Ansprache anlässlich des Übergabe des Ute Bock-Preises 2003
Thomas Klestil Oktober 2002 - Bild:APA/Jaeger

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Meine Damen und Herren!

Ich darf Sie alle sehr herzlich hier in der Hofburg begrüßen.

Der von "SOS Mitmensch" vor einigen Jahren gestiftete "Ute-Bock-Preis für Zivilcourage" ist bereits im Parlament und in den Rathäusern in Wien und Graz überreicht worden. Zum ersten Mal findet der Festakt am Amtssitz des Bundespräsidenten statt und zum ersten Mal hat der Preisträger auch keine familiären Wurzeln in Österreich.

Ich betone das, weil die Hofburg - wie ich meine - ein guter Ort für die heutige Veranstaltung ist:

  • Denn zum einen ist dieses Haus in erster Linie nicht der Repräsentation verpflichtet, sondern ist ein "österreichisches Haus", in dem der vom Volk gewählte Bundespräsident "Danke" sagen kann – im Namen der Republik, im Namen wichtiger Institutionen unseres Landes, im eigenen Namen.
  • Zum zweiten wurde von hier aus Jahrhunderte lang europäische Geschichte gemacht: In Friedensperioden und in Kriegszeiten. Und es hat auch einen tieferen Sinn, dass wir gerade hier über Menschenrechte und ihre Unteilbarkeit sprechen. Es ist immerhin bemerkenswert, dass Maria Theresia im Jahr 1776 in diesen Räumen das Ende der Folter anordnete; und dass zehn Jahre später der große Reformer Josef II. als erster Monarch in Europa hier das Dekret zur Abschaffung der Todesstrafe unterzeichnete – wiewohl seine Nachfolger diese wieder einführten.
  • Zum dritten sind wir heute zusammengekommen, um einem Mitbürger zu danken, der sich engagiert und mutig für Zuwanderer eingesetzt hat. Und auch dafür mag die Hofburg ein symbolträchtiger Ort sein. Denn wir müssen uns fragen, wie Österreich seit Jahrhunderten aussehen würde ohne die Vitalität von Zuwanderern, ohne den Fleiß von Flüchtlingen und ohne das Talent von Asylsuchenden. Allein die Künstler, die hier in diesen Räumen gearbeitet haben, kamen aus allen Winkeln Europas und haben hier einzigartige Schöpfungen hinterlassen.

Darüber hinaus freue ich mich, mit SOS-Mitmensch hier und heute eine Organisation begrüßen zu können, die sich nunmehr schon seit vielen Jahren um Menschen- und Bürgerrechte sorgt, die zugleich im Integrations- und Sozialbereich aktiv ist und ganz vorn steht im Kampf gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Ich danke jedem von Ihnen für sein Engagement und begrüße herzlich - und stellvertretend für Sie alle - Frau Marianne Mendt, Frau Ute Bock sowie den Generalsekretär von Amnesty International Österreich, Dr. Patzelt.

Meine Damen und Herren!

Wir alle wissen, dass es in unserer Gesellschaft sehr viele Frauen und Männer - und besonders viele junge Menschen - gibt, die sich für andere einsetzen – im Bereich der Kranken- und Altenpflege, der Behindertenfürsorge, für Obdachlose, Verfolgte, Kriegsopfer, sozial Deklassierte. Und fast durchwegs erfolgt dieser Einsatz auf der Grundlage der Freiwilligkeit, der Ehrenamtlichkeit. Ohne sie alle wäre unsere Gesellschaft nicht wirklich menschlich und ich kann gar nicht oft genug ein "Dankeschön" sagen, was Mitbürgerinnen und Mitbürger – mitten unter uns - an guten Werken für ihre Nächsten vollbringen. Für sie alle ist "SOS-Mitmensch" ein Garant dafür, dass Mitmenschlichkeit nicht nur im Verborgenen blüht, sondern eine Stimme hat – eine Stimme, die in Politik, Gesellschaft, Medien gehört wird und Echo auslöst. In diesem größeren Zusammenhang sehe ich auch die Stiftung des Ute-Bock-Preises für Zivilcourage. Wobei mir scheint, dass heute die Verführung zunimmt, sich den herrschenden Trends anzupassen, unauffällig zu bleiben, vielleicht auch einfach wegzuschauen, wenn man etwas sieht, was Handeln erfordern würde.

Umso dankbarer bin ich daher, dass "SOS Mitmensch" mit dem diesjährigen Preis für Zivilcourage einen jungen türkisch-stämmigen Mitbürger ehrt, der auf bittere Weise erfahren musste, wie es ist, wenn man unrechtmäßigen Anschuldigungen ausgesetzt wird. Er musste mühsam um seine Rehabilitierung kämpfen – und wir alle freuen uns, dass sein Kampf erfolgreich war.

Meine Damen und Herren!

Es gab eine Zeit, da glaubten viele, mit den Errungenschaften des Sozialstaates und dem Wirken der großen Wohlfahrtsverbände hätte sich unsere Gesellschaft endgültig von sozialen Lasten befreit; und weil wir auch eine Phase des relativen Friedens genießen konnten, meinten viele, Kriege wären endgültig gebannt. Jetzt sehen wir, dass beide Annahmen vielfach Wunschdenken waren. Wir wissen, dass immer öfter Menschen Opfer der Zeitläufe werden - und es immer mehr gibt, die durch die Maschen des staatlichen Sozialnetzes fallen. Ebenso wird uns angesichts des Krieges im Irak tagtäglich über den Fernsehschirm bewusst, wie labil die internationale Politik im Hinblick auf Gewaltprävention ist: und welche Katastrophe jetzt mit dem Elend der Verwundeten, Kranken und Flüchtlinge auf die internationale Gemeinschaft zukommt. Auch da sind Organisationen wie "SOS-Mitmensch" unverzichtbar – als moralische Stimme und konkret tätige Institution.

In diesem Sinne danke ich Ihnen für Ihr Kommen und wünsche allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern weiterhin viel Kraft und Zivilcourage!

Anm.: Der Ute Bock-Preis für Zivilcourage 2003 wurde Bülent Öztoplu verliehen. Die Überreichung fand am 10. April 2003 statt.

Verweis Österreichs Kanzler und Präsidenten