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Von Friedrich Weissensteiner
Der tragische Tod Karl Schleinzers
war nicht nur für die Familie, sondern auch für die
Österreichische Volkspartei ein schwerer (Schicksals-) Schlag. Zweieinhalb
Jahre vor der nächsten Nationalratswahl stand sie ohne Spitzenkandidaten
da. Die Entscheidung über seinen Nachfolger musste rasch fallen, und sie
fiel rasch. Auf einem Außerordentlichen Parteitag , der am 31. Juli 1975
stattfand, wurde ein neues, junges Führungsduo gekürt: der 42 Jahre
alte Dr. Josef Taus wurde mit 481 von 491 gültigen Stimmen zum
Parteiobmann gewählt, der neue Generalsekretär, der 480 von 486
Stimmen auf sich vereinigen konnte, hieß Dr. Erhard Busek. Er stand im
Alter von 34 Jahren. Bei seiner Antrittsrede gab sich Taus
jugendlich-kämpferisch. "Die Nationalratswahl am 5. Oktober muss so
ausfallen, dass die SPÖ auf jenes Maß reduziert wird, wie es
für eine Demokratie noch erträglich ist", erklärte er unter
anderem.
Wahlkampf gegen Kreisky
Im Wahlkampf, in dem er
von seiner Partei voll unterstützt wurde, setzte Taus vor allem auf
wirtschaftliche Themen, während die SPÖ die Person des Bundeskanzlers
in den Mittelpunkt ihrer Wahlwerbung stellte. "Kreisky - wer sonst?" lautete
ihr zugkräftiger Slogan. Das Wahlergebnis glich dem des Jahres 1971 auf
das Haar: Die SPÖ errang 93 Mandate, die ÖVP 80, die FPÖ 10.
Unter den gegebenen Umständen hatte sich die Volkspartei gar nicht einmal
so schlecht geschlagen. Der junge Obmann war für das Resultat
natürlich nicht verantwortlich zu machen. Er hatte sein Bestes gegeben,
aber er war in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt und er stand gegen den
medienerprobten Bruno Kreisky, der bei der
TV-Konfrontation alle Register seiner politischen Erfahrung zog, auf verlorenem
Posten. Josef Taus war in der innenpolitischen Arena zwar kein völlig
Unbekannter, aber gegen seinen großen Gegner konnte er es an
Popularität natürlich nicht aufnehmen.
Bescheiden
aufgewachsen
Wie sein Vorgänger Schleinzer kam der am 8.
Februar 1933 in Wien geborene Taus aus bescheidenen Verhältnissen,
allerdings aus einem völlig verschiedenen Milieu. Der Vater war
Fleischergeselle. Der Bub wuchs in der kleinen elterlichen Wohnung im dritten
Gemeindebezirk auf und besuchte nach der Volksschule das Realgymnasium, an dem
er 1951 maturierte. Anschließend studierte der hochbegabte junge Mann die
Rechts- und Staatswissenschaften an der Hochschule für Welthandel. Obwohl
der Werkstudent bei verschiedenen Firmen, in der Postsparkasse arbeitete,
schloss er sein Studium bereits 1955 mit dem Dr. jur. ab. Nach dem
Gerichtsjahr, in dem er sich auch als Wirtschaftsredakteur bei der "Wiener
Zeitung" betätigte, ging er in die Wirtschaft, wo er sich durch die
Ausarbeitung gesellschafts- und wirtschaftspolitischer Expertisen für den
ÖVP-Abgeordneten Karl Kummer, dem Leiter des Institutes für
Sozialpolitik und Sozialreform, und durch seine hauptberufliche Tätigkeit
am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung profilierte.
Taus, der sich als Student der CV-Verbindung "Bajuvaria" angeschlossen
hatte, bewährte sich in jungen Jahren auch als "Ghostwriter" für den
Finanzminister. Seine brillante wirtschaftspolitische Kompetenz, die er in
Vorträgen und Veröffentlichungen unter Beweis stellte, empfahl ihn
bald auch für höhere Aufgaben. Josef Klaus,
von 1960-63 Finanzminister der Republik, erkor ihn zu seinem
wirtschaftspolitischen Berater und schlug ihn nach seinem Rücktritt sogar
für seine Nachfolge vor. Daraus wurde nichts. Bundeskanzler
Gorbach übertrug das Finanzministerium dem
Generalsekretär der Bundeskammer der Gewerblichen Wirtschaft Franz
Korinek. Klaus holte den 33jährigen dann 1966 als Staatssekretär in
das Bundesministerium für Verkehr und Verstaatlichte Wirtschaft.
Finanzminister wurde Wolfgang Schmitz.
Ein Jahr
Regierungsmitglied
Josef Taus war nur ein Jahr Regierungsmitglied.
Im März 1967 kehrte er in die Wirtschaft zurück, war im
Bankgeschäft erfolgreich tätig (Girozentrale und Österreichische
Sparkassen- AG) und wirkte als Aufsichtsratsvorsitzender in der ÖIAG.
Politisch war er im Österreichischen Arbeiter- und Angestelltenbund
(ÖAAB) verankert, der Arbeitnehmer-Teilorganisation der ÖVP. 1975
wurde er in den Nationalrat gewählt, wo er sich als Oppositionsführer
und Herausforderer des amtierenden Kanzlers erst profilieren musste. Für
den Job des Spitzenpolitikers brachte Josef Taus zweifellos eine Reihe von
wichtigen Fähigkeiten mit. Er besitzt einen scharfen analytischen
Verstand, er ist ein kluger, flexibler Verhandler, ein scharfzüngiger,
brillanter Redner, der vor allem aus dem Stegreif pointiert und griffig zu
argumentieren und zu formulieren versteht. Was er damals nicht konnte, war ein
gewandter Umgang mit den Medien. Im Fernsehen wirkte Taus kühl,
intellektuell und zuweilen, vor allem in seinem ureigensten Fachbereich, ein
wenig abgehoben und überheblich. Auch sein Verhältnis zu den
Journalisten war nicht friktionsfrei. Der erfolgreiche Manager ließ so
manchem von ihnen in Interviews bei naiven, unpräzisen Fragen seine nur
schwer bezähmbare Ungeduld und Überlegenheit spüren. Dieser
nicht sehr virtuose Umgang mit den Medien und ihren Vertretern, den er
allerdings mit zunehmender Erfahrung zu verbessern verstand, schadete seinem
Image und war letztlich auch der Grund, warum er als Spitzenpolitiker nicht
erfolgreich war.
Taus hätte als Finanz- und Wirtschaftsminister in
einer Koalitions- oder Alleinregierung mit Sicherheit eine ausgezeichnete Figur
gemacht. Als Führer der großen Oppositionspartei hatte er gegen
einen Bruno Kreisky und in einem Jahrzehnt, das im Wesentlichen von
sozialdemokratischen Zielsetzungen dominiert war, nur geringe Erfolgschancen.
Als Obmann der ÖVP pflegte Josef Taus, der im persönlichen
Gespräch durchaus leger sein kann, in der Bundesparteileitung im Gegensatz
zu Karl Schleinzer einen kollegialen Führungs- und Arbeitsstil. Die
Parteiarbeit war selbstverständlich von der Zielsetzung bestimmt, aus der
Oppositionsrolle herauszukommen und nach der nächsten Wahl wieder
Regierungsverantwortung zu übernehmen. Um dieses ziel zu erreichen, musste
die Volkspartei nicht nur neue Wählerschichten für sich zu gewinnen
versuchen, sondern sich auch neue Koalitionsvarianten überlegen.
Gesprächsbasis mit Götz
Trotz der
großkoalitionären Grundstimmung in seiner Partei stellte Josef Taus
eine tragfähige Gesprächsbasis zu Alexander Götz her, der 1978
die Führung der FPÖ übernahm. Die Sozialdemokraten reagierten
darauf mit dem Slogan: "Taus-Götz: Nein danke", der bei der
Nationalratswahl von 1979 äußerst werbewirksam, aber wohl nicht
wahlentscheidend war. Dem durchdringenden analytischen Geist, dem scharfen
Blick des Wirtschaftsforschers und strategisch denkenden Politikers blieb
natürlich der sozio-ökonomische Strukturwandel nicht verborgen, der
mit der rasanten industriellen und technologischen Entwicklung einherging. Er
traf nicht nur die ÖVP, aber vor allem sie. Durch die Abwanderung vieler
Landbewohner in die Städte schrumpften die "Kernschichten" der Volkspartei
(Bauern, kleine Gewerbetreibende). Neben den traditionellen Sozialgruppen
entstanden "neue Mittelschichten". Die Zahl der Wechselwähler wuchs.
Christliches Denken
Josef Taus versuchte darauf mit
einer Verbreiterung der ideologischen Basis der Partei zu antworten. "Die
österreichische christlich-demokratische Bewegung bekennt sich zum
gesellschaftlichen Pluralismus, zur Mehrparteiendemokratie, zur Kontrolle der
Macht, zum absoluten Vorrang der Sicherheit von Freiheit und Würde des
Menschen, zu einem Grundrecht auf soziale Sicherheit. Die Quellen, aus denen
der Mensch schöpft, um zu diesen Ansichten zu gelangen, können
verschiedenartig sein. Viele werden sie aus einem christlichen Menschen- und
Weltbild ableiten, andere wieder aus liberalen Überlegungen, wieder andere
können über die Ethik der Erkenntnis zu ihren politischen
Überzeugungen gelangen, andere aus sozialen humanen Überlegungen
heraus.
Diese Offenheit den Ideen gegenüber bestimmt den Standort
der ÖVP. Christliches Denken, ein christlicher Humanismus wird aber zu den
Tragmauern des von ihr vertretenen Gedankengebäudes gehören",
formulierte er in einem Beitrag zu einem Buch mit dem Titel "Kirche und Staat"
(1976). Der Verbreiterung der Wählerbasis galt auch der Versuch, die
Partei zu modernisieren. Der Bünde-Egoismus, die Selbstherrlichkeit so
mancher Landeshauptleute, die ihre Eigeninteressen den Notwendigkeiten und
Ziele der Gesamtpartei voranstellten, die Illoyalität mancher
Funktionäre erschwerten eine griffige Oppositionspolitik. In der
Wirtschaftspolitik vertrat Taus die Grundsätze der sozialen
Marktwirtschaft. Der Einfluss des Staates sollte zurückgedrängt, das
Wachstum des öffentlichen Sektor eingebremst, die Subventionen für
die verstaatlichte Industrie verringert, die Privatinitiative gefördert,
die Produktionsmethoden modernisiert werden. Als Schüler Karl Kummers und
als Vertreter der christlichen Soziallehre war ihm auch die Sozialpolitik ein
Anliegen.
Nur fünf Stimmen weniger . . .
Josef Taus
gelang es nicht, das Steuer herumzureißen. 1979 büßte die
ÖVP gegenüber 1975 zwar nur 5 Stimmen ein (1,981.286 gegenüber
1,981291), aber sie verlor zwei Mandate an die SPÖ, die ihre absolute
Parlamentsmehrheit ausbaute, und eines an die FPÖ. Josef Taus
übernahm die Verantwortung für die Wahlniederlage. Er legte die
Parteiobmannschaft zurück. Sein Nationalratsmandat behielt er. Bis 1991
erfreute sich Dr. Taus im Parlament als Wirtschaftssprecher der ÖVP, deren
marktwirtschaftliche Ausrichtung er entscheidend mitbestimmte,
größter Wertschätzung. Persönlich widmete er sich dem Auf-
und Ausbau eines Konzernbetriebes. 1986-89 war er Vorstandsmitglied der
CONSTANTIA Industrieholding AG, von 1989 bis 1999 bekleidete er eine solche
Funktion in der Management Trust Holding AG, in der er derzeit im Aufsichtsrat
sitzt. In den Medien ist Josef Taus nur noch selten zu sehen. Zu seinem 70.
Geburtstag im Vorjahr gingen ihm zahlreiche Glückwünsche zu, im
Oktober 2003 wurde er mit dem Goldenen Ehrenzeichen des Landes Steiermark
ausgezeichnet. Josef Taus ist seit 1960 verheiratet. Der Ehe entstammt eine
Tochter, die 1967 zur Welt kam.
Erschienen am: 31.07.2004 |