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Herr Präsident des Staates Israel, Herr Präsident
der Knesset, Sehr geehrte Mitglieder der Regierung und des Parlaments,
Meine Damen und Herren!
Es ist schwer, die Gefühle dieses
Augenblicks zu beschreiben:
- Ich stehe heute vor Ihnen als der erste
Präsident der Republik Österreich, der je den Staat Israel besuchte.
Und es sind auf den Tag genau 125 Jahre vergangen, seit Kaiser Franz Joseph,
damals als "König von Jerusalem", die heiligen Stätten der Juden, der
Christen und des Islam besuchte.
- Ich stehe vor Ihnen als
Repräsentant des österreichischen Volkes, das auf so schicksalhafte
Weise mit der Größe, aber auch mit der Verzweiflung des
jüdischen Volkes verbunden ist und verbunden bleibt.
- Ich stehe
vor Ihnen als ein Freund Israels, der nicht nur die Last der Geschichte kennt,
sondern auch an die Chance für die Zukunft und an die Wiederentdeckung des
Gemeinsamen glaubt.
- Ich stehe hier in der Knesseth, der Herzkammer
der israelischen Demokratie, in der zu meiner Rechten der Wiener Theodor Herzl,
der geistige Vater des Staates Israel, auf uns blickt, in der aber auch in
Stunden großer Entfremdung die Fahne meines Heimatlandes Österreich
zerrissen wurde.
Tief berührt von dieser so schwer
erklärbaren Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne unserer Beziehungen
bin ich der Einladung Ihres Herrn Staatspräsidenten mit Freude,
Dankbarkeit und großen Erwartungen gefolgt.
Heute - kurz vor dem
Abschluss dieses Besuchs - stehen meine Delegation und ich noch ganz unter dem
Eindruck des zuletzt hier Erlebten. Ich betrachte die Gelegenheit, hier vor
Ihnen, den gewählten Vertretern des israelischen Volkes, sprechen zu
können, als einen besonderen Höhepunkt meiner Reise.
Viel,
zu viel, ist geschehen, um in dieser Stunde nur festlich gestimmt zu
sein.
Aber zu hoffnungsvoll und freundschaftlich waren die vielen
Begegnungen und die guten Gespräche der vergangenen Tage, um sich heute
ganz vom Dunkel der Geschichte gefangennehmen zu lassen.
Österreich ist und bleibt für alle Zeit ein Schicksalsland des
jüdischen Volkes:
Auf österreichischem Boden ist
jüdisches Denken, jüdische Kultur und jüdische Identität
einst zu einer beispiellosen Blüte gelangt - und hat viel
Unverwechselbares und Unverzichtbares zur Entwicklung Österreichs und zur
Identität eines Großraums beigetragen, der weit über die
Grenzen der heutigen Republik hinausreicht.
Von Österreich aus
wuchs vor bald hundert Jahren aber auch der Traum vom jüdischen Staat. Er
wurde unbezwingbar, als die jüdischen Gemeinden auch in Österreich
und durch Österreicher in die Tiefe ihrer furchtbarsten Tragödie
gerieten.
Es gibt keine Kollektivschuld eines Volkes - das weiß
gerade das jüdische Volk, das wie kein anderes unter pauschalen
Schuldzuweisungen zu leiden hatte. Aber es gibt sehr wohl ein schweres Erbe der
Geschichte, zu dem auch wir Österreicher uns bekennen müssen.
Ich meine: wer von Österreich und Israel spricht - wer wirklich begreifen
will, was damals passiert ist und was in Hinkunft geschehen muss, damit der
Ungeist nie wieder Raum gewinnt -, der darf sich die Begegnung mit der
historischen Wahrheit - der ganzen Wahrheit - nicht ersparen.
Diese
Wahrheit ist kompliziert - denn die Frontlinie zwischen den Tätern und
Opfern lief damals mitten durch das Volk, mitten durch Familien, ja manchmal
sogar durch ein und dasselbe Herz. Auf diesem Nährboden der Verstrickung
zwischen Verlockung und Zwang kam es damals zur jüdischen Tragödie in
Österreich. Auf diesem Nährboden ist später aber auch jene
Verdrängung gewachsen, die in Österreich die Aufarbeitung der
Geschichte verzögert und den offenen, vertrauensvollen Dialog zwischen
unseren beiden Völkern belastet hat.
Heute wissen wir
Österreicher, dass das Eingeständnis der vollen Wahrheit zu lange auf
sich warten ließ:
- Wir wissen, dass wir zu oft nur davon
gesprochen haben, dass Österreich damals als erster Staat seine Freiheit
und Unabhängigkeit an den Nationalsozialismus verlor - aber viel zu selten
auch darüber, dass manche der ärgsten Schergen der NS-Diktatur
Österreicher waren. Kein Wort der Entschuldigung könnte je den
Schmerz über den Holocaust aus dem Gedächtnis löschen - namens
der Republik Österreich verbeuge ich mich aber in tiefer Betroffenheit vor
den Opfern von damals.
- Wir wissen, dass wir lange Zeit nicht genug
und auch nicht immer das Richtige getan haben, um das Los der Überlebenden
der jüdischen Tragödie und der Nachkommen der Opfer zu
lindern.
- Und dass wir es viel zu lange verabsäumt haben, uns zu
jenen jüdischen Österreichern zu bekennen, die damals das Land
erniedrigt und verbittert verlassen mussten.
Als Bundespräsident
und als Bürger Österreichs möchte ich heute all jenen
jüdischen Mitbürgern von einst die Hand entgegenstrecken, die hier in
Israel, aber auch in anderen Ländern der Welt Zuflucht gefunden haben -
und die so lange vergeblich auf den Ruf aus der alte Heimat gewartet haben
mögen. Ihnen allen danke ich aber zugleich auch, dass sie - trotz allem -
ein Stück Österreich in ihrem Herzen bewahrt haben.
Ich habe
aus meinen Jahren als Botschafter Österreichs in den Vereinigten Staaten
eine wichtige Erfahrung mitgenommen, die manche leidenschaftliche
Österreich-Diskussion der vergangenen Jahre in ein neues Licht taucht.
Denn das Geheimnis der antagonistischen Gefühle vieler Emigranten
gegenüber Österreich ist die tief eingewurzelte, unzerstörbare
Liebe - ist die tiefe und bittere Sehnsucht nach diesem Österreich, die
von uns so lange nicht erkannt und nicht beantwortet worden ist.
Meine
Damen und Herren!
Nach allem, was geschehen ist, sind wir
Österreicher nicht befugt, Versöhnung zu reklamieren. Unser Handeln
lebt von der Erinnerung, von der Erkenntnis - und von der Hoffnung.
Die
Geschichte hat uns Österreichern viele Lehren erteilt - meist um den Preis
furchtbarer Opfer.
Der Preis des Nationalismus waren Krieg und
Fremdenhass.
Der Preis der Diktatur waren Unrecht und
Unfreiheit.
Der Preis der Intoleranz waren Rassismus und
Massenmord.
Heute, ein halbes Jahrhundert später, stehe ich als
Repräsentant eines neuen Österreich vor ihnen, das nichts mehr mit
jenem schwachen, an seiner Lebensfähigkeit und seiner Aufgabe zweifelnden
Land von damals zu tun hat. In den Konzentrationslagern und Gefängnissen
der Hitler-Diktatur haben die Väter der Zweiten Republik zueinander
gefunden, um die Antithese zum Nazismus zu verwirklichen.
Österreich ist längst eine Republik mit einer stabilen Demokratie und
einer pluralistischen Gesellschaft, mit einer starken Wirtschaft und einem
hohen Maß an sozialer Gerechtigkeit.
Millionen Flüchtlinge
aus Osteuropa und hunderttausende Juden aus der früheren Sowjetunion haben
dieses Österreich als einen Wachturm der Freiheit und als Vorkämpfer
für Humanität und Menschenrechte kennengelernt. Auch die wachsende
jüdische Gemeinde in Österreich zeigt, dass über alle Erinnerung
und allen Argwohn hinweg ein neues Vertrauen und eine neue Geborgenheit im
Entstehen ist.
Prominente jüdische Mitbürger, die mich auf
dieser Reise zu Ihnen begleitet haben - unter Ihnen auch Simon Wiesenthal -
sind ja längst weit über Österreich hinaus vielbeachtete und
unerschrockene Mahner, wenn es um Solidarisierung und Toleranz, um die Kultur
des Zusammenlebens, um Verständnis und Empfindsamkeit im Umgang mit
Randgruppen und Minderheiten geht. Auch ihm und seinen Mitstreitern möchte
ich bei dieser Gelegenheit für ihre unbeugsame Aufrichtigkeit meinen
besonderen Dank aussprechen.
Der Kampf gegen den Ungeist ist nie
endgültig gewonnen. Gerade die Europäer haben in den vergangenen
Jahren erkennen müssen, wie bestürzend brisant jedes unaufgearbeitete
Stück Vergangenheit ist - und wie schnell übersteigerter
Nationalismus und Intoleranz auch heute noch zum Ausbruch offener Gewalt
führen können.
Umso mehr freue ich mich, dass die
österreichische Bevölkerung in diesem Sommer mit ihrem
eindrucksvollen Ja zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union ganz auf
Öffnung und Internationalisierung gesetzt hat. Ich sehe in diesem Votum
auch eine klare Verpflichtung: Es darf in Österreich kein Platz mehr sein
für Nationalismus und Radikalismus, für geistige Enge und Intoleranz.
Wir müssen künftig Vorkämpfer und möglichst auch
Vorbild einer neuen europäische Nachbarschaft sein, die ihre Kraft aus dem
Reichtum und aus der Vielfalt der Kulturen, der Nationalitäten und der
Religionen schöpft.
Meine Damen und Herren!
Unsere beiden
Länder liegen in Regionen, die eben jetzt durch einen Prozess des
fundamentalen Wandels gehen. Praktisch gleichzeitig hat sich für Israel
und Österreich, die jahrzehntelang an die Peripherie gedrängt waren,
der Blick über so lange versperrte Grenzen, über Minenfelder und
Stachdrahtverhaue hinweg zum Nachbarn geöffnet.
Es ist eine Zeit
historischer Chancen, aber auch eine Zeit des Verlustes lange gültiger
Sicherheiten. Die Urgewalt, mit der zuletzt das Eis der politischen Erstarrung
aufgebrochen ist, hat bei manchen unserer Mitbürger das Gefühl der
Angst und der Ratlosigkeit ausgelöst - das gilt für Österreich,
es gilt aber wohl auch für Israel.
Wir wissen, wie leicht, aber
auch wie verhängnisvoll gerade in dieser verwirrenden Phase des
Übergangs der Rückgriff auf alte Stereotypen und Feindbilder ist -
und wie mühselig und dornenvoll es ist, Brücken des Vertrauens und
der Mitmenschlichkeit zu bauen. Worte können töten und Worte
können heilen. Wir können die Angst und die Intoleranz ebenso
herbeireden wie die Solidarität und Versöhnung. Auch das ist eine
Erfahrung, die unsere Länder miteinander teilen und die nicht in
Vergessenheit geraten darf.
Wir Österreicher sind - nicht zuletzt
aus der Erinnerung an die Entsetzlichkeit des jüdischen Schicksals - immer
zu Israel gestanden, wenn es bedroht und in seiner Existenz gefährdet war.
Es war das Bild von David und Goliath, das sich tief in unser Gedächtnis
eingeprägt hat. Wir haben zuletzt mit großer
Freude und
Erleichterung miterlebt, wie die Feinde begannen, sich die Hände zu
reichen. Und wir sind glücklich darüber, dass Israel und seine
arabischen Nachbarn, die alle den Tod im Kampf gegeneinander in so
erschreckendem Ausmaß kennenlernen mussten, jetzt miteinander "den Weg
des Lebens" gehen wollen. Wir beten darum, dass David möglichst rasch die
Schleuder aus der Hand legen und wieder zur Harfe greifen kann.
Lassen
Sie mich hier noch eine sehr persönliche Bemerkung hinzufügen. Mein
eigener Berufsweg hat mich viele Jahre an die Seite eines großen
Österreichers gestellt, der sich - aus dem eigenen Erlebnis der
jüdischen Tragödie und aus der Weitsicht eines Staatsmannes -
früher und intensiver als andere um die Aussöhnung im Mittleren Osten
bemüht hat: Bruno Kreisky. Ich bin geprägt von seinen Visionen und
freue mich, dass nun gerade jene arabischen Staatsmänner, denen er
Vertrauen und Freundschaft entgegengebracht hat, dem Staat Israel die Hand zum
Frieden reichen. Ich weiß, wie vielen Missverständnissen und
Widerständen Kreisky aufgrund seiner Haltung ausgesetzt war - und wohl
auch ausgesetzt sein musste. Dennoch: sein Geist und sein Wille waren immer mit
dabei - auch auf dem Rasen vor dem Weißen Haus und zuletzt in der
Wüste Arava.
Ich gratuliere Israel und allen Vätern des
Friedens-Dialogs zu ihrem Mut. Es muss ein Frieden in Sicherheit sein -
für Israel und für seine Nachbarn. Und es muss ein Frieden in
Gerechtigkeit sein - für Israel und für seine Nachbarn.
"Gerechtigkeit und Frieden küssen einander", heißt es schon in der
Bibel. Auf Ihnen, den Mitgliedern der Knesseth, lastet jetzt die große
historische Verantwortung, den erzielten Verhandlungsfrieden zur politischen
Wirklichkeit werden zu lassen - unbeeindruckt vom Widerstand und vom Terror all
jener, die Frieden und Gerechtigkeit fürchten.
Ich glaube fest
daran, dass die historischen Veränderungen im Nahen Osten und in Europa
unumstößlich sind. Und ich bin überzeugt, dass die Integration
unserer beiden Länder in ihren Regionen ganz neue, noch nie gekannte und
noch gar nicht absehbare Möglichkeiten eröffnet. Das Potential
Israels, weit über die eigenen Grenzen hinaus seinen Beitrag zu einer
neuen Friedens- und Wohlstandsregion zu leisten, ist unbestritten.
Ich
freue mich, dass auch die Europäische Union schon jetzt darum bemüht
ist, näher als bisher an die Staaten des Mittleren Ostens
heranzurücken und eine noch stärkere Kooperation mit Israel zu
vereinbaren. Als Mitglied der EU wird sich Österreich in besonderer Weise
um die Intensivierung der wirtschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit
bemühen.
Ich bin aber auch überzeugt, dass Israel und
Österreich noch mehr als bisher die Chancen einer Partnerschaft auf den
Märkten der jungen Demokratien in Zentraleuropa nützen sollten. Und
dass auch der Friedensprozess im Mittleren Osten eine Fülle von neuen
Möglichkeiten der engen Kooperation zwischen unseren beiden Ländern
bieten wird.
Die große Anzahl von Vertretern der
österreichischen Wissenschaft und Bildung, der Wirtschaft und Industrie,
die mich auf diesem Besuch in Ihr Land begleitet haben, sind deshalb ein
ermutigendes Zeichen. Ein Zeichen des Glaubens in die Dauerhaftigkeit des
Friedensprozesses - aber auch ein Signal für eine weit stärkere
künftige Gemeinsamkeit zwischen unseren beiden Ländern in allen
Bereichen unseres Lebens.
Ich kenne keinen Grund, warum Israel und
Österreich in Zukunft nicht noch weit mehr als bisher zusammenwirken
sollten. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns im Wissen um die
Vergangenheit der Zukunft stellen - und dass wir noch intensiver an stabilen
menschlichen Brücken bauen, die uns dauerhaft zusammenführen.
Im vergangenen Jahr wurde in Wien ein großartiges jüdisches
Museum eröffnet, das Besucher aus allen Teilen Österreichs und der
Welt anzieht. Ich freue mich darüber, meine aber: wir brauchen nicht nur
Museen zur Dokumentation einer versunkenen großen Vergangenheit, sondern
vor allem wieder eine ganz selbstverständliche, lebendige Gegenwart des
Miteinander.
Wir haben in diesem Sommer junge Israelis und
Palästinenser, junge Jordanier und Ägypter zu einem Friedensdialog
mit der österreichischen Jugend nach Wien geladen. Über dieser
Begegnung stand nicht nur die Hoffnung, dass es der jungen Generation besser
gelingen möge, die Barrieren der Unkenntnis, der falschen Vermutungen und
der Ängste zu überwinden. Was sie versuchten, war die Verwirklichung
genau jenes großen Ziels, das auch im Mittelpunkt des kommenden
Religions-Trialogs von Judentum, Christentum und Islam in Wien steht. Es
heißt letztlich: "Lasst uns in all unserer Verschiedenheit einig sein -
und in unserer Gemeinsamkeit wir selbst bleiben."
Ich bin
glücklich, dass mich meine jungen österreichischen Landsleute, die am
Friedensdialog teilgenommen haben, auch hierher nach Jerusalem begleiten
konnten - und dass sie heute - mit ihren neuen Freunden aus Israel - unter uns
sind.
In ihrem kleinen, überschaubaren Kreis ist das bereits
gelungen, was uns allen als Aufgabe übertragen ist - nämlich die
Wiederentdeckung der gemeinsamen Wurzeln, die Verwirklichung gemeinsamer
Interessen und die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft. Ich hoffe, dass auch
dieser erste Staatsbesuch ein Beitrag zu diesem großen Ziel sein kann.
Shalom to the people of Israel - Shalom to all of You! |