|
Von Martin Luksan
Im Unterschied zu Berlin, Budapest und München blieb Wien
1918 eine Räteregierung erspart, obwohl die Kommunisten (und die Wiener
Polizei) für revolutionsartige Szenen durchaus sorgten. Die entscheidenden
Vorbehalte gegenüber dem Rätesystem sind der österreichischen
Sozialdemokratie zu danken, die sich niemals an der "Freiheit" berauschte,
sondern immer an der Aufrechterhaltung der Staatsfunktionen und der
Wiederherstellung des Wirtschaftslebens interessiert war. Dieser zögernde
Griff nach der Macht ist durch eine sentimentale Bindung an das Haus Habsburg
erklärt worden. In der Tat wollten (und konnten) sich österreichische
Sozialdemokraten keine "Republik" vorstellen, solange der alte Kaiser lebte.
Doch dann war er tot und die provisorische Verfassung vom Oktober 1918
präsentierte Österreich als einen Bestandteil Deutschlands.
Nur die Siegermächte verhinderten damals den Anschluss an die
Deutsche Republik. An dieser provisorischen Verfassung hatte Karl Renner den
größten Anteil. Eine andere Erklärung für den gebremsten
"Klassenkampf" der Sozialdemokraten ist ihre ursprüngliche Verbindung mit
dem deutsch-nationalen Lager Altösterreichs. Dieses war ein interessantes,
großbürgerlich-liberales, d. h. in der Bevölkerung kaum
verankertes Milieu, das ab 1916, wie die Geschichte der "Österreichischen
Politischen Gesellschaft" zeigt, über die verschiedenen
"Kriegsausgänge" und die Erhaltung der bisherigen Wirtschaftsform
nachdachte und in dem die wichtigsten, österreichischen Sozialdemokraten
ein- und ausgingen. Auch Karl Seitz, obwohl aus einer verarmten Familie
stammend, bewegte sich in diesem Milieu, nicht zuletzt durch Victor Adler. Der
Volksschullehrer Seitz war von Anfang an nicht nur mit Widerstandsgeist,
sondern auch mit dem beruhigenden Gefühl für höhere Spielregeln
ausgestattet. Er hatte nicht nur an das Ideal der sozialen Gerechtigkeit
geglaubt, als er um 1900 für das liberale Volksschulgesetz gekämpft
hatte, sondern auch den (sozialistischen) Zug der Zeit zutreffend
eingeschätzt. Diese richtige Einschätzung des politischen Trends
scheint ihm am Höhepunkt seines Wirkens nicht mehr möglich gewesen zu
sein. Das klingt paradox, ist aber doch verständlich: Der Vormarsch der
sozialistischen Ideale wurde in der Zwischenkriegszeit gestoppt. Ungeachtet der
Durchsetzung von Sozialismus im Kommunalen Wien waren die treibenden
Kräfte der Zeit eben nicht Sozialismus und Demokratie, sondern Faschismus
und Nationalsozialismus. Als Seitz 1920 wieder den Vorsitz der
österreichischen SP innehatte (bis 1934) und schließlich ab 1923
Bürgermeister war (ebenfalls bis 1934), schätzte nicht nur er,
sondern auch mancher andere ausgezeichnete Kopf der Linken den Zug der Zeit
falsch ein.
1918 war nicht erkennbar, dass man die Werte der
Sozialdemokratie im schockartig geschrumpften Österreich generell nicht
würde durchsetzen können. Aber schon um 1925 war ersichtlich, dass
die Erfolgsmethoden des "Roten Wien" für den größten Teil des
Bundesgebietes unanwendbar waren. Die Stadt Wien, nunmehr mit einer
Landeshoheit ausgestattet, war keine "Avantgarde" des Sozialismus in
Österreich, sondern ein "Staat im Staate", wie Wolfgang Maderthaner es
genannt hat. Der "Rathaussozialismus" hatte ein System geschaffen: die Welt der
Gemeindebauten vor 1934 · ein Netzwerk von politischen und kulturellen
Organisationen, in das der einzelne eingewoben war. In diesem, für die
damalige Zeit erstaunlichen Wohlfahrtssystem, war es nicht üblich,
Kompetenzen nach unten abzugeben, sondern das Gegenteil geschah: Stadträte
wurden zu "Rathausherren" von großer Professionalität. Karl Seitz
hat diesen Stil des sachlichen Bürokraten geprägt durch seine
gesetzestreue und staatsmännisch distanzierte Art. Die christlich-soziale
Bundesregierung sah die Erfolge des "Roten Wien" mit scheelen Augen (wobei sie
selber den allgemeinen Wirtschaftsaufschwung für eine Modernisierung
Österreichs nicht nutzte). So erklärt sich jene Rede von Ignaz Seipel
am 12. März 1924, die auch die Hetze gegen den Schriftsteller Hugo
Bettauer "salonfähig" machte, als ein Versuch, die Wiener
Kommunalverwaltung mit Hilfe kleinster Angriffspunkte zu skandalisieren.
Ein Verbot der Bettauer-Zeitschrift "Er und sie" war von Karl Seitz
(nach Beratung mit Otto Glöckel) aufgehoben worden und der
Polizeipräsident Schober hatte sich an Seipel gewandt. Dieser schlachtete
die Sache sofort aus: "der Polizei wurde in den Arm gefallen, angeblich
über Gutachten, die aus dem Stadtschulrat kamen . . . Wenn er (Seitz)
diesem Treiben nicht Einhalt tun will, möge er sich offen zum Prinzip der
Entsittlichung und Verseuchung des Volkes bekennen . . . Eine Partei im
Rathaus, die etwas Derartiges schützt und unterstützt, die hat auf
dem Wiener Boden nichts zu suchen". Auf diese maßlosen und
empörenden Worte antwortete Seitz wie ein Aristokrat: "Wenn auch der
Bürgermeister einer Weltstadt in Fragen der Literatur und Presse andere
Auffassungen haben muss als etwa ein Dominikanermönch, ein
päpstlicher Prälat oder ein Kartäuser, so stehe ich nicht an,
offen zu sagen, dass auch mir manche Erscheinungen der letzten Zeit nicht
gefallen". Und gegen die Ungeheuerlichkeit des Kanzlers, das Bestehen einer
Mehrheitspartei aus Moralgründen zu verneinen, setzte er lediglich eine
Geste: "Ich sage mit aller Ruhe: Es gibt auch nicht einen Sozialdemokraten, der
nicht den Mut hätte, diesen Kampf aufzunehmen." Tage später war im
Gemeinderat der Teufel los, als Seitz einem antisemitischen Krakeeler das Wort
entzog, weil dieser die Tagesordnung wiederholt missachtet hatte. Die
Maßnahme löste im Sitzungssaal eine Rauferei aus, die Seitz, mit der
Glocke in der Hand, stumm und bleich mitansah. Und der "Sieg über Seitz",
wie das der Volkssturm (aber auch die Reichspost) nannte, galt dann als
Befreiungsakt "des christlich-deutschen Wien gegen seine jüdisch-roten
Zwingherren".
Es mutet heute seltsam an, dass der Bürgermeister von
Wien ablehnte, die Dinge ebenso emotional zu behandeln wie der Bundeskanzler,
ein aggressiver Kleriker. Noch erstaunlicher ist die Beobachtung, dass sich
nicht die christlich-sozialen Führer, sondern die sozialistischen
Rathausherren im sicheren Besitz der Macht wähnten, als ob ihnen die
Zukunft gut und gewiss gewesen wäre. Spätestens seit dem 15. Juli
1927, als Seitz die Parteimassen zwischen Rathaus und Justizpalast vergebens zu
beruhigen suchte (während in den Polizeikasernen schon die "stahlfreie"
Munition ausgegeben wurde), war der antidemokratische Trend in Österreich
überdeutlich. Es wurde auch der Schutzbund etwas verstärkt und die
kleine Rathauswache geschaffen. Man muss aber sehen, dass die volle Tragweite
der traurigen Erkenntnis bei den Sozialdemokraten nicht weit verbreitet war.
Denn erkennen, dass die Demokratie eingeschränkt werden wird, und dabei
die einzige Gruppe sein, die ernsthaft für sie kämpft, ist ein kaum
auszuhaltender Widerspruch.
Um 1930 war die illegitime
Reaktion der Christlich-Sozialen auf die Wahlerfolge der SDAP bereits
erkennbar. Diese war 1930 die stimmenstärkste Partei. Gerade deswegen
diskutierte die CSP die "autoritäre Lösung" als Antwort auf eine
demokratische Niederlage und auch die Heimwehr erstreckte sich nunmehr auf sehr
unterschiedliche (und auch deklassierte) Gruppen. Die CSP und ein Teil des
bürgerlichen Blocks reagierten auf die Möglichkeit weiterer
Stimmenverluste mit Demokratieverachtung und Gewaltbereitschaft. Auf der
anderen Seite förderte gerade die demokratische Stärkung des "Roten
Wien" (das zwei Drittel der SDAP-Mitglieder Österreichs vereinigte) den
nicht begründeten Optimismus von Karl Seitz. Und Seitz war nicht nur
optimistisch bezüglich des Sozialismus, sondern wähnte sich auch
politisch als unantastbar.
Im Februar 1934 wurde er aus seinem Büro
im Rathaus regelrecht hinausgetragen und schloss es trotzdem in einer Nachricht
an den Polizeipräsidenten aus, dass die Bundesregierung die Stadtregierung
verhaften könne. Tatsächlich blieb er ohne Anklageerhebung bis zum
Dezember 1934 in Haft. Im April '34 schlug er in einem Brief an Julius Tandler,
der mit seiner Rückkehr nach Wien seine Verhaftung bewusst in Kauf
genommen hatte, den aristokratischen Ton wieder an. "Diese Reise nach Wien",
schrieb er, "trotzdem und alledem · ganz Tandler! Die Minderwertigen
mögen gelächelt, bedauert haben (unnützes Opfer). Vielleicht
hast Du . . . auch gar nicht überlegt, was das bedeutet und wie gut es
wirkt · auch historisch wirken wird." Er sah das eigene Verhalten und
das von Tandler nicht uneitel mit den Augen der Nachwelt. Doch die
entscheidende und wohl auch durchgängige Haltung dieses tugendhaften
Mannes war das Einnehmen einer moralisch überlegenen Position und die
Einbettung dieses Selbstbildnisses in ein Bild vom "sozialdemokratischen
Zeitalter", das 1934 nicht einmal mittelfristig irgendwo zu sehen war.
Im Mai 1934 notierte er im Wiener Landesgericht ein paar Zeilen, die er
als Häftling Nummer 269 gleichsam an sich selber schrieb: "Wie klein und
gering ist die Sorge um Dich gegen die Sorge um die Menschen in dieser Zeit.
Aber aus diesen Betrachtungen entsteht sofort Kraft und Wille . . . Die
Menschen werden zu Menschen werden". Das war nicht der zeittypische Idealismus
des blinden Opfers, sondern der des Sozialisten aus der Pionierzeit, der auch
angesichts des weltweiten Faschismus den Gang der Geschichte auf seiner Seite
wähnte.
Was hätte Karl Seitz ohne seinen Optimismus und mit
mehr Hellsichtigkeit bezüglich des Faschismus politisch bewirken
können? Wahrscheinlich nichts anderes, als er bewirkt hat. Sich selbst
aber hätte er einen traurigen Lebensabschnitt erspart, wenn er zum
Beispiel zuerst nach Prag und dann in die USA emigriert wäre. In Amerika
hätte er eine bessere Zukunft vorgefunden als etwa der Ex- Journalist und
Ex-Vizebürgermeister Max Winter, der in den USA ein Namenloser war. Doch
Karl Seitz blieb an Ort und Stelle, wobei sein Hierbleiben von einzelnen
Personen sogar als Widerstand gedeutet wurde. Seine Festigkeit, hier
auszuharren, war auch sein Glaube an die höheren Spielregeln in der
Gesellschaft. Doch die Gesellschaft, die dieser Altösterreicher vor Augen
hatte, war die von 1900, nicht die der Zwischenkriegszeit.
Deshalb darf
man auch sagen, dass der Glaube an eine bestimmte Wahrheit in der Geschichte
ihn beruhigt hat. Ein Glaube, den die Nachgeborenen mit ihm nicht teilen
können. Denn die Geschichte enthält außer der platten Wahrheit,
dass Zeit enden muss, leider keine Gewissheiten.
|