• vom 12.01.2017, 16:06 Uhr

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Update: 13.01.2017, 07:40 Uhr

Gesellschaft

Kampfzone Frau




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Von Judith Belfkih

  • Vom Kopftuch bis zur Abtreibung - der weibliche Körper ist immer wieder Schauplatz von politischen Diskussionen.

Die Debatte um das Kopftuch ist nur eine von vielen, die über den weiblichen Körper ausgetragen werden.

Die Debatte um das Kopftuch ist nur eine von vielen, die über den weiblichen Körper ausgetragen werden.© Getty Images/Aini Amira Fadzil/EyeEm Die Debatte um das Kopftuch ist nur eine von vielen, die über den weiblichen Körper ausgetragen werden.© Getty Images/Aini Amira Fadzil/EyeEm

Der Kampf um den Körper der Frau ist wieder entflammt. Aktuelles Thema ist einmal mehr das leidige Kopftuch, das Außenminister Sebastian Kurz jetzt gerne aus dem öffentlichen Dienst verbannt sähe. Sieht man keine Frauen mit Kopftuch, ist Integration geglückt, scheint die simple Formel dahinter zu sein. Ein Trugschluss, denn die einzige Konsequenz eines Kopftuchverbotes ist die Diskriminierung von muslimischen Frauen und Mädchen. Sie werden damit praktisch vom Staatsdienst ausgeschlossen, bleiben ob der Stigmatisierung ihrer Kopfbedeckung vermehrt zuhause und ziehen sich noch mehr in sogenannte Parallelgesellschaften zurück. Alles keine Effekte, die Integration fördern. Ganz im Gegenteil.

Frauen dazu zu bringen, ihr Kopftuch abzulegen, lässt sich nicht per Gesetz erreichen. Ein Verbot wirkt hier sogar kontraproduktiv und schürt die gesellschaftlichen Missstimmungen auf beiden Seiten. Nicht nur weibliche Muslime fühlen sich dadurch ein Stück mehr bevormundet und ausgegrenzt. Islamophobe Bürger bekommen gleichzeitig staatliche Rückendeckung für ihren Hass. Beides treibt eher die oft zitierte Spaltung der Gesellschaft voran, als einer Lösung auch nur einen Schritt weit näher zu kommen.

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Der Schlüssel für Integration an sich und für die Kopftuchdebatte im Speziellen liegt in der von muslimischen Frauen immer wieder betonten Freiwilligkeit, mit der sie den Hidschab tragen. Jede Frau, die in einem muslimischen Land gelebt hat, weiß, wie sich diese Freiwilligkeit anfühlt. Die möglichst flächendeckende Körperbedeckung ist in vielen Ländern der einzige effektive Schutz davor, im öffentlichen Raum sexuell belästigt zu werden - sei es durch Blicke, Lichthupen oder klare verbale Angebote. Der Grund für den weiblichen Schleier ist also immer noch der männliche Blick. Er suggeriert der Frau, unterfüttert von einem entsprechenden gesellschaftlichen Moralkodex, dass ihr Körper etwas potenziell Sündhaftes an sich hat - und sei es nur dadurch, dass er den Mann zur Sündhaftigkeit anregt - und daher zu verhüllen ist. Eine Grundhaltung, von der sich das aufgeklärte und säkulare Europa zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung vor gut 40 Jahren verabschiedet hat.

Frauen zu erklären, dass sie in Europa auch ohne Kopftuch geschützt sind, durch einen gesellschaftlichen Kodex und lange erkämpfte Rechte für Frauen, dass sie sich hier also gefahrlos frei bewegen können, diese Erkenntnis ist das Einzige, das diese kollektiv eingeprägte Freiwilligkeit verändern kann. Denn das Tragen des Kopftuchs ist auch in der arabischen Welt kein eindeutiger Indikator für Frömmigkeit, oft ist es ein Spiegelbild traditioneller, konservativer Kräfte. Es gibt ebenso tiefgläubige Muslimas ohne Kopftuch wie solche, die sich nur aus sozialen Gründen oder aus Gewohnheit bedecken.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-12 16:11:06
Letzte ńnderung am 2017-01-13 07:40:04



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