Ansprache vor der Knesset in Jerusalem am 15. November 1994
Thomas Klestil bei seiner Rede im israelischen Parlament , der Knesset, am  15. November 1994

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Herr Präsident des Staates Israel,
Herr Präsident der Knesset,
Sehr geehrte Mitglieder der Regierung und des Parlaments,
Meine Damen und Herren!

Es ist schwer, die Gefühle dieses Augenblicks zu beschreiben:

- Ich stehe heute vor Ihnen als der erste Präsident der Republik Österreich, der je den Staat Israel besuchte. Und es sind auf den Tag genau 125 Jahre vergangen, seit Kaiser Franz Joseph, damals als "König von Jerusalem", die heiligen Stätten der Juden, der Christen und des Islam besuchte.

- Ich stehe vor Ihnen als Repräsentant des österreichischen Volkes, das auf so schicksalhafte Weise mit der Größe, aber auch mit der Verzweiflung des jüdischen Volkes verbunden ist und verbunden bleibt.

- Ich stehe vor Ihnen als ein Freund Israels, der nicht nur die Last der Geschichte kennt, sondern auch an die Chance für die Zukunft und an die Wiederentdeckung des Gemeinsamen glaubt.

- Ich stehe hier in der Knesseth, der Herzkammer der israelischen Demokratie, in der zu meiner Rechten der Wiener Theodor Herzl, der geistige Vater des Staates Israel, auf uns blickt, in der aber auch in Stunden großer Entfremdung die Fahne meines Heimatlandes Österreich zerrissen wurde.

Tief berührt von dieser so schwer erklärbaren Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne unserer Beziehungen bin ich der Einladung Ihres Herrn Staatspräsidenten mit Freude, Dankbarkeit und großen Erwartungen gefolgt.

Heute - kurz vor dem Abschluss dieses Besuchs - stehen meine Delegation und ich noch ganz unter dem Eindruck des zuletzt hier Erlebten. Ich betrachte die Gelegenheit, hier vor Ihnen, den gewählten Vertretern des israelischen Volkes, sprechen zu können, als einen besonderen Höhepunkt meiner Reise.

Viel, zu viel, ist geschehen, um in dieser Stunde nur festlich gestimmt zu sein.

Aber zu hoffnungsvoll und freundschaftlich waren die vielen Begegnungen und die guten Gespräche der vergangenen Tage, um sich heute ganz vom Dunkel der Geschichte gefangennehmen zu lassen.

Österreich ist und bleibt für alle Zeit ein Schicksalsland des jüdischen Volkes:

Auf österreichischem Boden ist jüdisches Denken, jüdische Kultur und jüdische Identität einst zu einer beispiellosen Blüte gelangt - und hat viel Unverwechselbares und Unverzichtbares zur Entwicklung Österreichs und zur Identität eines Großraums beigetragen, der weit über die Grenzen der heutigen Republik hinausreicht.

Von Österreich aus wuchs vor bald hundert Jahren aber auch der Traum vom jüdischen Staat. Er wurde unbezwingbar, als die jüdischen Gemeinden auch in Österreich und durch Österreicher in die Tiefe ihrer furchtbarsten Tragödie gerieten.

Es gibt keine Kollektivschuld eines Volkes - das weiß gerade das jüdische Volk, das wie kein anderes unter pauschalen Schuldzuweisungen zu leiden hatte. Aber es gibt sehr wohl ein schweres Erbe der Geschichte, zu dem auch wir Österreicher uns bekennen müssen.

Ich meine: wer von Österreich und Israel spricht - wer wirklich begreifen will, was damals passiert ist und was in Hinkunft geschehen muss, damit der Ungeist nie wieder Raum gewinnt -, der darf sich die Begegnung mit der historischen Wahrheit - der ganzen Wahrheit - nicht ersparen.

Diese Wahrheit ist kompliziert - denn die Frontlinie zwischen den Tätern und Opfern lief damals mitten durch das Volk, mitten durch Familien, ja manchmal sogar durch ein und dasselbe Herz. Auf diesem Nährboden der Verstrickung zwischen Verlockung und Zwang kam es damals zur jüdischen Tragödie in Österreich. Auf diesem Nährboden ist später aber auch jene Verdrängung gewachsen, die in Österreich die Aufarbeitung der Geschichte verzögert und den offenen, vertrauensvollen Dialog zwischen unseren beiden Völkern belastet hat.

Heute wissen wir Österreicher, dass das Eingeständnis der vollen Wahrheit zu lange auf sich warten ließ:

- Wir wissen, dass wir zu oft nur davon gesprochen haben, dass Österreich damals als erster Staat seine Freiheit und Unabhängigkeit an den Nationalsozialismus verlor - aber viel zu selten auch darüber, dass manche der ärgsten Schergen der NS-Diktatur Österreicher waren. Kein Wort der Entschuldigung könnte je den Schmerz über den Holocaust aus dem Gedächtnis löschen - namens der Republik Österreich verbeuge ich mich aber in tiefer Betroffenheit vor den Opfern von damals.

- Wir wissen, dass wir lange Zeit nicht genug und auch nicht immer das Richtige getan haben, um das Los der Überlebenden der jüdischen Tragödie und der Nachkommen der Opfer zu lindern.

- Und dass wir es viel zu lange verabsäumt haben, uns zu jenen jüdischen Österreichern zu bekennen, die damals das Land erniedrigt und verbittert verlassen mussten.

Als Bundespräsident und als Bürger Österreichs möchte ich heute all jenen jüdischen Mitbürgern von einst die Hand entgegenstrecken, die hier in Israel, aber auch in anderen Ländern der Welt Zuflucht gefunden haben - und die so lange vergeblich auf den Ruf aus der alte Heimat gewartet haben mögen. Ihnen allen danke ich aber zugleich auch, dass sie - trotz allem - ein Stück Österreich in ihrem Herzen bewahrt haben.

Ich habe aus meinen Jahren als Botschafter Österreichs in den Vereinigten Staaten eine wichtige Erfahrung mitgenommen, die manche leidenschaftliche Österreich-Diskussion der vergangenen Jahre in ein neues Licht taucht. Denn das Geheimnis der antagonistischen Gefühle vieler Emigranten gegenüber Österreich ist die tief eingewurzelte, unzerstörbare Liebe - ist die tiefe und bittere Sehnsucht nach diesem Österreich, die von uns so lange nicht erkannt und nicht beantwortet worden ist.

Meine Damen und Herren!

Nach allem, was geschehen ist, sind wir Österreicher nicht befugt, Versöhnung zu reklamieren. Unser Handeln lebt von der Erinnerung, von der Erkenntnis - und von der Hoffnung.

Die Geschichte hat uns Österreichern viele Lehren erteilt - meist um den Preis furchtbarer Opfer.

Der Preis des Nationalismus waren Krieg und Fremdenhass.

Der Preis der Diktatur waren Unrecht und Unfreiheit.

Der Preis der Intoleranz waren Rassismus und Massenmord.

Heute, ein halbes Jahrhundert später, stehe ich als Repräsentant eines neuen Österreich vor ihnen, das nichts mehr mit jenem schwachen, an seiner Lebensfähigkeit und seiner Aufgabe zweifelnden Land von damals zu tun hat. In den Konzentrationslagern und Gefängnissen der Hitler-Diktatur haben die Väter der Zweiten Republik zueinander gefunden, um die Antithese zum Nazismus zu verwirklichen.

Österreich ist längst eine Republik mit einer stabilen Demokratie und einer pluralistischen Gesellschaft, mit einer starken Wirtschaft und einem hohen Maß an sozialer Gerechtigkeit.

Millionen Flüchtlinge aus Osteuropa und hunderttausende Juden aus der früheren Sowjetunion haben dieses Österreich als einen Wachturm der Freiheit und als Vorkämpfer für Humanität und Menschenrechte kennengelernt. Auch die wachsende jüdische Gemeinde in Österreich zeigt, dass über alle Erinnerung und allen Argwohn hinweg ein neues Vertrauen und eine neue Geborgenheit im Entstehen ist.

Prominente jüdische Mitbürger, die mich auf dieser Reise zu Ihnen begleitet haben - unter Ihnen auch Simon Wiesenthal - sind ja längst weit über Österreich hinaus vielbeachtete und unerschrockene Mahner, wenn es um Solidarisierung und Toleranz, um die Kultur des Zusammenlebens, um Verständnis und Empfindsamkeit im Umgang mit Randgruppen und Minderheiten geht. Auch ihm und seinen Mitstreitern möchte ich bei dieser Gelegenheit für ihre unbeugsame Aufrichtigkeit meinen besonderen Dank aussprechen.

Der Kampf gegen den Ungeist ist nie endgültig gewonnen. Gerade die Europäer haben in den vergangenen Jahren erkennen müssen, wie bestürzend brisant jedes unaufgearbeitete Stück Vergangenheit ist - und wie schnell übersteigerter Nationalismus und Intoleranz auch heute noch zum Ausbruch offener Gewalt führen können.

Umso mehr freue ich mich, dass die österreichische Bevölkerung in diesem Sommer mit ihrem eindrucksvollen Ja zur Mitgliedschaft in der Europäischen Union ganz auf Öffnung und Internationalisierung gesetzt hat. Ich sehe in diesem Votum auch eine klare Verpflichtung: Es darf in Österreich kein Platz mehr sein für Nationalismus und Radikalismus, für geistige Enge und Intoleranz.

Wir müssen künftig Vorkämpfer und möglichst auch Vorbild einer neuen europäische Nachbarschaft sein, die ihre Kraft aus dem Reichtum und aus der Vielfalt der Kulturen, der Nationalitäten und der Religionen schöpft.

Meine Damen und Herren!

Unsere beiden Länder liegen in Regionen, die eben jetzt durch einen Prozess des fundamentalen Wandels gehen. Praktisch gleichzeitig hat sich für Israel und Österreich, die jahrzehntelang an die Peripherie gedrängt waren, der Blick über so lange versperrte Grenzen, über Minenfelder und Stachdrahtverhaue hinweg zum Nachbarn geöffnet.

Es ist eine Zeit historischer Chancen, aber auch eine Zeit des Verlustes lange gültiger Sicherheiten. Die Urgewalt, mit der zuletzt das Eis der politischen Erstarrung aufgebrochen ist, hat bei manchen unserer Mitbürger das Gefühl der Angst und der Ratlosigkeit ausgelöst - das gilt für Österreich, es gilt aber wohl auch für Israel.

Wir wissen, wie leicht, aber auch wie verhängnisvoll gerade in dieser verwirrenden Phase des Übergangs der Rückgriff auf alte Stereotypen und Feindbilder ist - und wie mühselig und dornenvoll es ist, Brücken des Vertrauens und der Mitmenschlichkeit zu bauen. Worte können töten und Worte können heilen. Wir können die Angst und die Intoleranz ebenso herbeireden wie die Solidarität und Versöhnung. Auch das ist eine Erfahrung, die unsere Länder miteinander teilen und die nicht in Vergessenheit geraten darf.

Wir Österreicher sind - nicht zuletzt aus der Erinnerung an die Entsetzlichkeit des jüdischen Schicksals - immer zu Israel gestanden, wenn es bedroht und in seiner Existenz gefährdet war. Es war das Bild von David und Goliath, das sich tief in unser Gedächtnis eingeprägt hat. Wir haben zuletzt mit großer

Freude und Erleichterung miterlebt, wie die Feinde begannen, sich die Hände zu reichen. Und wir sind glücklich darüber, dass Israel und seine arabischen Nachbarn, die alle den Tod im Kampf gegeneinander in so erschreckendem Ausmaß kennenlernen mussten, jetzt miteinander "den Weg des Lebens" gehen wollen. Wir beten darum, dass David möglichst rasch die Schleuder aus der Hand legen und wieder zur Harfe greifen kann.

Lassen Sie mich hier noch eine sehr persönliche Bemerkung hinzufügen. Mein eigener Berufsweg hat mich viele Jahre an die Seite eines großen Österreichers gestellt, der sich - aus dem eigenen Erlebnis der jüdischen Tragödie und aus der Weitsicht eines Staatsmannes - früher und intensiver als andere um die Aussöhnung im Mittleren Osten bemüht hat: Bruno Kreisky. Ich bin geprägt von seinen Visionen und freue mich, dass nun gerade jene arabischen Staatsmänner, denen er Vertrauen und Freundschaft entgegengebracht hat, dem Staat Israel die Hand zum Frieden reichen. Ich weiß, wie vielen Missverständnissen und Widerständen Kreisky aufgrund seiner Haltung ausgesetzt war - und wohl auch ausgesetzt sein musste. Dennoch: sein Geist und sein Wille waren immer mit dabei - auch auf dem Rasen vor dem Weißen Haus und zuletzt in der Wüste Arava.

Ich gratuliere Israel und allen Vätern des Friedens-Dialogs zu ihrem Mut. Es muss ein Frieden in Sicherheit sein - für Israel und für seine Nachbarn. Und es muss ein Frieden in Gerechtigkeit sein - für Israel und für seine Nachbarn. "Gerechtigkeit und Frieden küssen einander", heißt es schon in der Bibel. Auf Ihnen, den Mitgliedern der Knesseth, lastet jetzt die große historische Verantwortung, den erzielten Verhandlungsfrieden zur politischen Wirklichkeit werden zu lassen - unbeeindruckt vom Widerstand und vom Terror all jener, die Frieden und Gerechtigkeit fürchten.

Ich glaube fest daran, dass die historischen Veränderungen im Nahen Osten und in Europa unumstößlich sind. Und ich bin überzeugt, dass die Integration unserer beiden Länder in ihren Regionen ganz neue, noch nie gekannte und noch gar nicht absehbare Möglichkeiten eröffnet. Das Potential Israels, weit über die eigenen Grenzen hinaus seinen Beitrag zu einer neuen Friedens- und Wohlstandsregion zu leisten, ist unbestritten.

Ich freue mich, dass auch die Europäische Union schon jetzt darum bemüht ist, näher als bisher an die Staaten des Mittleren Ostens heranzurücken und eine noch stärkere Kooperation mit Israel zu vereinbaren. Als Mitglied der EU wird sich Österreich in besonderer Weise um die Intensivierung der wirtschaftlichen und technologischen Zusammenarbeit bemühen.

Ich bin aber auch überzeugt, dass Israel und Österreich noch mehr als bisher die Chancen einer Partnerschaft auf den Märkten der jungen Demokratien in Zentraleuropa nützen sollten. Und dass auch der Friedensprozess im Mittleren Osten eine Fülle von neuen Möglichkeiten der engen Kooperation zwischen unseren beiden Ländern bieten wird.

Die große Anzahl von Vertretern der österreichischen Wissenschaft und Bildung, der Wirtschaft und Industrie, die mich auf diesem Besuch in Ihr Land begleitet haben, sind deshalb ein ermutigendes Zeichen. Ein Zeichen des Glaubens in die Dauerhaftigkeit des Friedensprozesses - aber auch ein Signal für eine weit stärkere künftige Gemeinsamkeit zwischen unseren beiden Ländern in allen Bereichen unseres Lebens.

Ich kenne keinen Grund, warum Israel und Österreich in Zukunft nicht noch weit mehr als bisher zusammenwirken sollten. Voraussetzung dafür ist, dass wir uns im Wissen um die Vergangenheit der Zukunft stellen - und dass wir noch intensiver an stabilen menschlichen Brücken bauen, die uns dauerhaft zusammenführen.

Im vergangenen Jahr wurde in Wien ein großartiges jüdisches Museum eröffnet, das Besucher aus allen Teilen Österreichs und der Welt anzieht. Ich freue mich darüber, meine aber: wir brauchen nicht nur Museen zur Dokumentation einer versunkenen großen Vergangenheit, sondern vor allem wieder eine ganz selbstverständliche, lebendige Gegenwart des Miteinander.

Wir haben in diesem Sommer junge Israelis und Palästinenser, junge Jordanier und Ägypter zu einem Friedensdialog mit der österreichischen Jugend nach Wien geladen. Über dieser Begegnung stand nicht nur die Hoffnung, dass es der jungen Generation besser gelingen möge, die Barrieren der Unkenntnis, der falschen Vermutungen und der Ängste zu überwinden. Was sie versuchten, war die Verwirklichung genau jenes großen Ziels, das auch im Mittelpunkt des kommenden Religions-Trialogs von Judentum, Christentum und Islam in Wien steht. Es heißt letztlich: "Lasst uns in all unserer Verschiedenheit einig sein - und in unserer Gemeinsamkeit wir selbst bleiben."

Ich bin glücklich, dass mich meine jungen österreichischen Landsleute, die am Friedensdialog teilgenommen haben, auch hierher nach Jerusalem begleiten konnten - und dass sie heute - mit ihren neuen Freunden aus Israel - unter uns sind.

In ihrem kleinen, überschaubaren Kreis ist das bereits gelungen, was uns allen als Aufgabe übertragen ist - nämlich die Wiederentdeckung der gemeinsamen Wurzeln, die Verwirklichung gemeinsamer Interessen und die Gestaltung der gemeinsamen Zukunft. Ich hoffe, dass auch dieser erste Staatsbesuch ein Beitrag zu diesem großen Ziel sein kann.

Shalom to the people of Israel - Shalom to all of You!

Verweis Österreichs Kanzler und Präsidenten