Der brillante Analytiker Josef Taus
Josef Taus

Lebensdaten

Aufzählung Geboren am 8. 2. 1933 in Wien
Aufzählung 1966-67 Staatssekretär für Verkehr und verstaatlichte Industrie
Aufzählung 1967-75 Aufsichtsratsvorsitzender der ÖIG bzw. ÖIAG
Aufzählung 1975-79 Bundesparteiobmann der Österreichischen Volkspartei
Aufzählung 1975-91 Abgeordneter zum Nationalrat
Aufzählung Seit 1989 Unternehmer

Von Friedrich Weissensteiner

Der tragische Tod Karl Schleinzers war nicht nur für die Familie, sondern auch für die Österreichische Volkspartei ein schwerer (Schicksals-) Schlag. Zweieinhalb Jahre vor der nächsten Nationalratswahl stand sie ohne Spitzenkandidaten da. Die Entscheidung über seinen Nachfolger musste rasch fallen, und sie fiel rasch. Auf einem Außerordentlichen Parteitag , der am 31. Juli 1975 stattfand, wurde ein neues, junges Führungsduo gekürt: der 42 Jahre alte Dr. Josef Taus wurde mit 481 von 491 gültigen Stimmen zum Parteiobmann gewählt, der neue Generalsekretär, der 480 von 486 Stimmen auf sich vereinigen konnte, hieß Dr. Erhard Busek. Er stand im Alter von 34 Jahren. Bei seiner Antrittsrede gab sich Taus jugendlich-kämpferisch. "Die Nationalratswahl am 5. Oktober muss so ausfallen, dass die SPÖ auf jenes Maß reduziert wird, wie es für eine Demokratie noch erträglich ist", erklärte er unter anderem.

Wahlkampf gegen Kreisky

Im Wahlkampf, in dem er von seiner Partei voll unterstützt wurde, setzte Taus vor allem auf wirtschaftliche Themen, während die SPÖ die Person des Bundeskanzlers in den Mittelpunkt ihrer Wahlwerbung stellte. "Kreisky - wer sonst?" lautete ihr zugkräftiger Slogan. Das Wahlergebnis glich dem des Jahres 1971 auf das Haar: Die SPÖ errang 93 Mandate, die ÖVP 80, die FPÖ 10. Unter den gegebenen Umständen hatte sich die Volkspartei gar nicht einmal so schlecht geschlagen. Der junge Obmann war für das Resultat natürlich nicht verantwortlich zu machen. Er hatte sein Bestes gegeben, aber er war in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt und er stand gegen den medienerprobten Bruno Kreisky, der bei der TV-Konfrontation alle Register seiner politischen Erfahrung zog, auf verlorenem Posten. Josef Taus war in der innenpolitischen Arena zwar kein völlig Unbekannter, aber gegen seinen großen Gegner konnte er es an Popularität natürlich nicht aufnehmen.

Bescheiden aufgewachsen

Wie sein Vorgänger Schleinzer kam der am 8. Februar 1933 in Wien geborene Taus aus bescheidenen Verhältnissen, allerdings aus einem völlig verschiedenen Milieu. Der Vater war Fleischergeselle. Der Bub wuchs in der kleinen elterlichen Wohnung im dritten Gemeindebezirk auf und besuchte nach der Volksschule das Realgymnasium, an dem er 1951 maturierte. Anschließend studierte der hochbegabte junge Mann die Rechts- und Staatswissenschaften an der Hochschule für Welthandel. Obwohl der Werkstudent bei verschiedenen Firmen, in der Postsparkasse arbeitete, schloss er sein Studium bereits 1955 mit dem Dr. jur. ab. Nach dem Gerichtsjahr, in dem er sich auch als Wirtschaftsredakteur bei der "Wiener Zeitung" betätigte, ging er in die Wirtschaft, wo er sich durch die Ausarbeitung gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Expertisen für den ÖVP-Abgeordneten Karl Kummer, dem Leiter des Institutes für Sozialpolitik und Sozialreform, und durch seine hauptberufliche Tätigkeit am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung profilierte.

Taus, der sich als Student der CV-Verbindung "Bajuvaria" angeschlossen hatte, bewährte sich in jungen Jahren auch als "Ghostwriter" für den Finanzminister. Seine brillante wirtschaftspolitische Kompetenz, die er in Vorträgen und Veröffentlichungen unter Beweis stellte, empfahl ihn bald auch für höhere Aufgaben. Josef Klaus, von 1960-63 Finanzminister der Republik, erkor ihn zu seinem wirtschaftspolitischen Berater und schlug ihn nach seinem Rücktritt sogar für seine Nachfolge vor. Daraus wurde nichts. Bundeskanzler Gorbach übertrug das Finanzministerium dem Generalsekretär der Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft Franz Korinek. Klaus holte den 33jährigen dann 1966 als Staatssekretär in das Bundesministerium für Verkehr und Verstaatlichte Wirtschaft. Finanzminister wurde Wolfgang Schmitz.

Ein Jahr Regierungsmitglied

Josef Taus war nur ein Jahr Regierungsmitglied. Im März 1967 kehrte er in die Wirtschaft zurück, war im Bankgeschäft erfolgreich tätig (Girozentrale und Österreichische Sparkassen- AG) und wirkte als Aufsichtsratsvorsitzender in der ÖIAG. Politisch war er im Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbund (ÖAAB) verankert, der Arbeitnehmer-Teilorganisation der ÖVP. 1975 wurde er in den Nationalrat gewählt, wo er sich als Oppositionsführer und Herausforderer des amtierenden Kanzlers erst profilieren musste. Für den Job des Spitzenpolitikers brachte Josef Taus zweifellos eine Reihe von wichtigen Fähigkeiten mit. Er besitzt einen scharfen analytischen Verstand, er ist ein kluger, flexibler Verhandler, ein scharfzüngiger, brillanter Redner, der vor allem aus dem Stegreif pointiert und griffig zu argumentieren und zu formulieren versteht. Was er damals nicht konnte, war ein gewandter Umgang mit den Medien. Im Fernsehen wirkte Taus kühl, intellektuell und zuweilen, vor allem in seinem ureigensten Fachbereich, ein wenig abgehoben und überheblich. Auch sein Verhältnis zu den Journalisten war nicht friktionsfrei. Der erfolgreiche Manager ließ so manchem von ihnen in Interviews bei naiven, unpräzisen Fragen seine nur schwer bezähmbare Ungeduld und Überlegenheit spüren. Dieser nicht sehr virtuose Umgang mit den Medien und ihren Vertretern, den er allerdings mit zunehmender Erfahrung zu verbessern verstand, schadete seinem Image und war letztlich auch der Grund, warum er als Spitzenpolitiker nicht erfolgreich war.

Taus hätte als Finanz- und Wirtschaftsminister in einer Koalitions- oder Alleinregierung mit Sicherheit eine ausgezeichnete Figur gemacht. Als Führer der großen Oppositionspartei hatte er gegen einen Bruno Kreisky und in einem Jahrzehnt, das im Wesentlichen von sozialdemokratischen Zielsetzungen dominiert war, nur geringe Erfolgschancen. Als Obmann der ÖVP pflegte Josef Taus, der im persönlichen Gespräch durchaus leger sein kann, in der Bundesparteileitung im Gegensatz zu Karl Schleinzer einen kollegialen Führungs- und Arbeitsstil. Die Parteiarbeit war selbstverständlich von der Zielsetzung bestimmt, aus der Oppositionsrolle herauszukommen und nach der nächsten Wahl wieder Regierungsverantwortung zu übernehmen. Um dieses ziel zu erreichen, musste die Volkspartei nicht nur neue Wählerschichten für sich zu gewinnen versuchen, sondern sich auch neue Koalitionsvarianten überlegen.

Gesprächsbasis mit Götz

Trotz der großkoalitionären Grundstimmung in seiner Partei stellte Josef Taus eine tragfähige Gesprächsbasis zu Alexander Götz her, der 1978 die Führung der FPÖ übernahm. Die Sozialdemokraten reagierten darauf mit dem Slogan: "Taus-Götz: Nein danke", der bei der Nationalratswahl von 1979 äußerst werbewirksam, aber wohl nicht wahlentscheidend war. Dem durchdringenden analytischen Geist, dem scharfen Blick des Wirtschaftsforschers und strategisch denkenden Politikers blieb natürlich der sozio-ökonomische Strukturwandel nicht verborgen, der mit der rasanten industriellen und technologischen Entwicklung einherging. Er traf nicht nur die ÖVP, aber vor allem sie. Durch die Abwanderung vieler Landbewohner in die Städte schrumpften die "Kernschichten" der Volkspartei (Bauern, kleine Gewerbetreibende). Neben den traditionellen Sozialgruppen entstanden "neue Mittelschichten". Die Zahl der Wechselwähler wuchs.

Christliches Denken

Josef Taus versuchte darauf mit einer Verbreiterung der ideologischen Basis der Partei zu antworten. "Die österreichische christlich-demokratische Bewegung bekennt sich zum gesellschaftlichen Pluralismus, zur Mehrparteiendemokratie, zur Kontrolle der Macht, zum absoluten Vorrang der Sicherheit von Freiheit und Würde des Menschen, zu einem Grundrecht auf soziale Sicherheit. Die Quellen, aus denen der Mensch schöpft, um zu diesen Ansichten zu gelangen, können verschiedenartig sein. Viele werden sie aus einem christlichen Menschen- und Weltbild ableiten, andere wieder aus liberalen Überlegungen, wieder andere können über die Ethik der Erkenntnis zu ihren politischen Überzeugungen gelangen, andere aus sozialen humanen Überlegungen heraus.

Diese Offenheit den Ideen gegenüber bestimmt den Standort der ÖVP. Christliches Denken, ein christlicher Humanismus wird aber zu den Tragmauern des von ihr vertretenen Gedankengebäudes gehören", formulierte er in einem Beitrag zu einem Buch mit dem Titel "Kirche und Staat" (1976). Der Verbreiterung der Wählerbasis galt auch der Versuch, die Partei zu modernisieren. Der Bünde-Egoismus, die Selbstherrlichkeit so mancher Landeshauptleute, die ihre Eigeninteressen den Notwendigkeiten und Ziele der Gesamtpartei voranstellten, die Illoyalität mancher Funktionäre erschwerten eine griffige Oppositionspolitik. In der Wirtschaftspolitik vertrat Taus die Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft. Der Einfluss des Staates sollte zurückgedrängt, das Wachstum des öffentlichen Sektor eingebremst, die Subventionen für die verstaatlichte Industrie verringert, die Privatinitiative gefördert, die Produktionsmethoden modernisiert werden. Als Schüler Karl Kummers und als Vertreter der christlichen Soziallehre war ihm auch die Sozialpolitik ein Anliegen.

Nur fünf Stimmen weniger . . .

Josef Taus gelang es nicht, das Steuer herumzureißen. 1979 büßte die ÖVP gegenüber 1975 zwar nur 5 Stimmen ein (1,981.286 gegenüber 1,981291), aber sie verlor zwei Mandate an die SPÖ, die ihre absolute Parlamentsmehrheit ausbaute, und eines an die FPÖ. Josef Taus übernahm die Verantwortung für die Wahlniederlage. Er legte die Parteiobmannschaft zurück. Sein Nationalratsmandat behielt er. Bis 1991 erfreute sich Dr. Taus im Parlament als Wirtschaftssprecher der ÖVP, deren marktwirtschaftliche Ausrichtung er entscheidend mitbestimmte, größter Wertschätzung. Persönlich widmete er sich dem Auf- und Ausbau eines Konzernbetriebes. 1986-89 war er Vorstandsmitglied der CONSTANTIA Industrieholding AG, von 1989 bis 1999 bekleidete er eine solche Funktion in der Management Trust Holding AG, in der er derzeit im Aufsichtsrat sitzt. In den Medien ist Josef Taus nur noch selten zu sehen. Zu seinem 70. Geburtstag im Vorjahr gingen ihm zahlreiche Glückwünsche zu, im Oktober 2003 wurde er mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Steiermark ausgezeichnet. Josef Taus ist seit 1960 verheiratet. Der Ehe entstammt eine Tochter, die 1967 zur Welt kam.

Erschienen am: 31.07.2004