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Von Friedrich Weissensteiner
Zu Beginn des Jahres 1961 während eines kurzen Skiurlaubs
auf der Turracher Höhe erhielt der Kärntner Landesrat und
Landesparteiobmann der ÖVP Karl Schleinzer einen Telefonanruf des
designierten Bundeskanzlers Alfons Gorbach. Gorbach
fragte ihn, ob er bereit sei, in seinem Kabinett das Verteidigungsministerium
zu übernehmen. Der Bauernsohn aus dem Lavanttal stand vor einem
entscheidenden Wendepunkt seines Lebens. Er war verheiratet, hatte Familie
(einen Sohn und drei Töchter, später kam noch eine Tochter dazu) und
war zu diesem Zeitpunkt in Kärnten politisch fest verankert. Sollte er dem
Ruf aus der Bundeshauptstadt folgen? Nach Rücksprache mit seiner Frau, der
Bauerntochter Margaretha Morak, die er am 16. Februar 1946 geehelicht hatte,
entschloss er sich dazu. Es war eine schwere Entscheidung. Er musste von seiner
Familie getrennt leben, die Bewirtschaftung seines Bauernhofes seiner Frau
überlassen.
Minister mit 37
Am 11. April 1961 trat
er sein neues Amt an. In Wien kannte den 37jährigen damals kaum jemand.
Nur seine engsten Freunde wussten, wer er war und woher er kam. Karl Schleinzer
wurde am 8. Jänner 1924 in Zellach Nr. 35 in der Gemeinde Frantschach-St.
Gertraud auf einem Bauernhof geboren, der, eingezwängt zwischen der Lavant
und der Eisenbahn und mit einem expandierenden Industriebetrieb in der
Nähe (die heutige Zellstoff - und Papierfabrik Frantschach AG) kaum
Zukunftschancen bot. Das Leben auf dem Hof war hart. Das bekam schon der Bub zu
spüren. Und es wurde nach dem frühen Tod des Vaters, der Ende 1929
starb, nicht leichter. Nach der Pflichtschule - er besuchte die Volksschule in
St. Gertraud und die Hauptschule in Wolfsberg - verließ der
14jährige zum ersten Mal den väterlichen Hof, um sich als Landwirt
ausbilden zu lassen. Karl Schleinzer wollte ein tüchtiger und
fortschrittlicher Bauer werden.
Nach Absolvierung einer
Landwirtschaftsschule wurde der hochbegabte Jungzugführer der HJ zu einem
kostenlosen Langemarckstudium zugelassen, nach dessen Beendigung er die
Berechtigung zum Studium ohne Reifeprüfung an einer Hochschule für
Land- und Forstwirtschaft erwarb. Karl Schleinzer wurde zunächst nicht
Student, sondern Soldat. Er musste 1943 zur Deutschen Wehrmacht einrücken,
avancierte rasch zum Leutnant der Reserve und geriet in englische
Kriegsgefangenschaft. 1946 kehrte er in die Heimat zurück, trat der
ÖVP bei und begann 1948 nach mehreren Eingaben, die abschlägig
beschieden worden waren, mit dem Studium der Landwirtschaft an der Hochschule
für Bodenkultur in Wien, das er im Dezember 1951 mit dem Dipl.Ing.
abschloss. Ein Jahr später erwarb er den Doktortitel.
Politische Blitzkarriere
Dem blitzartigen Studienabschluss
folgte eine politische Blitzkarriere. Nach einer kurzen Tätigkeit als
Beamter der Kärntner Landwirtschaftskammer und im Agrarreferat der
Landesregierung wurde Schleinzer 1956 in den Kärntner Landtag
gewählt. 1957 wurde er Geschäftsführer des Bauernbundes, 1959
bestellte man ihn zum Landesparteiobmann der Kärntner ÖVP, 1960
übernahm er als Landesrat das Agrarreferat in der Kärntner
Landesregierung. Die Berufung in die Bundesregierung im Jahr darauf war der
krönende Abschluss dieses politischen Höhenfluges. Karl Schleinzer ,
der ehrgeizige, zielstrebige Kleinbauernsohn aus Kärnten, war zu
Ministerehren aufgestiegen. Das Verteidigungsministerium, das er in den
nächsten drei Jahren leitete (11. 4. 1961 - 2. 4. 1964 ), war nicht gerade
sein Lieblingsressort. Aber Karl Schleinzer war ein harter, konsequenter
Arbeiter, der jede Aufgabe, die er übernahm, engagiert und mit
Entschlossenheit anpackte. Und so kann sich das Ergebnis seiner Tätigkeit
durchaus sehen lassen.
Der Verteidigungsminister setzte Maßnahmen
auf dem Gebiet der Heeresorganisation und gab Auftrag für die Aufstellung
von Grenzschutzverbänden und für die Erstellung eines langfristigen
Beschaffungs- und Ausrüstungsprogrammes mit dem Ziel, ein kleines,
einsatzbereites Heer zur Verfügung zu haben. Auch der Aufbau einer
systematischen Umfassenden Landesverteidigung wurde in Angriff genommen.
Politisch gewann Schleinzer rasch an Gewicht. 1962 wurde ihm für den
Parteitag des Jahres 1963 der Vorsitz im Politischen Ausschuss in der
Bundespartei übertragen, der Vorschläge für eine
persönlichkeitsorientierte Wahlrechtsreform erarbeitete. Gemeinsam mit
Klaus und Withalm war Karl Schleinzer damals ein Hoffnungsträger der
ÖVP. Es war daher geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass
Bundeskanzler Dr. Klaus 1964 den jungen, dynamischen
Mann als Landwirtschaftsminister in sein Kabinett nahm.
Lebenstraum
erfüllt
Für den Kärntner Kleinbauernsohn war dieses
hohe Amt die Erfüllung eines Lebenstraumes. Er brachte dafür
große Sachkompetenz, Verantwortungsbewusstsein und ein hohes Arbeitsethos
mit. Karl Schleinzer kannte die Sorgen und Nöte der Bauern aus eigener
Anschauung, die (Existenz)-Probleme , die sich für den Bauernstand durch
die im Zuge der Industrialisierung notwendig gewordenen Rationalisierungs- und
Mechanisierungsmaßnahmen ergaben. Die Agrarstruktur musste
verändert, Grundstücke zusammengelegt (kommassiert), der
(berg)-bäuerliche Lebensraum verkehrstechnisch erschlossen, der Absatz der
bäuerlichen Produkte gesichert, das land- und forstwirtschaftliche
Schulwesen neu organisiert, die Altersversorgung der Bauern sichergestellt
werden. Zahlreiche gesetzliche Maßnahmen dienten diesen und anderen
Vorhaben, durch die Karl Schleinzer seine Position in der Bundesregierung
festigte und ausbaute.
1970 Generalsekretär
Auch
innerhalb seiner Partei hatte sich der Landwirtschaftsminister so profiliert,
dass man ihm nach der Wahlniederlage des Jahres 1970 das Generalsekretariat
anvertraute. Am 4. Juni 1971 trat er dann die Nachfolge Withalms als Bundesparteiobmann an. Er übernahm ein
schweres Amt. Die ÖVP war innerlich zerstritten und hatte ihren Standort
in der Opposition noch nicht gefunden. Das Gesetz des Handelns lag bei der
SPÖ und ihrem Vorsitzenden Bruno Kreisky, der es meisterhaft verstand,
seine Politik medienwirksam zu präsentieren. Karl Schleinzer musste den
Umgang mit diesen Medien erst erlernen. Er war im Gegensatz zu seinem
politischen Gegenüber ein introvertierter, gradliniger, nüchterner
Typ, ein vorsichtig taktierender Pragmatiker. Im Fernsehen wirkte er verhalten,
gehemmt, ein wenig hölzern. Er war kein charismatischer Selbstdarsteller,
kein Effekthascher. Im TV-Zeitalter, in dem die Wähler ihr Urteil
über eine Persönlichkeit via Bildschirm fällen, sind diese
Charaktereigenschaften nicht gerade ein Vorteil. Dennoch hielt sich der neue
Parteiobmann bei den Konfrontationen mit seinem Gegner beachtlich.
Langsam begann man ihn in der Öffentlichkeit zu achten und zu
schätzen. Die Niederlage seiner Partei bei den vorverlegten Wahlen des
Jahres 1971 war allerdings nicht zu verhindern. Die SPÖ errang die
absolute Mehrheit. Karl Schleinzer ließ sich in seiner Arbeit nicht
behindern. Gemeinsam mit seinem Generalsekretär Herbert Kohlmaier ging er
daran, die ÖVP zu konsolidieren und programmatisch zu erneuern. Er
straffte die Parteiorganisation, wehrte mit Erfolg die Versuche
Kreiskys ab, die bündisch gegliederte Partei zu
spalten und versuchte, ihr durch die Festlegung längerfristiger Ziele und
"Plänen zur Lebensqualität" in den Bereichen Umwelt, Wohnen und
Gesundheit den verlorenen Handlungsspielraum zurückzugeben.
Grundsatzprogramm 1972
1972 wurde nach umfangreichen
Vorarbeiten auf einem Parteitag in Salzburg ein neues Grundsatzprogramm
beschlossen, in dem sich die ÖVP als eine moderne, soziale Partei der
Mitte darstellte, die über den Kreis der christlichsozialen Kernschichten
hinaus für Menschen mit liberaler Gesinnung wählbar ist. Ein neues
Parteistatut verankerte den Vorrang der Gesamtpartei gegenüber den
Teilorganisationen. Die Frauen- und die Jugendbewegung wurden als
gleichberechtigte Organisationen anerkannt. Obwohl Karl Schleinzer nicht
unumstritten war - in der steirischen ÖVP brachte man ein "anderes
Gespann" ins Spiel -, wurden Schleinzer und Kohlmaier 1974 auf dem 16.
Parteitag in ihren Funktionen bestätigt. Der Obmann mit 84, der
Generalsekretär mit 74 Prozent der Stimmen. Die Weichen für die
Nationalratswahl des Jahres 1975 waren gestellt, die Planungen für den
Wahlkampf abgeschlossen. Karl Schleinzer wartete im Vorfeld mit der Idee einer
Dreiparteienkoalition auf, die von Kreisky auf wütende Ablehnung
stieß, und machte sich Gedanken über eine Reform der
Bundesregierung, über die Konsolidierung des Staatshaushaltes und die
wirtschaftliche Zukunft Österreichs. Es waren Pläne , die er nicht
mehr verwirklichen konnte.
Der tragische Unfall
Nach
einer Urlaubswoche in der Ägäis kehrte er am Morgen des 19. Juli 1975
per Flugzeug nach Wien zurück. Dann setzte er sich ans Steuer seines
Autos, um zu seiner Familie nach Kärnten zu fahren. Seine Frau und seine
Kinder waren der zentrale Bezugspunkt seines Lebens. Auf der Bundesstraße
17 geriet das Fahrzeug bei der Umfahrung von Bruck an Mur auf die linke
Fahrbahnseite und stieß frontal mit einem entgegenkommenden
Sattelschlepper zusammen. Karl Schleinzer war auf der Stelle tot. Sein Leichnam
wurde in der Wiener Stephanskirche aufgebahrt und in St. Oswald (Kärnten )
beigesetzt. Der Nachrufe gab es viele. Man würdigte seine persönliche
Lauterkeit, seinen Fleiß, seine Gesinnungstreue, sein
Verantwortungsbewusstsein. Franz Ortner verabschiedete sich in den
"Vorarlberger Nachrichten" von ihm mit den Worten. "Unvollendet musste er von
der Bühne des Lebens und der Politik abtreten. Schleinzer musste seine
große Familie, der er als begeisterter Vater vorstand, ebenso verlassen
wie seine größere Familie, die Volkspartei, in der er Vermittler und
behutsamer Führer zugleich war, ein Mann des taktischen Geschicks , aber
auch einer klaren Haltung, die ihm zu Lebzeiten auch die Gegner und nach dem
Tode alle nochmals verbrieft bescheinigen."
Erschienen am: 17.07.2004 |