Der weltoffene Vollblutpolitiker Bruno Kreisky
Bruno Kreisky

Aufzählung Zum Lebenslauf

Von Friedrich Weissensteiner

Er war eine Persönlichkeit von markantem geistigen Zuschnitt, ein charismatischer Vollblutpolitiker, ein Staatsmann von internationaler Reputation. Der erste sozialdemokratische und bisher am längsten im Amt befindliche Bundeskanzler der Zweiten Republik war größer als das Land, das er regierte, und ungleich weltoffener und konzilianter als die Partei, der er vorstand.

Bruno Kreisky hatte einen breiten, profunden Bildungshorizont, er war ein Mann mit Visionen, ein integrer, humorvoller, aber auch streitlustiger Mensch. Zuweilen konnte er auch herrisch sein, ungeduldig und ungerecht.

Der "Journalistenkanzler", der am 22. Jänner 1911 zur Welt kam, war der Spross einer großbürgerlich-jüdischen Industriellenfamilie. Er stieß schon in jungen Jahren, nicht eben zur Freude der Eltern, zur Sozialdemokratie. Er trat bereits als Vierzehnjähriger der Vereinigung der Sozialistischen Mittelschüler bei, war dann Obmann der Sozialistischen Arbeiterjugend und baute nach dem 12. Februar 1934 die "Revolutionäre Sozialistische Jugend" auf. 1936 wurde er wegen Hochverrates zu 12 Monaten schweren Kerkers verurteilt. Am 14. März 1938 legte der Jusstudent an der Wiener Universität seine letzte Prüfung ab, am Tag darauf wurde er von der Gestapo in Schutzhaft genommen, bis August festgehalten und unter der Bedingung auszuwandern, entlassen.

Nach Schweden emigriert

Bruno Kreisky ging nach Schweden in die Emigration, die 12 Jahre währen sollte. Der frisch gebackene Jurist erlernte die fremde Sprache, wurde Angestellter der schwedischen Konsumgenossenschaft, verschaffte sich einen gründlichen Einblick in das Programm und die Ziele der dortigen Sozialdemokratie und heiratete im April 1942 Vera Fürth. Die Tochter einer wohlhabenden jüdischen Unternehmerfamilie, die mehrere Sprachen perfekt beherrschte und ausgebildete Dolmetscherin war, schenkte ihm zwei Kinder: den Sohn Peter, geboren 1944, und die Tochter Suzanne, die 1948 zur Welt kam.

Rückkehr im Jahre 1951

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges organisierte Kreisky das Österreich-Hilfsprogramm der schwedischen Regierung, trat in den diplomatischen Dienst ein und kehrte nach Beginn des Jahres 1951 mit seiner Familie nach Österreich zurück. Seine Erlebnisse im Ständestaat und die schwedische Emigration hatten ihn zutiefst geprägt.

Nach einem kurzen Zwischenspiel in der handelspolitischen Abteilung des Außenministeriums wurde Kreisky Kabinettsvizedirektor bei Bundespräsident Theodor Körner. Die Grundlage für seine politische Karriere war damit gelegt. Im April 1953 entsandte ihn die Partei als Staatssekretär im Außenministerium in die Koalitionsregierung Raab/Schärf und rückte ihn damit in das Zentrum des politischen Geschehens. Als Staatssekretär war er dann auch Mitglied der legendären Regierungsdelegation, die 1955 die Staatsvertragsverhandlungen in Moskau zum Abschluss brachte.

Als 1959 ein selbständiges Außenministerium geschaffen wurde, übernahm Kreisky das neu etablierte Ressort. In den sieben Jahren seiner Tätigkeit als Außenminister knüpfte er Kontakte zu den Ostblockstaaten und brachte die Südtirol-Frage vor die UNO. Dadurch gelang es ihm, das Interesse der Weltöffentlichkeit auf die in Italien lebende Deutsch sprechende Minderheit zu lenken. Auch an der Aussöhnung der Sozialdemokratie mit der Kirche war er maßgeblich beteiligt.

Innerhalb der eigenen Partei war der wortgewandte, gebildete Diplomat vorerst nur schwach verankert. Erst 1956 erhielt er im Wahlkreis St. Pölten ein Nationalratsmandat, rückte dann aber rasch in den Parteivorstand vor. Seine Wahl zum SPÖ-Vorsitzenden im Jahr 1967 nach dem Rücktritt Pittermanns ging nicht ohne Differenzen vonstatten. Die Wiener Landesparteiorganisation und die Sozialistischen Gewerkschafter unter der Führung Anton Benyas sprachen sich gegen ihn aus. Sie unterstützten einen Gegenkandidaten (Hans Czettel), gegen den sich Kreisky in einer Kampfabstimmung durchsetzte.

"Programm für Österreich"

Bruno Kreisky söhnte sich mit seinen Gegnern aus und gab in den nächsten drei Jahren der Partei, die in einer tiefen Krise steckte, ein neues, liberaleres Profil. Er ließ von Experten für die einzelnen gesellschaftlichen Bereiche (Wirtschaft, Kultur, Umwelt etc.) in separaten Kommissionen ein "Programm für Österreich" erarbeiten, das die Grundlage für eine Modernisierung des Landes sein sollte. Gegenüber den Kommunisten grenzte er die Partei in der "Eisenstädter Erklärung" eindeutig ab.

1970 errang die SPÖ unter Kreisky zum ersten Mal in der republikanischen Geschichte Österreichs die Mehrheit an Stimmen und Mandaten und durchstieß damit eine politische Schallmauer. Ab diesem Zeitpunkt war Kreisky die unangefochtene Führungspersönlichkeit in der Sozialdemokratie, wenn auch manche seiner personal- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen nicht unwidersprochen blieben. Sie erreichten im Konflikt mit seinem Finanzminister Hannes Androsch ihren dramatischen Höhepunkt.

Bruno Kreisky hat die SPÖ dreimal hintereinander, 1971, 1975 und 1979 zu Wahlsiegen mit absoluter Mehrheit geführt und war 13 Jahre lang Bundeskanzler. Man kann daher mit Recht von einer "Ära Kreisky" sprechen.

Die 13 Jahre sozialdemokratischer Alleinregierung haben Österreich grundsätzlich verändert, moderner und liberaler gemacht. Unter der Devise der "Durchflutung aller Lebensbereiche mit Demokratie" wurden auf den verschiedensten Gebieten zahlreiche Reformen durchgeführt. Im Justizbereich wurde gegen den Willen des Kanzlers die "Fristenlösung" beschlossen, die eine Straffreiheit bei Abtreibungen während der drei ersten Monate der Schwangerschaft gestattet. Sie stieß seitens der römisch-katholischen Kirche und breiter Bevölkerungskreise auf heftigen Widerstand. Klagloser ging die große Strafrechtsreform von 1975 über die Bühne, mit der das Strafrecht entkriminalisiert und das patriarchalische Ehe- und Familienrecht durch ein partnerschaftliches ersetzt wurde.

Im Bildungswesen wurden durch die Schülerfreifahrt und das Gratisschulbuch die Bildungschancen vor allem der Landkinder vergrößert, die Ordinarienuniversität erhielt eine demokratische Struktur. Die Wehrdienstzeit wurde verkürzt, der Zivildienst eingeführt, der ORF durch eine "Lex Bacher" reformiert.

Neue Sozialgesetze bezogen die Selbständigen in das Sozial- und Pensionsversicherungssystem ein und erhöhten den Urlaubsanspruch der unselbständig Beschäftigten auf fünf Wochen

Arbeitslose und Schulden

In der Wirtschaftspolitik galt die Hauptsorge des Kanzlers der Aufrechterhaltung der Vollbeschäftigung. Eingedenk der Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929, deren furchtbare sozialen und politischen Folgewirkungen er miterlebt- und erlitten hatte, bereiteten ihm "ein paar Milliarden Schulden weniger schlaflose Nächte als ein paar Hunderttausend Arbeitslose". Den Ölschock von 1973 und seine Auswirkungen bekämpfte er daher durch eine expansive Budgetpolitik ("deficit spending"). Tatsächlich gelang es, die Arbeitslosenrate im internationalen Vergleich niedrig zu halten, allerdings um einen (zu) hohen Preis. An der Subventionierung der maroden Verstaatlichten Industrie hat der Kanzler ohne Zweifel zu lange festgehalten. Von Seiten der Opposition und konservativen Wirtschaftsexperten hat ihm das massive Kritik eingetragen.

Bruno Kreiskys Domäne war die Außenpolitik. Sein außenpolitischer Weitblick ging meilenweit über den Klein-staat, den er regierte, hinaus. Seine Nahost-Politik war wegweisend, seine Idee eines "Marschall-Planes" für die Dritte Welt visionär.

Natürlich unterliefen dem "Sonnenkönig", wie manche Medien ihn mit unterschwelliger Häme titulierten, auch Irrtümer und Fehleinschätzungen. Im warmen Bett der Machtausübung machten sich Korruptionisten breit, den Abbau der Politikerprivilegien bekam der Kanzler nicht in den Griff. Im Kärntner Ortstafelkonflikt und im Fall des Atomkraftwerkes Zwentendorf schätzte er, der ein feines Gespür für Gefühlslagen und Strömungen hatte, die Volksstimmung falsch ein.

Vor allem bei Personalentscheidungen griff Bruno Kreisky oft daneben. Menschenkenntnis war seine Stärke nicht. Seinem ersten Kabinett gehörten vier Minister an, die Mitglieder der NSDAP waren, in der Wiesenthal-Affäre um die SS-Mitgliedschaft Friedrich Peters schlug er verbal über die Stränge. Aber auch so manche seiner Parteifreunde bekamen seine Härte zu spüren (Häuser, Leodolter, Veselsky). Manche dieser Entscheidungen sind aber wohl mit seinem schlechten Gesundheitszustand zu erklären. Kreisky war seit 1978 auf einem Auge blind und musste sich auf Grund eines Nierenleidens dreimal pro Woche einer Blutwäsche unterziehen, was viel Substanz kostete.

Nach der Nationalratswahl des Jahres 1983, bei der die SPÖ die absolute Mehrheit verlor, schied Bruno Kreisky aus der Regierung aus und legte den Parteivorsitz zurück. An der Weichenstellung für die kleine Koalition zwischen SPÖ und FPÖ war er aber noch maßgeblich beteiligt.

Trotz seiner angeschlagenen Gesundheit gönnte sich Bruno Kreisky auch als Privatmann keine Ruhe. Er verfolgte mit großem Interesse die Entwicklungen in der Weltpolitik, engagierte sich für den Nord-Süd-Dialog, unternahm Reisen, traf Freunde und Politiker des In- und Auslandes, nahm an Konferenzen und Diskussionsveranstaltungen teil, richtete eine internationale Konferenz zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit ein, unterzog sich einer Nierentransplantation, hielt Vorträge und schrieb seine dreibändigen Memoiren.

Späte Versöhnung

Die Vorgänge in der Innenpolitik, insbesondere die Überlassung des Außenministeriums an die ÖVP nach den Bildung der Großen Koalition unter Franz Vranitzky 1986, erschütterten ihn zutiefst. Empört legte er die SPÖ-Ehrenobmannschaft zurück. Er söhnte sich mit der Partei schließlich doch wieder aus. Der schwerste Schicksalsschlag seines Lebens traf ihn am 5. Dezember 1988, als das Herz seiner Frau unerwartet aufhörte zu schlagen. Eineinhalb Jahre später, am 29. Juli 1990, nahm auch er Abschied von einer Welt, die er mit seinen zukunftsweisenden Visionen und seiner immensen politischen Willenskraft versucht hatte, gerechter und humaner zu gestalten.

Erschienen am: 05.06.2004

Verweis Österreichs Kanzler und Präsidenten