Vom Bergbauernhof an die ÖVP-Spitze
Karl Schleinzer

Lebensdaten

Aufzählung Geboren 8. 1. 1924 in St. Gertraud im Lavanttal
Aufzählung 1956 Abgeordneter zum Kärntner Landtag
Aufzählung 1959 Landesparteiobmann der Kärntner ÖVP
Aufzählung 1960-61 Landesrat für Land- und Forstwirtschaft sowie Geschäftsführer des Kärntner Bauernbundes
Aufzählung 1971-75 Bundesparteiobmann der ÖVP.
Aufzählung 1962-75 Abgeordneter zum Nationalrat,
Aufzählung 1961-64 Bundesminister für Landesverteidigung
Aufzählung Am 19. 7. 1975 in Bruck an der Mur (Autounfall)

Von Friedrich Weissensteiner

Zu Beginn des Jahres 1961 während eines kurzen Skiurlaubs auf der Turracher Höhe erhielt der Kärntner Landesrat und Landesparteiobmann der ÖVP Karl Schleinzer einen Telefonanruf des designierten Bundeskanzlers Alfons Gorbach. Gorbach fragte ihn, ob er bereit sei, in seinem Kabinett das Verteidigungsministerium zu übernehmen. Der Bauernsohn aus dem Lavanttal stand vor einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens. Er war verheiratet, hatte Familie (einen Sohn und drei Töchter, später kam noch eine Tochter dazu) und war zu diesem Zeitpunkt in Kärnten politisch fest verankert. Sollte er dem Ruf aus der Bundeshauptstadt folgen? Nach Rücksprache mit seiner Frau, der Bauerntochter Margaretha Morak, die er am 16. Februar 1946 geehelicht hatte, entschloss er sich dazu. Es war eine schwere Entscheidung. Er musste von seiner Familie getrennt leben, die Bewirtschaftung seines Bauernhofes seiner Frau überlassen.

Minister mit 37

Am 11. April 1961 trat er sein neues Amt an. In Wien kannte den 37jährigen damals kaum jemand. Nur seine engsten Freunde wussten, wer er war und woher er kam. Karl Schleinzer wurde am 8. Jänner 1924 in Zellach Nr. 35 in der Gemeinde Frantschach-St. Gertraud auf einem Bauernhof geboren, der, eingezwängt zwischen der Lavant und der Eisenbahn und mit einem expandierenden Industriebetrieb in der Nähe (die heutige Zellstoff - und Papierfabrik Frantschach AG) kaum Zukunftschancen bot. Das Leben auf dem Hof war hart. Das bekam schon der Bub zu spüren. Und es wurde nach dem frühen Tod des Vaters, der Ende 1929 starb, nicht leichter. Nach der Pflichtschule - er besuchte die Volksschule in St. Gertraud und die Hauptschule in Wolfsberg - verließ der 14jährige zum ersten Mal den väterlichen Hof, um sich als Landwirt ausbilden zu lassen. Karl Schleinzer wollte ein tüchtiger und fortschrittlicher Bauer werden.

Nach Absolvierung einer Landwirtschaftsschule wurde der hochbegabte Jungzugführer der HJ zu einem kostenlosen Langemarckstudium zugelassen, nach dessen Beendigung er die Berechtigung zum Studium ohne Reifeprüfung an einer Hochschule für Land- und Forstwirtschaft erwarb. Karl Schleinzer wurde zunächst nicht Student, sondern Soldat. Er musste 1943 zur Deutschen Wehrmacht einrücken, avancierte rasch zum Leutnant der Reserve und geriet in englische Kriegsgefangenschaft. 1946 kehrte er in die Heimat zurück, trat der ÖVP bei und begann 1948 nach mehreren Eingaben, die abschlägig beschieden worden waren, mit dem Studium der Landwirtschaft an der Hochschule für Bodenkultur in Wien, das er im Dezember 1951 mit dem Dipl.Ing. abschloss. Ein Jahr später erwarb er den Doktortitel.

Politische Blitzkarriere

Dem blitzartigen Studienabschluss folgte eine politische Blitzkarriere. Nach einer kurzen Tätigkeit als Beamter der Kärntner Landwirtschaftskammer und im Agrarreferat der Landesregierung wurde Schleinzer 1956 in den Kärntner Landtag gewählt. 1957 wurde er Geschäftsführer des Bauernbundes, 1959 bestellte man ihn zum Landesparteiobmann der Kärntner ÖVP, 1960 übernahm er als Landesrat das Agrarreferat in der Kärntner Landesregierung. Die Berufung in die Bundesregierung im Jahr darauf war der krönende Abschluss dieses politischen Höhenfluges. Karl Schleinzer , der ehrgeizige, zielstrebige Kleinbauernsohn aus Kärnten, war zu Ministerehren aufgestiegen. Das Verteidigungsministerium, das er in den nächsten drei Jahren leitete (11. 4. 1961 - 2. 4. 1964 ), war nicht gerade sein Lieblingsressort. Aber Karl Schleinzer war ein harter, konsequenter Arbeiter, der jede Aufgabe, die er übernahm, engagiert und mit Entschlossenheit anpackte. Und so kann sich das Ergebnis seiner Tätigkeit durchaus sehen lassen.

Der Verteidigungsminister setzte Maßnahmen auf dem Gebiet der Heeresorganisation und gab Auftrag für die Aufstellung von Grenzschutzverbänden und für die Erstellung eines langfristigen Beschaffungs- und Ausrüstungsprogrammes mit dem Ziel, ein kleines, einsatzbereites Heer zur Verfügung zu haben. Auch der Aufbau einer systematischen Umfassenden Landesverteidigung wurde in Angriff genommen. Politisch gewann Schleinzer rasch an Gewicht. 1962 wurde ihm für den Parteitag des Jahres 1963 der Vorsitz im Politischen Ausschuss in der Bundespartei übertragen, der Vorschläge für eine persönlichkeitsorientierte Wahlrechtsreform erarbeitete. Gemeinsam mit Klaus und Withalm war Karl Schleinzer damals ein Hoffnungsträger der ÖVP. Es war daher geradezu eine Selbstverständlichkeit, dass Bundeskanzler Dr. Klaus 1964 den jungen, dynamischen Mann als Landwirtschaftsminister in sein Kabinett nahm.

Lebenstraum erfüllt

Für den Kärntner Kleinbauernsohn war dieses hohe Amt die Erfüllung eines Lebenstraumes. Er brachte dafür große Sachkompetenz, Verantwortungsbewusstsein und ein hohes Arbeitsethos mit. Karl Schleinzer kannte die Sorgen und Nöte der Bauern aus eigener Anschauung, die (Existenz)-Probleme , die sich für den Bauernstand durch die im Zuge der Industrialisierung notwendig gewordenen Rationalisierungs- und Mechanisierungsmaßnahmen ergaben. Die Agrarstruktur musste verändert, Grundstücke zusammengelegt (kommassiert), der (berg)-bäuerliche Lebensraum verkehrstechnisch erschlossen, der Absatz der bäuerlichen Produkte gesichert, das land- und forstwirtschaftliche Schulwesen neu organisiert, die Altersversorgung der Bauern sichergestellt werden. Zahlreiche gesetzliche Maßnahmen dienten diesen und anderen Vorhaben, durch die Karl Schleinzer seine Position in der Bundesregierung festigte und ausbaute.

1970 Generalsekretär

Auch innerhalb seiner Partei hatte sich der Landwirtschaftsminister so profiliert, dass man ihm nach der Wahlniederlage des Jahres 1970 das Generalsekretariat anvertraute. Am 4. Juni 1971 trat er dann die Nachfolge Withalms als Bundesparteiobmann an. Er übernahm ein schweres Amt. Die ÖVP war innerlich zerstritten und hatte ihren Standort in der Opposition noch nicht gefunden. Das Gesetz des Handelns lag bei der SPÖ und ihrem Vorsitzenden Bruno Kreisky, der es meisterhaft verstand, seine Politik medienwirksam zu präsentieren. Karl Schleinzer musste den Umgang mit diesen Medien erst erlernen. Er war im Gegensatz zu seinem politischen Gegenüber ein introvertierter, gradliniger, nüchterner Typ, ein vorsichtig taktierender Pragmatiker. Im Fernsehen wirkte er verhalten, gehemmt, ein wenig hölzern. Er war kein charismatischer Selbstdarsteller, kein Effekthascher. Im TV-Zeitalter, in dem die Wähler ihr Urteil über eine Persönlichkeit via Bildschirm fällen, sind diese Charaktereigenschaften nicht gerade ein Vorteil. Dennoch hielt sich der neue Parteiobmann bei den Konfrontationen mit seinem Gegner beachtlich.

Langsam begann man ihn in der Öffentlichkeit zu achten und zu schätzen. Die Niederlage seiner Partei bei den vorverlegten Wahlen des Jahres 1971 war allerdings nicht zu verhindern. Die SPÖ errang die absolute Mehrheit. Karl Schleinzer ließ sich in seiner Arbeit nicht behindern. Gemeinsam mit seinem Generalsekretär Herbert Kohlmaier ging er daran, die ÖVP zu konsolidieren und programmatisch zu erneuern. Er straffte die Parteiorganisation, wehrte mit Erfolg die Versuche Kreiskys ab, die bündisch gegliederte Partei zu spalten und versuchte, ihr durch die Festlegung längerfristiger Ziele und "Plänen zur Lebensqualität" in den Bereichen Umwelt, Wohnen und Gesundheit den verlorenen Handlungsspielraum zurückzugeben.

Grundsatzprogramm 1972

1972 wurde nach umfangreichen Vorarbeiten auf einem Parteitag in Salzburg ein neues Grundsatzprogramm beschlossen, in dem sich die ÖVP als eine moderne, soziale Partei der Mitte darstellte, die über den Kreis der christlichsozialen Kernschichten hinaus für Menschen mit liberaler Gesinnung wählbar ist. Ein neues Parteistatut verankerte den Vorrang der Gesamtpartei gegenüber den Teilorganisationen. Die Frauen- und die Jugendbewegung wurden als gleichberechtigte Organisationen anerkannt. Obwohl Karl Schleinzer nicht unumstritten war - in der steirischen ÖVP brachte man ein "anderes Gespann" ins Spiel -, wurden Schleinzer und Kohlmaier 1974 auf dem 16. Parteitag in ihren Funktionen bestätigt. Der Obmann mit 84, der Generalsekretär mit 74 Prozent der Stimmen. Die Weichen für die Nationalratswahl des Jahres 1975 waren gestellt, die Planungen für den Wahlkampf abgeschlossen. Karl Schleinzer wartete im Vorfeld mit der Idee einer Dreiparteienkoalition auf, die von Kreisky auf wütende Ablehnung stieß, und machte sich Gedanken über eine Reform der Bundesregierung, über die Konsolidierung des Staatshaushaltes und die wirtschaftliche Zukunft Österreichs. Es waren Pläne , die er nicht mehr verwirklichen konnte.

Der tragische Unfall

Nach einer Urlaubswoche in der Ägäis kehrte er am Morgen des 19. Juli 1975 per Flugzeug nach Wien zurück. Dann setzte er sich ans Steuer seines Autos, um zu seiner Familie nach Kärnten zu fahren. Seine Frau und seine Kinder waren der zentrale Bezugspunkt seines Lebens. Auf der Bundesstraße 17 geriet das Fahrzeug bei der Umfahrung von Bruck an Mur auf die linke Fahrbahnseite und stieß frontal mit einem entgegenkommenden Sattelschlepper zusammen. Karl Schleinzer war auf der Stelle tot. Sein Leichnam wurde in der Wiener Stephanskirche aufgebahrt und in St. Oswald (Kärnten ) beigesetzt. Der Nachrufe gab es viele. Man würdigte seine persönliche Lauterkeit, seinen Fleiß, seine Gesinnungstreue, sein Verantwortungsbewusstsein. Franz Ortner verabschiedete sich in den "Vorarlberger Nachrichten" von ihm mit den Worten. "Unvollendet musste er von der Bühne des Lebens und der Politik abtreten. Schleinzer musste seine große Familie, der er als begeisterter Vater vorstand, ebenso verlassen wie seine größere Familie, die Volkspartei, in der er Vermittler und behutsamer Führer zugleich war, ein Mann des taktischen Geschicks , aber auch einer klaren Haltung, die ihm zu Lebzeiten auch die Gegner und nach dem Tode alle nochmals verbrieft bescheinigen."

Erschienen am: 17.07.2004