültig von sozialen Lasten befreit; und weil wir auch eine
Phase des relativen Friedens genießen konnten, meinten viele, Kriege
wären endgültig gebannt. Jetzt sehen wir, dass beide Annahmen
vielfach Wunschdenken waren. Wir wissen, dass immer öfter Menschen Opfer
der Zeitläufe werden - und es immer mehr gibt, die durch die Maschen des
staatlichen Sozialnetzes fallen. Ebenso wird uns angesichts des Krieges im Irak
tagtäglich über den Fernsehschirm bewusst, wie labil die
internationale Politik im Hinblick auf Gewaltprävention ist: und welche
Katastrophe jetzt mit dem Elend der Verwundeten, Kranken und Flüchtlinge
auf die internationale Gemeinschaft zukommt. Auch da sind Organisationen wie
"SOS-Mitmensch" unverzichtbar als moralische Stimme und konkret
tätige Institution.
In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihr
Kommen und wünsche allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin viel
Kraft und Zivilcourage!
Anm.: Der Ute Bock-Preis für
Zivilcourage 2003 wurde Bülent Öztoplu verliehen. Die
Überreichung fand am 10. April 2003 statt. |