• vom 10.12.2012, 17:16 Uhr

Analysen

Update: 10.12.2012, 17:55 Uhr

Kulturpolitik

Nicht jeder Schocker ist ein Opfer




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (14)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christoph Irrgeher

  • Analyse
  • Die Absage des Weihnachtskonzerts der Hinichen war Zensur. Aber gerechtfertigt.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ....

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ....© APAweb / dpa/Martin Schutt Wie ein Blitz aus heiterem Himmel ....© APAweb / dpa/Martin Schutt

Glaubt man den "Hinichen", fuhr ein Blitz aus heiterem Himmel auf sie herab. Genauer gesagt auf das Weihnachtskonzert der Band. Der Termin am 8. Dezember im Gasometer wurde nämlich kurzfristig abgesagt. Und warum? Darüber haben die Wiener Musiker dann doch rasch eine Theorie entwickelt. Ein "diktatorisch anmutender" Akt stecke dahinter. Die Wiener Grünen hätten Anstoß an den derben Worten der Band genommen und deshalb gegen den "traditionellen" Termin interveniert - und dabei völlig den "Humor und die Selbstironie" der Band übersehen.

Werbung

Dem ist in einem Punkt recht zu geben: Tatsächlich wurde das Konzert auf Betreiben des Grünen Kultursprechers Klaus Werner-Lobo gestoppt. Er begründete sein Vorgehen auch mit dem Umstand, dass der Veranstaltungsort von der Stadt Wien subventioniert wird.

So erstaunt, wie die "Hinichen" sich geben, konnten sie aber kaum sein. Beim gleichen Veranstalter platzte schon 2008 ein Termin, weil Frauenaktivisten protestierten. Eine Textprobe der "Hinichen" erklärt die Wut: "Wir mischen auf im Frauenhaus, wir peitschen die Emanzen aus (. . .). Die Fotzen, ja die g’hörn verdroschen, zuerst aufs Aug und dann in d’Goschn."

Nach ein paar Schrecksekunden könnten Leser nun fragen: Und wo steckt da "Selbstironie"? Eigentlich blitzt sie weder in diesem Song noch bei diversen anderen auf, als deren roter Faden Frauenverachtung und F-Wörter gelten können. Allen Ernstes vergleichen sich die "Hinichen" nun mit Pussy Riot. Jedoch: Wer einmal "Pussy" sagt, ist darum noch lang kein Politopfer.

Dass die IG Autorinnen Autoren die Konzertabsage als das, was sie ist - nämlich Zensur -, tadelt und Anstoß an dem Plan nimmt, Förderbedingungen präziser auszuformulieren, ist verständlich als Reflex einer um Freiheit ringenden Kunst. Wer sich auf eine Intellektualisierung des Eklats einlässt, erweist den "Hinichen" aber zu viel der Ehre. Es ist dies auch kein Anlass, sich in dieser Stadt um die demokratische Tugend Toleranz zu sorgen. Sie erweist sich schon an dem Umstand, dass solche gehässigen Vulgarismen ungestraft in Wien erklingen dürfen. Dass die Stadt auch noch dafür zahlen soll, wäre entschieden zu viel verlangt.




Schlagwörter

Kulturpolitik

2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2014
Dokument erstellt am 2012-12-10 17:11:02
Letzte Änderung am 2012-12-10 17:55:07


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Welt von heute
  2. Europa und die Ukraine, Vergangenheit und Zukunft
  3. Narendra Modi: verehrt, verhasst
  4. Der Hauch des Kalten Krieges
  5. Stochern im Nebel
Meistkommentiert
  1. Europa und die Ukraine, Vergangenheit und Zukunft
  2. Die Welt von heute

Werbung




"Ein tiefer Fall führt oft zu höherm Glück." ("Cymbeline", vierter Akt, zweite Szene)

Die Grünen, die sich auch als Antikorruptionspartei positionieren, enthüllen ihre Plakate - einmal gegen krumme Geschäfte ... Francesca Woodman, Untitled, Rome, Italy, 1977–1978/2006
Schwarz-Weiß-Silbergelatineabzug auf Barytpapier.

24.4.2014: Ein afghanischer Polizist hält eine Waffe und steht vor einem "Waffen Verboten"-Schild. Er bewacht ein Spital, nachdem drei Amerikaner am 24. April getötet wurden. Mal Ungeheuer, mal erotischer Verführer. Vampire und Vampirinnen haben viele Gesichter.

Werbung