• vom 02.07.2015, 18:32 Uhr

Analysen

Update: 02.07.2015, 19:12 Uhr

Griechenland

Europa in der Austeritätsfalle




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Von Thomas Seifert

  • Das Wort "Austerität" geht auf die alten Griechen zurück. Im heutigen Griechenland ist es zum Reizwort geworden.

Suppenküchen einst und jetzt: Ein Obdachloser bekommt Essen von der Agioi Asomati Foundation in Athen, rechts Arbeitslose im Chicago der 1930er. - © epa/Y. Kolesidis, Corbis

Suppenküchen einst und jetzt: Ein Obdachloser bekommt Essen von der Agioi Asomati Foundation in Athen, rechts Arbeitslose im Chicago der 1930er. © epa/Y. Kolesidis, Corbis

Wien. Austerität ist Griechisch. Das Wort geht auf das altgriechische "austeros" zurück, was ursprünglich so viel bedeutete wie "Trockenheit auf der Zunge", bald aber als Umschreibung für schwierige Umstände diente. Es war auch der griechische Philosoph Aristoteles (384-322 v. Chr.), der als einer der ersten Verkünder der Botschaft der Austerität gelten kann. Die Griechen von heute wissen nach Jahren der Sparpolitik ganz genau.

Im jetzigen Streit zwischen dem griechischen Premier Alexis Tsipras und den EU-Partnern geht es im Wesentlichen um einen Streit um die Fortsetzung der Austeritätspolitik im Land. Tsipras will eine Abkehr vom harten Sparkurs, die europäischen Gläubiger pochen aber darauf, dass Athen die Ausgaben weiter senkt und die Einnahmen erhöht, um die angehäuften Schulden eines Tages zurückzahlen zu können.

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Europa muss seine Schulden in den Griff bekommen, lautet das Credo der Europäischen Machteliten. Doch die Krisenrezepte wirken nicht: Die Staatsschulden in Europa sind kaum gesunken und das Wachstum ist weiterhin schwach. "Warum wird die Sparpolitik trotzdem mit breiter Unterstützung von Politikern, Ökonomen und großen Teilen der Öffentlichkeit fortgesetzt?", fragt der Wirtschaftshistoriker der Universität St. Gallen, Florian Schui, in seinem Buch "Austerität. Politik der Sparsamkeit - die kurze Geschichte eines großen Fehlers".

Schui argumentiert, dass der deutsche Sparkurs und schwache Lohnentwicklung im Land erheblich zur Eurokrise beigetragen haben, weil dadurch Importe aus EU-Staaten geschwächt wurden. Viele deutsche Unternehmen seien nur dadurch gut durch die Krise gekommen, weil sie die sinkende heimische Nachfrage durch vermehrten Absatz im Ausland ausgleichen konnten. Der deutsche Markt habe aber wegen der Sparpolitik keine vergleichbare Rolle für Unternehmen im europäischen Ausland gespielt, die schwächelnden Importe haben zur Erhöhung der Handelsbilanzüberschüsse Deutschlands auf heute 200 Milliarden Euro beigetragen. Dieses Kapital musste irgendwo hin und wurde unter anderem in die heutigen Krisenstaaten exportiert - bis es zum Crash kam. Dass durch die Kreditschwemme (nicht nur) Griechenlands Regierung weit über die Verhältnisse leben konnten, ist die andere Seite dieser Medaille.

Die beiden linken Ökonomen Heiner Flassbeck und Costas Lapavitsas schlagen in ihrem Buch "Nur Deutschland kann den Euro retten" in dieselbe Kerbe: Die von Deutschland verordnete Sparpolitik habe den Geist des "vereinten Europa" zerstört und in mehreren Ländern zu heftigen sozialen und politischen Spannungen geführt. "Heute ist die Union wahrscheinlich schwächer als zu irgendeinem anderen Zeitpunkt ihrer Geschichte", urteilen die beiden.

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Dokument erstellt am 2015-07-02 18:35:06
Letzte nderung am 2015-07-02 19:12:54



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