• vom 08.07.2016, 07:00 Uhr

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Update: 08.07.2016, 07:49 Uhr

Bundespräsident

Mehr Zweite Republik geht nicht




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Von Walter Hämmerle

  • Heinz Fischer zum Abschied: eine kritische Würdigung.

Quadratmeter OEG, Hollenstein Dietmar

Quadratmeter OEG, Hollenstein Dietmar Quadratmeter OEG, Hollenstein Dietmar

Es gelingt nicht vielen Menschen, und den wenigsten Politikern, sich im fortgeschrittenen Alter neu zu erfinden. Heinz Fischer ist einer davon. Überhaupt: Wie vielen Spitzenpolitikern war es in den letzten Jahrzehnten vergönnt, unter Applaus, ohne Groll, ohne Niederlage, ohne Demütigung in den Ruhestand zu wechseln? Nach einigem Grübeln fallen einem Rudolf Kirchschläger und Franz Vranitzky ein. Der große Rest leckte im Anschluss seine Wunden, zu denen sich nicht selten auch noch Häme gesellte.

Man muss sich das so deutlich vor Augen führen, um die Sonderstellung Fischers am Ende seiner Karriere erfassen zu können. Die Pointe, dass er 2004 ohne Vorgänger ins Amt kam und nun ohne Nachfolger ausscheidet, unterstreicht sie nur noch in dieser erneut umkämpften Republik. Thomas Klestil verstarb zwei Tage vor der Angelobung Fischers, und wer diesem nachfolgt - Alexander Van der Bellen oder Norbert Hofer -, entscheidet sich nach der Aufhebung der Stichwahl nun erst am 2. Oktober. Bis dahin muss das Land mit einem Provisorium aus den Nationalratspräsidenten vorliebnehmen.


Ein Prinzling der Republik
Dass sich nun fast alle vor der politischen Lebensleistung Fischers verneigen, war nicht unbedingt zu erwarten. Die längste Zeit seiner Karriere verdingte er sich als Systemerhalter. Im modernen China nennt man einen wie ihn "Prinzling". Geboren 1938 in Graz, entstammt Fischer höherem SPÖ-Adel: Der Vater war Sektionschef und in den 1950ern Staatssekretär in der großen Koalition unter Julius Raab, der Onkel Ende der 1940er Jahre Minister im Kabinett Figl und später für Jahrzehnte Generaldirektor des roten Konsums, und Schwiegervater Otto Binder - Fischers Hochzeit mit seiner Frau Margit erfolgte 1968 - lenkte mit der Wiener Städtischen einen weiteren Konzern der einstigen roten Reichshälfte.

Fischer selbst promovierte 1961 an der Universität zum Doktor der Rechte und heuerte im Jahr darauf als Sekretär im Parlamentsklub der SPÖ an, 1971 zog er erstmals als Abgeordneter in den Nationalrat ein. Sieht man von der kurzen Episode als Wissenschaftsminister (1983 bis 1987) im rot-blauen Kabinett von Fred Sinowatz ab, gehörte Fischer dem Hohen Haus ununterbrochen bis zum Jahr 2004 an, unter anderem als Klubobmann, ab 1990 als Erster und nach 2002 schließlich als Zweiter Nationalratspräsident.

In all diesen Stationen deutete wenig an, was einmal aus Fischer werden würde: ein Bundespräsident, den wahrscheinlich eine Mehrheit jenseits der 70 Prozent locker in eine dritte Amtszeit schicken würde, wenn das nur die Verfassung hergeben würde. Als trocken und vorsichtig bezeichneten ihn sogar die eigenen Leute, und manchmal schwang dabei auch leiser Spott mit. In den Augen politische Gegner stieg er mitunter zum roten Lordsiegelbewahrer von Bruno Kreiskys Erbe auf. Die Loyalität zum Sonnenkönig ließ ihn auch einen seiner wenigen wirklichen Fehltritte machen: seine Forderung nach einem Untersuchungsausschuss gegen Simon Wiesenthal, der Kreisky wegen der NS-Vergangenheit etlicher SPÖ-Minister und des damaligen FPÖ-Obmanns Friedrich Peter heftig kritisierte.

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Dokument erstellt am 2016-07-07 16:59:07
Letzte ─nderung am 2016-07-08 07:49:34



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